„Wir forcieren den Ausbau des Geschäftsbereichs Plastics“

Dr. Jörg Wissdorf ist seit März 2020 Mitglied des Vorstands von Sikora. Er strebt den Ausbau des Geschäftsbereichs Plastics einschließlich einer Neuorganisation des Vertriebs an. Foto: Sikora

Dr. Jörg Wissdorf, Vorstand von Sikora, kündigt im Interview mit der K-ZEITUNG den Ausbau der Geschäftsbereiche Plastics und Services an.

Wissdorf, seit März 2020 bei Sikora für Vertrieb, Marketing und Service verantwortlich, erläutert, warum und mit welchen organisatorischen Schritten der Ausbau der beiden Geschäftsbereiche vorangetrieben wird. Sikora ist spezialisiert auf Mess- und Regeltechnik. Das Unternehmen mit Sitz in Bremen kommt aus dem Bereich Draht und Kabel, hat aber in den vergangenen Jahren aber schon den Bereich für Extrudeure und Kunststoffhersteller sukzessive ausgebaut.

Herr Dr. Wissdorf, wie haben Sie als Neueinsteiger im Unternehmen das erste Jahr erlebt?
Dr. Jörg Wissdorf:
Das erste Jahr war durch eine sehr positive Aufnahme hier bei Sikora geprägt, durch eine sehr gute, kollegiale, wertschätzende Unternehmenskultur. Und das Jahr war natürlich auch dadurch geprägt, dass geplante Reisen – etwa zu unseren Niederlassungen und Kunden weltweit – nicht stattfinden konnten. Dabei wäre es darum gegangen, die Kunden vor Ort kennenzulernen und deren Wünsche und Bedürfnisse zu erfahren. Das habe ich nun zum Teil virtuell durchgeführt, aber dieser Ansatz ist natürlich deutlich weniger intensiv als ein persönliches Gespräch an einem gemeinsamen Ort.

Umsatz 2020 leicht unter dem des Vorjahres

Wie hat sich die aktuelle Krise auf den Umsatz von Sikora ausgewirkt?
Wissdorf:
Wir hatten zu Beginn der Pandemie deutliche Befürchtungen, dass es zu einem massiven Umsatzeinbruch für uns kommt. Das hat sich aber glücklicherweise nicht bewahrheitet. Insgesamt lag unser Umsatz in 2020 leicht unter dem des Vorjahres, allerdings haben wir im Bereich Kunststoff sogar ein leichtes Wachstum verzeichnet. Wenn ich vom Bereich Kunststoff spreche, dann sind damit die Produkte und Lösungen gemeint, mit denen Unternehmen Rohmaterialien, also Pellets und Granulat, auf ihre Reinheit hin untersuchen können. Daneben haben wir ja noch den Bereich Rohr und Schlauch, der sich um die Vermessung von Rohren und Schläuchen aus Kunststoff oder Gummi kümmert. Der lief im vergangenen Jahr etwas zurückhaltender.

Hatten oder haben Sie Kurzarbeit?
Wissdorf:
Aufgrund gewisser Risikoberücksichtigungen hatten wir im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 2 Monate Kurzarbeit. Doch wir haben schnell festgestellt, dass der Auftragseingang nur marginale Einbußen verzeichnete, sodass wir wieder aus der Kurzarbeit raus sind. Wir haben die Krise außerdem genutzt, um interne Prozessoptimierungen vorzunehmen, eine neue Marktkommunikation aufzubauen und die Entwicklung neuer Produkte voranzutreiben.

Neue Kundenzielgruppe mit dem Geschäftsbereich Plastics

Das Inline-Inspektions- und Sortiersystem Purity Scanner Advanced detektiert metallische Kontaminationen im Granulat sowie Black Specks und Verbrennungen auf der Granulatoberfläche. Foto: Sikora

Den Kunststoff-Bereich, also das Thema Inspektion, Analyse und Sortieren von Granulat und Pellets, bedienen Sie ja schon seit ein paar Jahren. Haben Sie sich hier eine komplett neue Kundenzielgruppe erschlossen?
Wissdorf:
Wir bieten schon länger Lösungen für diesen Bereich, gestartet sind wir jedoch im Kabelmarkt, wo es vornehmlich um die Inspektion und Sortierung von Pellets während der Hochspannungskabelfertigung geht. Heute werden unsere Systeme wie der Purity Scanner Advanced auch im Kunststoffmarkt zur Sortierung von Rohmaterial eingesetzt. Wir haben unser Portfolio kontinuierlich erweitert und den Marktanforderungen angepasst. So bieten wir neben Inline-Geräten auch Offline-Systeme an, die kleine Granulatmengen mittels optischer Technologie auf Kontaminationen stichprobenartig, beispielsweise als Wareneingangskontrolle, untersuchen.

Wollen Sie Kunststoff-Bereich weiter auszubauen?
Wissdorf:
Wir werden die beiden Bereiche Rohr und Schlauch sowie Kunststoff deutlich stärken – was sowohl ein erweitertes Produktportfolio, neue Mitarbeiter als auch das Marketing angeht. Außerdem werden wir den Vertrieb umstrukturieren, mit einer stärkeren Fokussierung auf Rohr und Schlauch sowie Kunststoff. Aus der Historie heraus haben unsere Vertriebsmitarbeiter bislang alle drei Bereiche vertreten, also neben Rohr und Schlauch sowie Kunststoff auch Draht und Kabel. Doch wir haben festgestellt, dass wir eine Fokussierung benötigen, um noch spezifischer auf Kundenwünsche eingehen können.

Ausbau des Service-Geschäfts mit Wartungslösungen

Gab es weitere Aha-Effekte im vergangenen Jahr?
Wissdorf:
Wir haben festgestellt, dass die Nachfrage im After-Sales-Geschäft deutlich angestiegen ist, und hier insbesondere die Nachfrage nach Wartungslösungen. Die Kunden legen zunehmend Wert darauf, dass die bereits bestehenden Installationen weiterhin möglichst unterbrechungsfrei betrieben werden können. Dabei geht es immer mehr Richtung Preventive Maintenance. Hier schauen unsere Service-Techniker im Rahmen von Plänen, was vorausschauend an den Systemen getan werden muss.

Sind das alles Services, die Sie vor Ort erbringen müssen, oder sind da zum Teil auch schon Remote Services mit dabei?
Wissdorf:
Wir nutzen auch Remote Services, das ist natürlich in Zeiten von Lockdowns von Vorteil. Hinzu kommt, dass wir Kunden zum Teil auch videogestützte Handlungsanweisungen geben, damit sie etwa selbst Ersatzteile austauschen können, wenn unsere Servicetechniker nicht zu ihnen reisen gar können.

Lassen Sie uns zurückkommen auf die Investitionen. Sie sagten vorhin, dass Sie hier keinen Sparkurs fahren. Was heißt das konkret?
Wissdorf:
Wir investieren jedes Jahr mehr als 10 % unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung – und da haben wir auch im vergangenen Jahr keine Abstriche gemacht. Dazu gehört auch, dass wir neue Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung eingestellt haben, der Bereich ist somit weiter gewachsen. Dabei liegt ein Fokus auf der Neu- und Weiterentwicklung unserer Produkte. Ein anderer, großer Fokus sind natürlich die Digitalisierung und IT-basierte Prozesse. Hier werden wir weiterhin am Internet of Things und Industrie 4.0 arbeiten. Wenn ein Kunde zum Beispiel in einer Führungszentrale einen globalen Überblick über die von unseren Geräten weltweit ermittelten Daten wünscht, können wir ihm diese in Echtzeit zur Verfügung stellen. Dieser Ansatz ermöglicht die Nutzung von Benchmarks und Best Practises.

Sikora gehörte laut Munich Strategy Group im vergangenen Jahr wiederholt zu den 100 wachstumsstärksten Mittelständlern Deutschlands. Das Unternehmen landete im aktuellen Ranking auf Platz 18.

"Großes Potenzial in der Extrusion durch Mess- und Regeltechnik"

Für die 100 % Qualitätskontrolle während der Extrusion von Rohren bietet sich Centerwave 6000 an. Foto: Sikora 

Apropos Digitalisierung: Welches Potenzial sehen Sie noch bei Ihren Kunden in der Kunststoffbranche?
Wissdorf:
Ich sehe deutliche Optimierungsmöglichkeiten durch Mess- und Regeltechnik bei der Extrusion von Rohren, vor allem beim Produktionsanlauf. Das heißt, es kann durchaus passieren, dass acht Stunden lang produziert wird, und erst dann stellt man – nach dem Abkühlen des Produkts – beim Messen fest, dass die Maße nicht stimmen. Dadurch entstehen unnötige Materialkosten und eventuell auch Ausschuss, der verschrottet werden muss. Mit unseren Lösungen kann man bereits im Heißbereich Messdaten generieren, die dann für Regelkreise genutzt werden, um in der Produktion gegenzusteuern. Das heißt, sollte es in der laufenden Produktion zu Abweichungen, Temperaturverschiebungen oder Materialabweichungen kommen, kann man sehr schnell reagieren. Der Return on Investment von entsprechender Mess- und Regeltechnik ist schnell erreicht. Gleichzeitig hilft ein solches Vorgehen, die Umwelt zu schonen.

Auch das SKZ bestätigt, dass für die Digitalisierung und Automatisierung der Extrusion von Rohren berührungslose Messtechniken wie etwa die von Sikora angwendete Terahertz-Systeme für Dickenmessungen gefragt – hier ein Überblick.

Fokus auf Künstlicher Intelligenz in der Entwicklung

Derzeit wird viel diskutiert über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Fertigung. Die Qualitätssicherung spielt dabei ein zentrales Thema. Befassen Sie sich mit KI?
Wissdorf:
Ja, darauf legen wir einen sehr großen Fokus. Wir haben im Bereich der Entwicklung eine KI-Abteilung eingerichtet. Außerdem tauschen wir uns intensiv mit Unternehmen aus, die originär aus diesem Bereich kommen. Wir werden mehr und mehr Künstliche Intelligenz in unseren Produkten einsetzen, um bei unserer Mess- und Regeltechnik präzise Prognosefunktionen im Extrusionsprozess – wie sich die Maße eines Rohres von der Heißposition bis zum Ende nach dem Abkühlvorgang entwickeln werden – anzubieten.

Manche KI-Verfahren wie Machine Learning benötigen viele Daten, um lernen zu können. Gibt es genügend Daten im Extrusionsprozess, die Sie abgreifen können?
Wissdorf:
Wir generieren im Messprozess riesige Datenmengen, das ist kein Problem. Die Herausforderung liegt vielmehr auf Hardware- und Software-Seite, denn diese Daten müssen entsprechend verarbeitet und ausgewertet werden. Auf der Software-Seite sind wir bei der Entwicklung entsprechender Algorithmen führend. In Kombination hiermit wird hochperformante Rechner-Hardware benötigt, die wir zum Teil selbst konstruieren und auch selbst herstellen.

Gibt es Märkte, bei denen der Kostendruck besonders groß ist?
Wissdorf:
Ja. In der Vergangenheit waren wir vor allem mit Herstellern von Großrohren in Kontakt. In der Zwischenzeit zeigt sich, dass der Preisdruck bei der Extrusion von Rohren mit kleinerem Durchmesser sehr hoch ist – und damit auch der Zwang zu messen und regeln, um keinerlei Material zu verschwenden. Der Materialkostenanteil liegt in diesem Markt je nach Anwendung bei 80 bis 85 %.

Ist das weltweit so?
Wissdorf:
Ja, davon ist unser Team überzeugt. Wenn wir nach Asien schauen: Dort ist die Nachfrage nach Rohren und Schläuchen immens hoch, ob für die Gebäudetechnik oder für die Trinkwasserzufuhr. Die Ansprüche an die Qualität der Rohre steigt weltweit – und daher wird zukünftig im Extrusionsprozess sehr viel mehr gemessen und geregelt werden.

Sabine Koll