Weitere Lieferengpässe durch Hafenschließung in Ningbo?

Die globalen Lieferengpässe könnten sich auch in der Kunststoffbranche noch verschärfen – durch die Corona-bedingte Stilllegung eines Teils des Hafens im chinesischen Ningbo. Foto: Hessel Visser/Pixabay

Durch die Corona-bedingte Schließung eines Hafens in Ningbo – ein Zentrum der Kunststoffbranche in China – könnten sich Lieferengpässe weiter verschärfen.

Es drohen weitere weltweite Lieferengpässe – auch in der Kunststoffbranche, denn am 11. August 2021 haben die chinesischen Behörden wegen eines Corona-Falls den Betrieb eines Teils des Hafens in Ningbo, dem drittgrößen Containerhafen weltweit, gestoppt. Anders als beim südchinesischen Handelshafen Yantian, der im Mai 2021 wegen eines Corona-Ausbruchs für mehr als vier Wochen dichtgemacht wurde, ist in diesem Fall nur ein Teil des Hafens betroffen, nämlich das Ningbo Meishan Island International Container Terminal (MSICT).

„Die Corona-bedingte Schließung der ostchinesischen Hafengruppe Ningbo Zhoushan betrifft derzeit nur den Meishan Port. Alle anderen 18 Häfen des Verbundes arbeiten bisher normal weiter“, sagt Riccardo Kurto, China-Beauftragter des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME).

Auf den Meishan Port entfallen nach Angaben des Shanghaier BME-Büros rund 20 % der Verladekapazitäten der gesamten Hafengruppe. So wurden im Meishan Port 2020 rund 5,44 Mio. Standardcontainer (TEU) umgeschlagen. Zum Vergleich: Der gesamte Hafen-Verbund Ningbo Zhoushan kam im gleichen Zeitraum auf 28,72 Mio. TEU. Ningbo Zhoushan ist laut BME vor allem für den Osten der Volksrepublik von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Denn dort werden täglich beträchtliche Mengen an Getreide, Stahl, Eisenerz, Kohle, Metallprodukten und Flüssigchemikalien verladen.

Haitian hat zum Beispiel seinen Hauptsitz in Ningbo

Darüber hinaus ist Ningbo aber auch ein Zentrum der chinesischen Kunststoffbranche. Neben einer Vielzahl von Kunststoffverarbeitern hat dort mit Haitian der weltweit größte Spritzgießmaschinenbauer sein Headquarter – und mehrere Fabriken. Auch viele europäische Unternehmen der Branche haben sich in der ostchinesischen Hafenstadt niedergelassen: So etwa die chinesische Tochtergesellschaft von Sumitomo (SHI) Demag. Lanxess produziert in Ningbo anorganische Farbpigmente. Rowa hat dort einen Standort für die Lack- und Beschichtungsproduktion und Ineos Styrolution baut dort derzeit neben seiner bestehenden Polystyrol- eine neue ABS-Großanlage. Inwieweit die Kunststoffbranche von der Hafen-Schließung betroffen ist, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

Einige Reedereien wie Hapag-Lloyd und CMA CGM haben ihre Kunden informiert, dass es infolge der Hafenschließung zu Lieferverzögerungen kommen werde.

Nach Informationen des BME-Büros in China werden im Hafenverbund Ningbo Zhoushan alle zwei Tage jeweils zehn Mitarbeiter stichprobenartig auf Covid-19 getestet. Die letzte Prüfung fand am 8. August statt und war negativ. Zwei Tage später ergab eine weitere Stichprobe bei einem Hafen-Mitarbeiter ein positives Ergebnis. Daraufhin folgten im Zuge der restriktiven Zero-Covid-Strategie der chinesischen Zentralregierung intensive Quarantäne-Maßnahmen und die Anordnung zur Schließung des Hafenbetriebs in Meishan.

Lieferengpässe könnten durch anhaltende Schließung eskalieren

BME-Experte Kurto ist sich sicher: „Die weitere Entwicklung im Hafenverbund Ningbo Zhoushan sollte konstant beobachtet werden. Eine anhaltende Schließung könnte eine Dynamik entwickeln, welche die ohnehin schon angespannten Lieferketten und Warenströme zusätzlich belasten würde.“

Schließung des Hafens in Yantian sorgte für Mangel an Elektronikbauteilen

Die Schließung des Hafens in Yantian hat nach wie vor gravierende Auswirkungen auf die globalen Lieferketten und Warenströme. Die Beeinträchtigungen sind laut BME noch größer als während der Schiffshavarie im Suezkanal Ende März. Vor allem für die Technik- und Elektronikbranche seien die zwischenzeitlichen bei der Container-Verladung eingetreten Verzögerungen und Beeinträchtigungen ein Problem: So laufen normalerweise rund 90 % aller Elektronikexporte aus der Volksrepublik über den Hafen von Yantian.

Auch auf die Geschäftsaktivitäten deutscher Unternehmen wirkt sich die Hafenschließung von Yantian weiterhin aus, wie eine Umfrage des BME unter 166 deutschen Unternehmen, von denen 104 direkt in China vor Ort tätig sind, zeigt: So befürchten knapp 30 % anhaltenden Containermangel und 57 % höhere Fracht- und Logistikkosten. Kapazitätsengpässe bei Frachten erwarten fast zwei Drittel der befragten deutschen Firmen. Das Umplanen von Frachtrouten ist für 50 % ein Thema. Mit Produktionsengpässen sowie verspäteten Lieferungen von und nach China rechnen 29 % beziehungsweise 50 % der Befragten.

Sabine Koll

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