Ist ein schneller Neustart nach Corona möglich?

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Österreichs Kunststoffbranche geht es nach dem „Lockdown”, den die weltweite Corona-Pandemie verursacht hat, zunehmend besser.

Die Folgen der Corona-Krise sind auf der ganzen Welt deutlich spürbar. In Österreich – ein kleines Land im Herzen Europas, welches durch seine Wirtschafts- und Innovationskraft global hohes Ansehen genießt, sind die Aussichten auf einen „Restart“ der Wirtschaft durch die ersten Lockerungen nach Corona in Sicht. Ebenfalls in den vergangenen Wochen schwer gebeutelt durch die Situation rund um Covid-19, feierte man in einer coronabedingten Minimalversion vor kurzem den 75. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik. In einer Rede hat der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) den Österreichern Mut gemacht, dass Österreich „gestärkt“ aus der Coronakrise hervorgehen werde und kündigte Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise an.

In Diskussionen rund um die Wirtschaft fiel aber in den vergangen Wochen immer wieder der Begriff „De-Globalisierung“. Die K-ZEITUNG ist bei österreichischen Unternehmen aus der Kunststoffbranche unter anderem der Frage nachgegangen, ob sich aus deren Sicht die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickeln könnte.

Kein Ende der Globalisierung durch Corona

Die Antworten der österreichischen Spritzgießmaschinenbauer decken sich in der Thematik zur Gänze – denn sie sehen kein Ende der Globalisierung. „Prinzipiell haben die global verteilte Produktionskette und der internationale Warenverkehr bis zum Auftreten der ersten Handelsbeschränkungen als Folge der Coronavirus-Krise sehr gut funktioniert. Es ist anzunehmen, dass der internationale Handel ohne politische Beeinflussung auch sehr bald nach der Krise weitgehend wieder hergestellt sein wird“, betont Michael Wittmann, Geschäftsführer von Wittmann Kunststoffgeräte.

„Es ist anzunehmen, dass der internationale Handel ohne politische Beeinflussung auch sehr bald nach der Krise weitgehend wieder hergestellt sein wird“, betont Michael Wittmann, Geschäftsführer von Wittmann Kunststoffgeräte. Foto: K-ZEITUNG/Krumbholz

Preis sollte nicht vor Qualität stehen

„Die aktuell vorherrschende Bereitschaft, verstärkt lokale Produkte zu beziehen, da viele Staaten kurzfristig die alten nationalen Grenzen hochgezogen haben und dadurch bisherige Bezugsquellen nicht verfügbar waren, wird relativ rasch nach Ende der Krise abflauen.“ Eine wesentlich größere Auswirkung könnten seiner Meinung nach aber politische Entscheidungen verursachen, „die in Richtung De-Globalisierung zielen, beispielsweise um lokale Champions in sensiblen Bereichen wie etwa in der Medizintechnik zu kreieren“. Eine kritischere Haltung zur Globalisierung habe sich schon vor der Krise abgezeichnet. „Jedoch hat die EU vor der Corona-Krise keinerlei konkrete Maßnahmen gesetzt, um den Aufbau von lokalen Strukturen im Maschinenbau und Technologiesektor zu unterstützen und ich bezweifle, dass dies nach der Corona-Krise anders sein wird“, so Wittmann. Sein Unternehmen sei gewohnt, auf Marktveränderung zu reagieren: „Sollten sich Marktveränderungen durch eine De-Globalisierung ergeben, kann die Wittmann Gruppe auf eine internationale Aufstellung blicken, die wir sowohl in Europa, den USA, als auch China Produktionswerke haben.“

Ähnlich argumentiert Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Holding: „Die Globalisierung ist aufgrund des Kostendrucks und der Demografie nicht aufzuhalten. Risikomanagement und Dezentralisierung spielen aber eine zunehmend größere Rolle. Hier ist vor allem die Medizintechnik zu erwähnen, die eine Vorreiterrolle spielt. Wir werden sehen, ob dies auch in anderen Branchen wie der Automobilindustrie weiter zunimmt – begonnen hat dies ja schon durch die Strafzölle beziehungsweise dem Handelskrieg zwischen den USA und China.“ Engel sieht sich hier mit seiner Strategie der dezentralen Produktion nahe in den Zielmärkten ebenfalls gut aufgestellt. „Wir bleiben damit auch in Krisenzeiten lieferfähig, weil gegebenenfalls Aufträge in ein anderes Werk umgeleitet werden. Ein weiterer Vorteil der dezentralen Produktion ist, dass wir sehr schnell auf die spezifischen Anforderungen der einzelnen Ländermärkte reagieren können“, so Engleder.

Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Holding: „Die Globalisierung ist aufgrund des Kostendrucks und der Demografie nicht aufzuhalten.“ Foto: Engel

Globalisierung weit fortgeschritten

Der Werkzeug- und Formenbau spielt in Österreichs Wirtschaft eine überaus tragende Rolle. Auch hier ist der Tenor zum Thema Globalisierung und deren Folgen gleich.

„Ich denke, dass die Globalisierung in den letzten Jahren bereits so weit fortgeschritten ist und so viele Bereiche der globalen Wirtschaft miteinander verwoben sind, dass es schwierig sein wird diese Entwicklung wieder vollständig rückgängig zu machen“, sagt Mario Haidlmair, Geschäftsführer der Haidlmair GmbH aus dem oberösterreichischen Nussbach.

„Ich denke, dass die Globalisierung in den letzten Jahren bereits so weit fortgeschritten ist“, sagt Mario Haidlmair, Geschäftsführer der Haidlmair GmbH. Foto: K-ZEITUNG

Bei Haidlmair ist man überzeugt, dass sich jetzt in der Krise gezeigt hat, dass gewisse Bereiche (z.B. Schutzausrüstungen) von lokalen Strukturen rascher und hochwertiger abgedeckt werden können und man auch hierbei eine höhere Kontrolle über das benötigte Produkt hat. Bleibt die Frage, ob sich das mittel- bis langfristig auch wirklich nachhaltig durchsetzt, da bei einem nicht dringend notwendigen Bedarf vielleicht schnell wieder der Preis im Vordergrund steht und nicht die Qualität.

„Die Corona-Pandemie zeigt uns, dass wir uns als Gesellschaft und in der Wirtschaft künftig stärker mit den Folgen unseres Handelns auseinandersetzen und überlegen müssen, um welchen Preis und mit welchem Ziel wir Fortschritt und Wachstum vorantreiben“, erklärt Manfred Hackl, Geschäftsführer Erema Group GmbH. Die Globalisierung ist mitverantwortlich für den hohen Lebensstandard, den wir oft schon als selbstverständlich betrachtet haben und lokale Strukturen sind dort sinnvoll, wo man Abhängigkeiten von einzelnen Produktionsstandorten vermeiden will. Der Geschäftsführer von Erema meint dazu: „Es ist also keine Frage von entweder…oder. Wir brauchen beides um einerseits unsere Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und andererseits auch um die Lebenssituation der Bevölkerung in benachteiligten Regionen nachhaltig zu verbessern.“

„Die Corona-Pandemie zeigt uns, dass wir uns als Gesellschaft und in der Wirtschaft künftig stärker mit den Folgen unseres Handelns auseinandersetzen und überlegen müssen, um welchen Preis und mit welchem Ziel wir Fortschritt und Wachstum vorantreiben“, erklärt Manfred Hackl, Geschäftsführer Erema Group GmbH. Foto: Erema

Gut vorbereitet

Aber auch Kunststoffverarbeiter sehen sich in Österreich gut vorbereitet für die weiteren Entwicklungen: „Die Situation rund um Covid-19 ist und war für alle Branchen eine schwere Prüfung. Nun beginnt ein Hauch von Normalität wieder den Alltag zu bestimmen. Ich denke, dass je mehr Normalität wieder unseren Alltag bestimmen wird, desto schneller wird die Gesellschaft auch in der Beschaffung die Vorsätze von mehr Lokalisierung über Bord werfen wird. Der Best-Preis wird wieder den Supply Chain in seinen Entscheidungen beeinflussen“, bestätigt Karl Großalber, Vice President Marketing & Sales bei Starlim Spritzguss.

Elmet, spezialisiert auf LSR-Verarbeitung, arbeitet nach einer kurzen Unterbrechung seit Ende März bereits wieder zu 100 %. „Social Distancing und maximale Hygiene sind mit einer Vollauslastung durchaus kompatibel“, betont Sales Director Mark Ostermann. „Diese Erkenntnis ist für uns sehr wichtig, schließlich ist unsere Auslastung bis zumindest Jahresmitte sehr gut.“ Wie es danach weitergeht, wagt er nicht zu prophezeien: „Wir merken natürlich auch, dass die Anfragen rückläufig sind. Der IWF rechnet mit einem Einbruch von etwa sechs Prozent in Österreich. Ob es dabei bleibt, lässt sich naturgemäß nicht sagen.“

sl/sk/gk

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