Schweizer Kunststoffbranche weiter im Sinkflug

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Die Kunststoffbranche in der Schweiz wird in diesem Jahr 10 bis 12 % weniger umsetzen, so Kurt Röschli, Geschäftsführer von Kunststoff Swiss, im Interview.

„Die Stimmung in der Schweizer Kunststoffbranche ist alles andere als gut“, bestätigt Kurt Röschli, Geschäftsführer des Branchenverbands Kunststoff Swiss. „Der Umsatz unserer Mitgliedsunternehmen wird in diesem Jahr um 10 bis 12 Prozent unter dem des Vorjahres liegen. Wir sehen bei den Unternehmen Konkurse, Fusionen und eine weitere Verlagerung von Standorten ins Ausland. Dabei waren die Einschätzungen unserer Mitglieder für 2020 im März, also vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie, nur leicht negativ. Doch das Virus hat viele negative Entwicklungen beschleunigt, sodass wir am Ende des Jahres einen satten Umsatzeinbruch hinnehmen müssen.“

Doch es gibt auch Gewinner, vor allem kleinere bis mittlere Unternehmen, die Covid-19-Schutzmaterialien aus Plexiglas oder Polycarbonat fertigen. Auch Analyse- und Beatmungsgeräte für Covid-19-Patienten und Hersteller von Schutzmasken haben einen regelrechten Aufschwung erlebt.

Die Covid-19-Pandemie ist somit weniger die Ursache als vielmehr ein Brandbeschleuniger. Denn die Branche befand sich schon im vergangenen Jahr auf Sinkflug, nachdem sie 2018 noch ein Rekordjahr mit 16,08 Mrd. CHF Umsatz hingelegt hatte. 2019 verzeichnete Kunststoff Swiss einen Rückgang um 5,5 % auf 15,19 Mrd. CHF. Mit 792 t waren 3 % weniger Kunststoff und Kautschuk verarbeitet worden als im Vorjahr – und damit hatte man wieder das niedrige Niveau von 2013 erreicht. Auch die Exporte von Halb- und Fertigfabrikaten aus Kunststoff sind schon 2019 leicht gesunken.

Viele Zulieferer in der Schweiz für deutsche Automobilindustrie

Insbesondere die schwächelnde deutsche Automobilindustrie setzte den Rohstofflieferanten und Kunststoffverarbeitern in der Schweiz 2019 und 2020 zu. Deutschland ist für die Branche in der Schweiz der wichtigste Handelspartner. Rund 50 % der Exporte gehen ins Nachbarland. Auf den Fahrzeugbau entfällt zwar nur ein Anteil von 7 % des Umsatzes der Branche. Doch hat diese tiefe durch den Strukturwandel zur E-Mobilität und die damit verbundene Investitionszurückhaltung Bremsspuren hinterlassen.

Nach wie vor sind die Verpackungs- und die Baubranche mit jeweils 39 % Umsatzanteil die wichtigsten Branchen für die Hersteller in der Schweiz. „Die Baubranche hat wenig verloren 2019 und 2020, weil die Sanierung von Gebäuden weiter vorangetrieben wird, befördert nicht zuletzt durch das niedrige Zinsniveau“, erklärt Röschli. „Der Verpackungsanteil ist durch die Nachhaltigkeits-Diskussionen 2019 etwas gesunken. Doch es freut uns, dass im Zuge der Coronavirus-Pandemie das Kunststoff-Bashing etwas in den Hintergrund getreten ist. Ebenso wie im Medizinalbereich hat die Bevölkerung erkannt, dass Kunststoff seine guten Seiten hat, Kunststoff schützt.“

Keine Produktionsrückverlagerungen in der Kunststoffbranche

Röschli geht allerdings nicht davon aus, dass es durch die Covid-19-Pandemie zu einer Rückverlagerung von Produktionen in die Schweiz kommen wird. „Während der ersten Welle im Frühjahr hatten wir Anfragen von einer Administration des Bundes. Sie fragte, ob wir helfen können, dass bestimmte Medizintechnikprodukte, die man für die Pandemie benötigt, verstärkt in der Schweiz gefertigt werden. Vor allem im Bereich der Maskenproduktion gab es zwei oder drei Unternehmen, die mit Unterstützung des Bundes eine neue Fertigung aufgebaut haben. Doch ich befürchte, diese Entwicklung wird nicht nachhaltig sein. Die Deindustrialisierung wird sich weiter fortsetzen“, so der Kunststoff-Swiss-Geschäftsführer. „Und produzierende Unternehmen forcieren die Digitalisierung und Automation in der Fertigung, sodass in Summe immer weniger Personal benötigt wird. Darin und im Engineering besteht die große Chance für unsere Branche, zukunftsfähig zu bleiben.“

Curricula machen fit für die Digitalisierung

Um die Herausforderungen der Zukunft stemmen zu können, müssen die Mitarbeitenden allerdings fit sein etwa für die Digitalisierung. Daher hat Kunststoff Swiss die beiden Curricula für die Ausbildung zum Kunststofftechnologen grundlegend überarbeitet – sowohl das für das Eidgenössische Berufsattest (EBA) als auch für das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ), des Kunststofftechnologen. Ende März 2021 wird der Verband sie dem Bund vorlegen. Mitte 2022 könnten sie dann in Kraft treten. Eine weitere Chance tut sich bei Personen mit Migrationshintergrund auf. Hier startet Kunststoff Swiss ein Programm, damit diese auch mit Hilfe des Bundes in den Arbeitsprozess integriert werden können.

Verhaltene Aussichten für 2021

Die wirtschaftlichen Aussichten für 2021 sieht Verband verhalten: Röschli rechnet erst im zweiten Quartal 2021 mit einem Aufschwung, der zudem nicht stark ausfallen werde. Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung der Schweiz erst gegen Ende 2021 wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird – vorausgesetzt, dass weder in der Schweiz noch bei den wichtigsten Handelspartnern ein weiterer breitflächiger Lockdown verhängt wird.

Schweizer Wirtschaft bislang glimpflich durch die Krise gekommen

Prinzipiell ist die Schweizer Wirtschaft im Vergleich zu den Nachbarländern bisher glimpflich durch die Krise gekommen: Nach den Zahlen des Seco war die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2020 um 1,7 %, im zweiten Quartal im Sog der Pandemie um 7,0 % eingebrochen. Im dritten Quartal aber kehrte die Schweizer Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurück. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im Vergleich zum Vorquartal real um 7,2 %. Insbesondere dank der relativ frühen und zügigen Lockerung der gesundheitspolizeilichen Maßnahmen hatten sich große Teile der Wirtschaft schneller und stärker erholt als erwartet. Allerdings, so muss man einwenden, ist im dritten Quartal die Produktion im gesamten sekundären Sektor, der sich aus Industrie und Bau zusammensetzt, im Vergleich zum Vorjahresquartal um 4,4 % gefallen.

Sabine Koll