Zum Inhalt springen

Werkzeugmaschinenindustrie erwartet Produktionsrückgang

Produktionsrückgang, Kurzarbeit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit – VDW-Vorsitzender Dr. Heinz-Jürgen Prokop analysierte auf der Jahrespressekonferenz die aktuellen Herausforderungen und Chancen der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie. Foto: VDW

Einen deutlichen Produktionsrückgang erwartet der VDW für die Werkzeugmaschinenindustrie 2020. Neue Chancen bieten die Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) sieht die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie in seinem aktuellen Jahresbericht vor großen Herausforderungen: Produktionsrückgang und Kurzarbeit dämpfen die Stimmung, dafür bieten Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit neue Chancen. Zudem belegt Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin eine Spitzenposition.

Produktionsrückgang von 18 Prozent erwartet

Der VDW erwartet für 2020 einen Produktionsrückgang von 18 %. „Das hat die Branche, die in den vergangenen Jahren geboomt hat, lange nicht gesehen“, sagt Dr. Heinz-Jürgen Prokop, Vorsitzender des VDW, anlässlich der Jahrespressekonferenz am 13. Februar 2020 in Frankfurt am Main. Der Nachfragerückgang, der bereits im zweiten Halbjahr 2018 einsetzte, habe 2019 richtig Fahrt aufgenommen, erläuterte er weiter. Das zweistellige Minus von mehr als einem Fünftel habe den Auftragsbestand abgeschmolzen und bestimme nun die Entwicklung 2020.

Das vergangene Jahr hingegen sei viel besser gelaufen als erwartet. „Mit einem Rückgang von nur 1 Prozent lag das Produktionsergebnis mit fast 17 Mrd. EUR nahezu auf dem Rekordniveau von 2018“, berichtet Prokop. Tragende Säule war der Inlandsabsatz, der um 16 % gestiegen ist. Dem gegenüber ist der Export um 9 % gesunken. Das ist vor allem auf den Rückgang der Lieferungen nach Asien um 11 % und nach Amerika um 16 % zurückzuführen. Europa, die größte Absatzregion, die mehr als die Hälfte der deutschen Exporte aufnimmt, hat sich mit minus 5 % noch vergleichsweise gut gehalten.

Immer mehr Kurzarbeit

Vom guten Abschneiden des Inlandsmarktes konnte der Import nicht profitieren. Er ist um ein Zehntel gesunken. Die Beschäftigung war zum Jahresende um 3 % zurückgegangen. Zudem meldete das Ifo-Institut eine Zunahme der Kurzarbeit auf mehr als 18 % der Unternehmen. Doppelt so viele Firmen erwarten dies für die kommenden Monate. „Der Erhalt von Arbeitsplätzen genießt bei uns höchste Priorität“, bekräftigt Prokop. Um weiteren Personalabbau zu vermeiden, sollte die Kurzarbeit von 12 auf 24 Monate zügig verlängert werden, forderte er.

Die Kapazitätsauslastung lag im Januar 2020 bei 81,5 %. Die aktuelle Kombination aus zyklischem Konjunkturrücklauf, Strukturwandel in der Automobilindustrie, handelsstrategisch motivierten Turbulenzen und zu guter Letzt auch noch dem Coronavirus dämpft die Investitionsneigung weltweit. Weniger als 1 % sollen die Anlageinvestitionen im laufenden Jahr nach Aussagen von Oxford Economics, Prognosepartner des VDW, steigen. Viel besser stehen nur kleinere Märkte da, wie Vietnam, Thailand, die Slowakei, Ungarn und Polen. Sie können die Zurückhaltung der großen Abnehmerländer China, USA, Italien oder Frankreich keinesfalls kompensieren. Folge ist ein entsprechend dickes Minus bei allen Kenngrößen der deutschen Werkzeugmaschineindustrie im laufenden Jahr.

Deutsche Werkzeugmaschinenindustrie mit internationaler Spitzenposition

Im internationalen Ranking hat die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ihre Position im Spitzentrio gehalten, denn alle anderen Herstellerländer kämpfen mit ähnlichen Entwicklungen. Auf Basis vorläufiger Daten für die Top-20-Produzenten hat der VDW für 2019 einen Rückgang der internationalen Produktion ohne Teile und Zubehör um 3 % auf 72,1 Mrd. EUR berechnet. Im Spitzentrio konnte nur China mit 2 % zulegen.

„Im Vergleich zu früheren Wachstumsraten nimmt sich das nur sehr bescheiden aus“, relativiert Prokop. Japan auf Platz 3 verlor sogar 5 %. Im Export bleibt Deutschland Weltmeister. Japan auf Platz 2 verlor ähnlich wie Deutschland ebenfalls 9 %, Italien auf dem dritten Platz 2 %. Im Verbrauch schließlich verliert der weltgrößte Markt China mit 8 % zum zweiten Mal in Folge, die USA liegen mit 3 % ebenfalls unter Vorjahr. Einzig Deutschland auf Platz 3 kann 6 % zulegen.

Keine schnelle Erholung zu erwarten

„Für weite Teile der Industrie wird sich in Deutschland die Durststrecke länger fortsetzen“, prognostiziert Prokop. Die Industrieproduktion werde hierzulande nochmals sinken. Anlageinvestitionen in den Hauptabnehmerindustrien steigen nur marginal. Für den Werkzeugmaschinenverbrauch wird nach einem leichten Rückgang im Vorjahr 2020 ein Minus von einem Fünftel erwartet. Beim Geschäftsklima des Ifo-Instituts und beim Einkaufsmanagerindex von Markit, beides Frühindikatoren für die weitere Entwicklung, zeigt sich in vielen Bereichen am aktuellen Rand ein Häkchen nach oben. Dies ist jedoch nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer, denn viele Kurven befinden sich noch tief im Minus.

„Daher ist anders als in früheren Abschwüngen nicht damit zu rechnen, dass es sehr schnell wieder aufwärts gehen wird“, erwartet Prokop. Vielmehr sehe die Werkzeugmaschinenindustrie erst im zweiten Halbjahr eine gewisse Bodenbildung beim Auftragseingang, die voraussichtlich jedoch nicht für den Umschwung reichen wird. Die Produktion wird sich also nur langsam erholen und eine Weile brauchen, um wieder das Niveau der vergangenen Jahre zu erreichen.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit als Chance

„Schwierige Zeiten bieten auch die Chance, sich neu zu erfinden“, ist sich Prokop sicher. Den größten Hebel werde in Zukunft die digitale Vernetzung bieten. Sie sei eine Möglichkeit für neue Geschäftsmodelle, ein Terrain, auf dem mit Kreativität noch viel zu erreichen sei. Mehr Effizienz in der Produktion unterstützt nachhaltiges Wirtschaften und ebnet den Weg in die Kreislaufwirtschaft. Von Bedeutung sind die Steuerungstechnik und eine durchgängige maschinelle Kommunikation. Der drahtlose Zugang zu Informationen in Echtzeit ist ein Schlüssel für die Optimierung von Fertigungsprozessen, Kapazitäten, Energie- und Rohstoffverbräuchen.

Nun ist gerade die Werkzeugmaschinenindustrie in Sachen Nachhaltigkeit eine wahre Vorzeigebranche. Werkzeugmaschinen deutscher Herkunft gehören schon heute zu den nachhaltigsten Produkten, die es derzeit gibt. „Das sagen wir durchaus selbstbewusst“, bekräftigt der VDW-Vorsitzende. Sie zeichnen sich durch lange Nutzungsdauer aus. Für alle Komponenten der Maschinen gibt es über lange Zeit hinweg Ersatzteile. Für die Steuerungskomponenten garantieren die Lieferanten Software-Updates für mehrere Generationen.

Werkzeugmaschinen werden eher general-überholt und als Gebrauchtmaschinen wiederverkauft, als dass sie ausrangiert werden. Das führt zu einem zweiten und teilweise dritten Maschinenleben. Werden sie am Lebensende verschrottet, lassen sich fast alle Materialien recyceln oder upcyceln, denn es werden vor allem hochwertige Stoffe verbaut, die wiederverwendet werden können. Schließlich ist die Produktivität der Maschinen extrem hoch. Somit wird jedes einzelne Bauteil energie- und ressourceneffizient hergestellt.

Neben der Optimierung von Maschinenkomponenten widmen sich die Hersteller dem Energieeinsatz während der Nutzungsphase. Das eingesetzte Rohmaterial und die Strom- und Medienverbräuche bestimmen die CO2-Bilanz der Produktion mit. Deshalb arbeiten Hersteller bspw. an Software, mit der Verschnitt und Abfall weiter reduziert werden. In Kombination mit neuer Hardware können darüber hinaus Medienverbräuche bis zu 70 % reduziert werden.

Jahresbericht 2019 downloaden

Wer sich genauer über die aktuelle Situation der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie informieren will, kann den VDW-Jahresbericht 2019 downloaden oder findet auf der VDW-Webseite aktuelle Statistiken und Zahlen zur Marktsituation und Konjunktur.

kus