Sind Kunststoffe zu erfolgreich?

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Die Produktionsmenge der Kunststoffe wächst stetig, damit aber auch der Plastikmüll im Meer, was ihrem Image schadet. Doch die Branche steuert gegen.

Kunststoff im Spagat zwischen Erfolg und Müllproblem: Der Verband der Kunststofferzeuger Plastics Europe lud Ende März zur Fachpressekonferenz nach Frankfurt und verkündete auch für das Jahr 2018 eine weltweit wachsende Kunststoffproduktion auf 359 Mio. t, was einen Wachstum von 3 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Claus-Jürgen Simon, Leiter des Wirtschaftsressorts bei Plastics Europe Deutschland, machte den weltweiten Siegeszug von Kunststoff mit Rückblick in das Jahr 1950 deutlich: "1950 wurden weltweit nur 1,5 Mio. t Kunststoff produziert, heute ist es 240-mal so viel.“

Dr. Rüdiger Baunemann: „Das positive Kunststoff-Image hat deutlich gelitten, vor allem bei Verpackungen. Hier wollen wir gegensteuern.“ Foto: Plastics Europe

Mara Hancker managt die Kommunikationsoffensive „Pro Kunststoffverpackungen“, die sich dem allgemeinen „Plastikbashing“ entgegenstellt. Foto: Plastics Europe

Was die Branche freut, lässt Naturschützer, Meeresbiologen und auch die breite Bevölkerung mit Blick auf die wachsende Menge an Kunststoffabfällen im Meer schaudern. Auch die Politik reagiert: Strenge EU-Richtlinien zu Plastiktüten, Verbote bestimmter Einwegprodukte aus Kunststoff, das EU-Parlament hat hierzu gerade seine Zustimmung erteilt. Das Ganze kratzt am Image des Kunststoffs, der ja nur deswegen so erfolgreich ist, weil er als vergleichsweise junger Werkstoff zahlreiche Vorteile bietet und in vielen Anwendungsbereichen ein Innovationstreiber ist.

Doch vor allem die Kunststoffverpackung steht am Pranger, ist es vor allem sie, die für alle sichtbar auf der Wasseroberfläche der Meere und Flüsse schwimmt. Bei einer Befragung der breiten Bevölkerung im Dezember 2017 hielten fast 80 % die Kunststoffverpackung für schädlich, ein Jahr zuvor waren es „nur“ 53 %. Erste Auswertungen ganz aktueller Umfragen deuten an: Mit dem Image der Kunststoffverpackung geht es weiter bergab.

Gegen das Schmuddel-Image von Kunststoff

Um vom Schmuddel-Image wegzukommen, starteten die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen und Plastics Europe die Kommunikationsinitiative „Pro Kunststoffverpackung“. Mara Hancker, Leiterin Public Relations bei IK, steuert diese Initiative: „Wir wollen gegen das allgemeine Plastikbashing in der Öffentlichkeit angehen“, so Hancker. „Und zwar dort, wo über uns aber nicht mit uns gesprochen wird.“ Fünf Bausteine der Kommunikationsoffensive sollen dabei helfen: Ein Newsroom für Kunststoffverpackungen, der Ausbau der Social Media Präsenz, Kampagnen (Audio/Social), der Ausbau Media Relations und das Optimieren und Entwickeln von Medieninhalten. Dabei möchte man die Diskussion über einen Faktencheck versachlichen und eigene, verbrauchernahe Themen setzten. Hancker gab ein Beispiel zum Faktencheck Plastiktüte: Wie oft muss eine Tragetasche weiterverwendet werden, um dieselben Auswirkungen auf die Umwelt zu haben wie eine LDPE-Tasche? „Papiertüten müssen im Ökobilanz-Vergleich 43-mal genutzt werden, eine Tragetasche aus Biobaumwolle 20.000-mal!“

Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer Plastics Europe Deutschland ergänzte: „In puncto Ressourceneffizienz und CO2-Fußabdruck schneiden Kunststoffprodukte vielfach besser ab als andere Materialien. Dies betrifft auch und gerade die aktuell viel kritisierten Kunststoffverpackungen, die unter anderem Lebensmittel vor Verderb schützen. Dazu kommt, dass Deutschland über ein funktionierendes Abfallmanagement verfügt und Kunststoffabfälle in den Verwertungsprozess eingespeist werden.“

Allerdings: Andere Länder haben hier teilweise noch erheblichen Nachholbedarf. Um globale Lösungen auf den Weg zu bringen ist es aus Branchensicht nötig, das Zusammenspiel aller Akteure wie Hersteller, Handel, Recycler und Verwaltung zu fördern. Plastics Europe intensiviert den Austausch entlang der Wertschöpfungskette und mit Behörden bereits seit längerem und über Ländergrenzen hinweg – durch internationale Konferenzen zum Kunststoffrecycling wie die Identiplast oder globale Initiativen wie das World Plastics Council mit dem Schwerpunkt auf Meeresmüll.

Alliance to End Plastic Waste

Doch ging auf der Fachpressekonferenz bei Plastics Europe nicht nur um positive Ökobilanzen beim Kunststoff und publikumswirksame Meinungsbildung. Das Problem der Meeresverschmutzung mit seinen unschönen Bildern ist schließlich ein reales, und „diese Bilder müssen wir ernst nehmen“, so Dr. Baunemann. Daher beteiligt sich der Verband an zahlreichen weltumspannenden Maßnahmen gegen den Meeresmüll. Aber auch einzelne Akteure der gesamten Wertschöpfungskette – von Kunststofferzeugern über -verarbeiter bis hin zu Herstellern von Consumer-Produkten werden tätig: Fast 30 weltweit agierende Unternehmen, darunter auch die BASF, starteten  im Januar 2019 die Alliance to End Plastic Waste (AEPW).

Victoria Wessolowski erläutert die Initiative “Alliance to End Plastic Waste”, an der sich fast 30 Unternehmen der Kunststoffindustrie in den nächsten fünf Jahren mit insgesamt 1,5 Mrd. EUR beteiligen. Foto: Plastics Europe

Victoria Wessolowski koordiniert bei BASF die europäischen Industrieteams Verpackung und Advocacy in puncto Produktlebensende. Sie stellte auf der Fachpressekonferenz die Aktivitäten und Ziele der Allianz vor: „Alle sind sich einig, dass Plastikmüll nicht in unsere Ozeane oder irgendwo in die Umwelt gehört. Dies ist eine komplexe und ernsthafte globale Herausforderung, die schnelles Handeln erfordert. Diese neue Allianz ist der bisher umfassendste Versuch, Kunststoffabfälle in der Umwelt zu beseitigen." Um den Traum von einer Welt ohne Plastikmüll Wirklichkeit werden zu lassen, investiert die Allianz in den nächsten fünf Jahren 1,5 Mrd. USD in folgende Maßnahmen:

  • Die Entwicklung integrierter Abfallbewirtschaftungssysteme in Städten, denen es an Infrastruktur mangelt, insbesondere entlang derjenigen Flüsse, die besonders große Mengen Kunststoffabfälle unkontrolliert vom Land zum Meer transportieren,
  • Finanzmittel für das Incubator Network von  Circulate Capital  und Second Muse zur Entwicklung und Förderung von Technologien, Geschäftsmodellen und Unternehmern, die Abfälle im Meer verhindern sowie die Abfallbewirtschaftung und das Recycling verbessern,
  • Entwicklung eines weltweiten, auf Wissen basierenden Projekts auf Open-Source-Basis zur weltweiten Unterstützung von Abfallbewirtschaftungsprojekten mit zuverlässiger Datenerfassung, Kennzahlen, Standards und Methoden,
  • Unterstützung von Renew Oceans für lokale Investitionen und Engagements, die Kunststoffabfälle einsammeln sollen, bevor sie über die zehn größten Flüsse den Ozean erreichen. Die ersten Arbeiten werden das Renew Ganga-Projekt unterstützen.

Stoffstrombild für Kunststoffe

Deutschland hingegen hat seine Hausaufgaben bereits gemacht. Claus-Jürgen Simon belegte dies anhand eines durchgängigen Stoffstrombildes für Kunststoffe in Deutschland. Von den in 2017 ermittelten 6,15 Mio. t in Deutschland anfallenden Kunststoffabfällen wurden 45,9% einer werkstofflichen, knapp 1 % einer rohstofflichen sowie 52,7 % einer energetischen Verwertung zugeführt. „Nur 0,6 Prozent wurden deponiert“, freute sich Simon, „das entspricht einem Anstieg der Verwertungsquote seit 1994 von 50 Prozent auf über 99 Prozent.“

Wer jedoch genauer hinschaut, sieht dass Kunststoffe im Restmüll privater Haushalte und hausmüllähnlicher Gewerbeabfälle werkstofflich gar nicht recycelt werden, das meiste wird verbrannt, ein sehr kleiner Teil deponiert. Um auch diesen Abfallstrom der stofflichen Verwertung zugänglich zu machen, untersuchte der BKV, ein Dachverband von Kunststofferzeugern, -verarbeitern und des Kunststoffmaschinenbaus, in einer Studie die Chancen des chemischen Recyclings als weitere Option für die Kreislaufwirtschaft. Bislang wird weniger als 1 % der Kunststoffabfälle einer rohstofflichen Verwertung zugeführt.

Rainer Mantel sieht im Chemischen Recycling das Potenzial als eine weitere Option für die Kreislaufwirtschaft. Foto: Plastics Europe

Rainer Mantel, Geschäftsführer beim BKV, stellte die Ergebnisse der Studie vor: Sein überaus hoffnungsvolles Fazit: „Das chemisches Recycling scheint auch aus ökonomischer Sicht wettbewerbsfähig zu einer thermischen Verwertung zu sein. Es ist besonders sinnvoll bei kunststoffreichen Abfallströmen, die derzeit dem mechanischen Recycling nicht zugänglich sind. Zudem stellt es eine zuverlässige Lösung für die Zerstörung organischer „Schadstoffe“ dar.“ Da stellt sich natürlich die Frage, warum es kaum zum Einsatz kommt. Mantel: „Der aktuelle Entwicklungsstand der Technologien erfordert noch weitere Investitionen im Hinblick auf eine erfolgreiche Umsetzung. Vergasungsverfahren sind am weitesten entwickelt, Pyrolyseverfahren benötigen noch viel Forschungsarbeit.“ Doch Mantel zeigte sich optimistisch, dass in 5 bis 15 Jahren das chemische Recycling eine echte Option sein wird.

Nicht nur der Meeresmüll hat seinen Ursprung vor allem in Asien, auch die Produktion von Kunststoffen verlagert sich in die großen Abnehmermärkte. Dies ist schon länger ein Trend, der sich fortsetzt: „Der Anteil Chinas an der weltweiten Produktion steigt weiter und machte mit 107,7 Millionen Tonnen im Jahr 2018 schon 30 Prozent der Weltproduktion aus“, erklärt Simon. Schaut man auf ganz Asien, kommt man sogar auf über 50 % der weltweiten Kunststoffproduktion allein in dieser Region. Damit ist innerhalb weniger Jahre China zum wichtigsten Kunststoffproduzenten aufgestiegen. Alle anderen Regionen mit Ausnahme des restlichen Asiens verloren globale Produktionsanteile. So sankt der Anteil Europas an der Weltproduktion von 22 % im Jahr 2006 auf 17 % im Jahr 2018.

Wohin führt der Weg der Kunststoffindustrie?

Was bleibt als Fazit der Fachpressekonferenz bei Plastics Europe in Frankfurt? „Kunststoffe sind und bleiben eine weltweite Erfolgsgeschichte. Die europäische Kunststoffindustrie hat einen Multiplikatoreffekt von 2,4 im Hinblick auf das BIP und von fast drei bei Arbeitsplätzen. Die Kunststoffindustrie zählt in der EU zu den fünf führenden Industrien im Bereich Innovation“, so Dr. Baunemann. Aber: „Wir leben in herausfordernden Zeiten, wichtige Weichenstellungen bei der Vermeidung von Kunststoffabfall in der Umwelt und für höhere Recyclingquoten stehen an. Das hat die Kunststoffindustrie sehr deutlich erkannt.“

mg

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