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Bürokratie hemmt Dekarbonisierung der Industrie

Die deutsche Industrie klagt, dass die Bürokratie ihre Dekarbonisierung ausbremst; doch lassen sie dabei oft auch das Potenzial der Lieferkette außen vor.

79 % der Unternehmen finanzieren laut der Studie von EY ihre Dekarbonisierungsanstrengungen aus dem Eigenkapital. 62 % nutzen (auch) öffentliche Fördermittel. EY erklärt die relativ zurückhaltende Nutzung von Fördermitteln mit dem hohen Aufwand, der mit der Beantragung verbunden sei.

Die Reduzierung des Energieverbrauchs und die Umstellung auf alternative Energieträger sind wichtige Bestandteile der Dekarbonisierungsstrategien deutscher Unternehmen. Einige von ihnen haben sich nach einer neuen Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY sehr ambitionierte Dekarbonisierungsziele gesteckt: 46 % planen, klimaneutral („net zero“) zu werden, 16 % wollen sogar klimapositiv werden.

Um dies zu erreichen, haben drei von vier Unternehmen ihre Beleuchtung auf LED umgestellt, 58 % haben Renovierungsmaßnahmen an den Büro- oder Produktionsgebäuden vorgenommen, immerhin etwas mehr als die Hälfte nutzt Wärmerückgewinnung, etwa ebenso viele Abwärme. Im Schnitt wollen Unternehmen damit ihren Energieverbrauch um 22 % reduzieren. Obendrein haben 66 % der Unternehmen ihre Energieversorgung teilweise auf Photovoltaik umgestellt, 58 % nutzen Grünstrom, 37 % die Wärmepumpentechnologie.

Unternehmen in der industriellen Produktion wollen ihren Energieverbrauch nach der Studie von EY um 21 % senken.

„Trotz aller bislang unternommenen Aktivitäten – es ist fraglich, ob die gesetzten Ziele ausreichen und ob nicht größere Veränderungen nötig wären“, sagt Florian Huber, Partner bei EY. In vielen Fällen wurden bislang etwa bei der Energieeinsparung eher einfach umzusetzende Maßnahmen ergriffen – etwa die Umstellung der Beleuchtung auf LED. „Eine echte Dekarbonisierung der Produktion muss aber viel weiter gehen“, so Huber. Vor allem begnügen sich viele Unternehmen damit, Emissionen, die von ihnen selbst unmittelbar verantwortet werden, zu reduzieren, statt ihre gesamte Lieferkette – also auch die Zulieferer – zu betrachten, bemängelt er.

Dekarbonisierung oft ohne Scope-3-Emissionen

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So beziehen sich bei 95 % der Unternehmen, die ein kurzfristiges Dekarbonisierungsziel formuliert haben, auf den begrenzten Emissionsbereich Scope 1 und Scope 2. Nur 36 % berücksichtigen auch Scope-3-Emissionen der gesamten Wertschöpfungskette. Diese entstehen beispielsweise bei Zulieferern, die Material für Produkte herstellen oder auch durch Abfall. „Die Mehrzahl der Unternehmen erfasst die Scope-3-Emissionen nicht und berücksichtigt sie nicht in den Klimazielen – obwohl hier der größte Hebel besteht“, sagt Huber.

Häufigste Maßnahmen zur Reduktion der Energieintensität sind für die deutschen Industrieunternehmen die Umstellung auf LED-Beleuchtung und auf Technologien mit höherer Energieeffizienz.

Zudem würden seiner Erfahrung nach viele Unternehmen bei ihren Dekarbonisierungsstrategien vor allem auf neue Technologien und Maschinen setzen und die Bedeutung des Themas Kreislaufwirtschaft unterschätzen: „Es lassen sich oft enorme Effekte erzielen, wenn Unternehmen sich um die gezielte Rücknahme, Überarbeitung, Aufwertung und Rückgabe ihrer Produkte kümmern. Derartige Initiativen sind zudem deutlich weniger kapitalintensiv – erfordern aber eine tiefgehende Analyse der eigenen Lieferkette.“

Installation von Photovoltaikmodulen sehr komplex

Die Studie von EY (hier geht es zum Download) zeigt allerdings auch, dass sich viele der rund 200 befragten Unternehmen schwertun, ihre Ziele in die Tat umzusetzen: Besonders große Hindernisse sind für drei Viertel von ihnen bürokratische Vorschriften und teilweise sehr lange Genehmigungsverfahren. „Ein Industrieunternehmen, das mal eben auf der Brachfläche nebenan ein Photovoltaikmodul installieren möchte, muss erfahrungsgemäß eine mehrjährige Odyssee durch verschiedene Ämter durchlaufen, Gutachten erstellen lassen, Prüfungen durchführen und Genehmigungen einholen – mit ungewissem Ausgang“, berichtet Simon Fahrenholz, ebenfalls Partner bei EY. „Wir stehen uns mit der Komplexität unserer Verwaltungsabläufe und Regulierungen oft selbst im Weg“, ergänzt Huber. „Der Wille der Wirtschaft, erhebliche Anstrengungen zur Dekarbonisierung zu unternehmen, ist zwar auf jeden Fall da – in der Realität ist aber schon so manchem Unternehmer sein Klimaenthusiasmus im Behördendschungel abhandengekommen.“

Hohe Energiepreise stellen nach der Studie für deutlich weniger Unternehmen – 63 % – eine große Hürde dar. Hohe Investitionskosten beziehungsweise die schwierige Finanzierung von Dekarbonisierungsprojekten bereiten 57 % größere Probleme. Die mangelnde Verfügbarkeit von Technologien ist für 50 % der Unternehmen eine große Hürde, fehlendes Know-how im Unternehmen für 42 %.

Deutschland kein attraktiver Standort

Unternehmen in der industriellen Produktion wollen ihren Energieverbrauch nach der Studie von EY um 21 % senken.

Nur jedes fünfte befragte Unternehmen hält Deutschland für einen attraktiven Standort, wenn es um die Dekarbonisierung von Produktionsstätten geht. Skandinavische Länder führen mit 28 % der Nennungen das Ranking an, 9 % bezeichnen Nordamerika als attraktivste Region. „Wenn nur jedes fünfte hierzulande tätige Unternehmen die Rahmenbedingungen in Deutschland als attraktiv bezeichnet, sollte uns das zu denken geben“, sagt Fahrenholz. Allerdings zeige die Befragung auch, dass kein Land beziehungsweise keine Region weltweit als eindeutig führend angesehen werde – auch nicht die USA, die mit dem Inflation Reduction Act ein sehr attraktives und erfolgreiches Förderprogramm aufgelegt hätten. Fahrenholz: „Eine Verlagerung der Produktion ist für die meisten Unternehmen kein Thema, weil der Aufwand zu groß ist. Wenn es allerdings um einen Neuaufbau einer dekarbonisierten Produktion geht, droht Deutschland ins Hintertreffen zu geraten.“ sk

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