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Kreislaufwirtschaft: Bitte mehr Mehrwegverpackungen

Bereits ab fünf Nutzungen erreicht die Materialeffizienz von Mehrwegbechern die von Einwegbechern, hat das Fraunhofer CCPE in seiner Studie ermittelt. Poolsysteme wie Recup haben jedoch noch Ausbaupotenzial. „Ein starkes Argument zugunsten des Mehrwegbechers wäre, wenn dieser zusätzlich noch aus Rezyklat bestehen würde. Hier sind lebensmittelrechtlich akzeptable Lösungen zu entwickeln“, fordern die Forscher. Foto: Recup

Mehrwegverpackungen aus Kunststoff bieten großes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Fraunhofer-Forschern.

Mehrwegverpackungen sind nach Einschätzung des Fraunhofer Clusters of Excellence Circular Plastics Economy CCPE den entsprechenden Einwegalternativen fast immer überlegen und bergen daher großes Potenzial für eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft. „Was fehlt, sind allerdings klare politische Rahmenbedingungen und die Umsetzung der bestehenden Abfallhierarchie, die Mehrweg eigentlich priorisiert“, sagt Jürgen Bertling vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Umsicht und Projektleiter der Studie.

Obst- und Gemüsesteigen, Pflanzentrays und Coffee-to-go-Becher im Fokus

Die Studie „Kunststoffbasierte Mehrwegsysteme in der Circular Economy“ hat das Fraunhofer CCPE im Auftrag der Stiftung Initiative Mehrweg (SIM) erstellt und dabei drei kunststoffbasierte Mehrwegsysteme mit ihren Einwegalternativen verglichen und daraus Empfehlungen für eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft abgeleitet: Bereits im Handel etablierte Obst- und Gemüsesteigen, Pflanzentrays – in Vorbereitung für einen großflächigen Einsatz – und Coffee-to-go-Becher. Letztere befinden sich in der Einführungsphase.

Die drei Systeme wurden mit den jeweils entsprechenden Einweglösungen in den drei Bereichen Zirkularität, Performance und Nachhaltigkeit in insgesamt 17 Unterkategorien verglichen. Das Ergebnis: Mehrweg bietet für alle drei untersuchten Demonstratoren klare Vorteile – von der Materialeffizienz über geringere Kunststoffemissionen bis hin zu einem besseren Produktschutz durch robustere Ausführungen.

Kunststoff bleibt gerade bei Mehrwegsystemen Material der Wahl

Mehrwegpflanzentrays wie hier das sogenannte Floritray bestehen aus thermoplastischem Monomaterial auf Basis von Rezyklaten. Nachdem sie zum Beispiel wegen Beschädigungen aussortiert werden müssen, können sie erneut werkstofflich rezykliert werden. Dennoch sind laut Fraunhofer CCPE Weiterentwicklungen bei der Wiederaufarbeitung von Thermoplasten durch verbesserte Additivierung und prozesstechnische Optimierungen möglich und sinnvoll. Foto: Landgard

„Im Vergleich mit anderen Verpackungsmaterialien wie Papier oder Holz weist Kunststoff eine Vielzahl vorteilhafter Eigenschaften auf – leicht, haltbar, chemisch inert – und bleibt damit für zahlreiche Anwendungen, gerade bei Mehrwegsystemen, das Material der Wahl“, stellt Bertling klar.

Die Studie wendet sich gleichermaßen an Politik, Verbände, Hersteller von Kunststoffverpackungen und Anbieter von Mehrweg-Poollösungen. Das Autorenteam empfiehlt schlussfolgernd zwei zentrale Maßnahmen: Zum einen sollten Wege zur konsequenten Umsetzung der Abfallhierarchie aufgezeigt und gefördert werden. Zum anderen sollten Einwegsysteme erst dann zum Tragen kommen, wenn die Möglichkeiten der Mehrfachnutzung ausgeschöpft seien.

Bertling: „Dieses Ergebnis der Studie steht im Gegensatz zur heutigen Realität am Verpackungsmarkt. Es muss neue politische Rahmenbedingungen geben, die das Umgehen dieser Reihenfolge sanktionieren. Gleichzeitig sollten Anreizsysteme für Unternehmen geschaffen werden, um vermehrt Mehrweglösungen für Kunststoffe zu etablieren.“ Er fordert zudem eine Überprüfung der Abfallhierarchie durch ein Expertengremium und nachfolgend ihre strikte Umsetzung in der Praxis. Sinnvoll sei außerdem, weniger auf die Recyclingquoten zu schauen, sondern anspruchsvolle Rezyklatanteile in der Produktion vorzugeben.

Innovationen bei Mehrweglösungen sind noch gefragt

Jürgen Bertling, Fraunhofer Umsicht, fordert: „Es sollten Anreizsysteme für Unternehmen geschaffen werden, um vermehrt Mehrweglösungen für Kunststoffe zu etablieren.“ Foto: Fraunhofer Umsicht/Köhring

„Sicherlich sind auch bei den Mehrweglösungen noch zahlreiche Innovationen möglich, gerade im Online-Handel oder in der Take-away-Branche. Gute Lösungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Verpackungen modular sind und ihr Volumen reduzierbar – also nestbar oder klappbar ist“, appelliert Kerstin Dobers vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, Mitautorin der Studie, an die Industrie. Und von der Politik fordert sie: „Hier sind Rahmenbedingungen für nationale und internationale Standardisierungen gefragt, um die ökologischen Potenziale der Mehrwegsysteme auszuschöpfen.“ Darüber hinaus müssten Umweltkennzeichen (Label) zur Kennzeichnung von Mehrweg und Einweg eindeutig sein. Hier seien vor allem Verbände gefragt.

Kreislaufwirtschaft: Mindestens 100 Umläufe sind sinnvoll

An die Adresse der Hersteller spricht das Expertenteam des Fraunhofer CCPE außerdem folgende Empfehlungen aus: Eine Optimierung der Umlaufzahlen sollte eines der obersten Ziele bei der Produkt- und Systementwicklung sein. Als Zielgröße für Mehrwegsysteme ist ein Wert von 100 im Mittel anzustreben. Um die Umlaufzahlen zu erhöhen, sind beispielsweise Optimierungen der Bruchfestigkeit für klappbare Kisten sinnvoll. Hier könnten gegebenenfalls neue in Normen festgeschriebene Testverfahren helfen. Auch die Verbesserung der Kommunikation mit Anwendern oder der Anreizsysteme, um den Schwund zu verringern, könnte Gegenstand von Optimierungen sein.

Die Rezyklatanteile sollten dort, wo dies in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit zulässig ist, erhöht werden, indem auch bei neuen oder wachsenden Pools Sekundärrohstoffe aus anderen Anwendungen eingesetzt werden. Werkstoffe – Kunststoffe und Additive – verschiedener Hersteller sollten außerdem gemeinsam rezyklierbar sein. Nur für geschlossene Pools sollten individualisierte Werkstoffe verwendet werden. Bei der Verwendung von Additiven ist eine vorausschauende Planung notwendig, damit bei sich zukünftig gegebenenfalls weiter verschärfenden Umweltanforderungen die Rezyklierbarkeit nicht gefährdet wird.

„Wo möglich, sollten Monomateriallösungen verwendet werden. Verpackungen aus mehreren Materialien sollten im Verlauf des Recyclingprozesses problemlos in Monomaterialkomponenten zerlegbar sein“, betont Bertling.

Mehrwegverpackungen sollten nestbar oder klappbar sein

Mehrwegtransportkisten aus Kunststoff gehören zu den am besten etablierten Mehrwegsystemen. Um ihre Umlaufzahlen im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu erhöhen, sind zum Beispiel Verbesserungen der Bruchfestigkeit bei klappbaren Kisten sinnvoll. Hier könnten neue in Normen festgeschriebene Testverfahren helfen. Foto: Mario Iser

„Intensive Anstrengungen zur Kompaktierbarkeit von Mehrwegverpackungen durch Nestfähigkeit oder Klappbarkeit sollten unternommen werden“, ergänzt Dobers. „Alles, was es erlaubt, die Mehrwegverpackung leichter, kleiner und besser an das Füllgut adaptierbar zu machen, wirkt sich in vielen betrachteten Kategorien als Vorteil aus." Auch sollte nach ihrer Darstellung das Design von Mehrwegverpackungen optimiert werden, um die Effizienz bei der Reinigung weiter zu steigern. Zu prüfen sei, ob eine zerstörungsfreie Auffrischung etwa durch Hochdruckimprägnierung von Mehrwegverpackungen möglich ist, um Alterung oder alterungsbedingte Erscheinungen wie Ausbleichen oder Versprödung der Werkstoffe entgegenzuwirken und die Lebensdauer zu steigern.

Außerdem appellieren die Forscher an die Hersteller, die Potenziale der Digitalisierung vor allem bei Verpackungen im B2C-Bereich noch weiter auszuschöpfen. Bertling: „Die Abtrennung der Kommunikationsfunktion von der eigentlichen Verpackung bietet ein großes Potenzial für neue intelligente Funktionen – etwa Produktinformationen, Nutzungsverhalten, Rückgabeorte etc.“

Sabine Koll