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Unternehmen

Schmidt: „Wir haben auch USA und China im Blick“

Plastivation entwickelt eine Spritzgießmaschine, dies auch in den USA und China verkauft werden soll, sagt CEO Bengt Schmidt im Interview der K-ZEITUNG.

Bengt Schmidt, CEO und Gründer von Plastivation, lobt die Zusammenarbeit mit Tederic, dem Partner mit Sitz in China.

Schmidt spricht gemeinsam mit Entwicklungschef Dr. Daniel Ammer darüber, wie das Startup mit einer Maschine für den Verpackungsbereich die gesettelte Spritzgießmaschinenbranche aufmischen will, wo die Maschine namens Hurricane gebaut werden soll, welche Rolle dabei die Antriebstechnik spielt, warum Plastivation derzeit Maschinen aus China in der DACH-Region vertreibt – und wieviel Krauss Maffei in der Hurricane stecken wird.

Herr Schmidt, Sie vertreiben derzeit die Spritzgießmaschinen von Tederic, einem chinesischen Spritzgießmaschinenbauer. Gleichzeitig entwickeln Sie eine eigene Spritzgießmaschine. Wie kam es dazu?

Bengt Schmidt: Anfang 2021 erreichte mich ein Anruf aus der Schweiz, in einer Phase, in der ich mich beruflich neu orientierte. Der Mann am anderen Ende der Leitung stellte sich als Investor vor, der gerne einen Spritzgießmaschinenhersteller in Europa kaufen möchte. Er fragte mich, ob ich Interesse hätte, in das Management einzusteigen. Ich entgegnete, dass ich dies für den falschen Weg halte. Man müsste es, so war damals schon meine Überzeugung, eigentlich wie Elon Musk machen: Auf die grüne Wiese gehen und eine Firma komplett neu aufsetzen. Denn aus meiner Sicht liegt die Wertschöpfung mittlerweile in der Digitalisierung der administrativen Bereiche mit zu vielen Wasserköpfen, und nicht mehr beim Schrauber beziehungsweise in der Produktion. Diese Idee fand der Investor sehr interessant und wir haben eine Vision über drei Stunden vertieft. Am Ende sagte er: Dann lass uns doch eine Spritzgießmaschine selbst entwickeln und bauen, und zwar eine applikationsspezifische Maschine für den Verpackungsmarkt, einem Segment, das wir noch nicht hinreichend abgedeckt sehen. Daraus ist innerhalb kürzester Zeit unser Geschäftsmodell geworden, das man auch im Handelsregisterauszug nachlesen kann: Wir wollen eine eigene Spritzgießmaschine entwickeln, bauen, vertreiben und den Service dazu bieten und außerdem Vertrieb und Service von Spritzgießmaschinen Dritter übernehmen, sprich der Neo Series von Tederic.

Sie werden von einem Investor finanziert. Wer steckt dahinter?

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Schmidt: Es handelt sich um einen Investment-Fond mit Sitz in Luxemburg, der uns fördert, aber mit uns durchaus strategische Ziele verfolgt.

Wie sind Sie dann mit Tederic zusammengekommen?

Schmidt: Als ich vor rund 15 Jahren das erste Mal in China war, haben die Chinesen gesagt, sie nutzen den Kapitalismus, um den Kommunismus stark zu machen. Im Laufe der Jahre habe ich mir überlegt, man müsse das Ganze umdrehen und den Kommunismus nutzen, um den Kapitalismus stark zu machen. Das heißt, meine Idee war, die extrem gute Kostenbasis in China, insbesondere bei Stahl und Eisen, zu nutzen, Teile oder eine Rumpfmaschine in China zu kaufen und diese mit europäischer Intelligenz und europäischem Prozess-Know-how zu versehen, so, dass sie für die anspruchsvollen Spritzgießer attraktiv ist. Dies ist die Grundlage für die Entwicklung unserer eigenen Spritzgießmaschine, der Hurricane. Als wir unsere Geschäftsidee weitergedacht haben, sahen wir für die Hurricane auf Vertriebsseite Herausforderungen auf uns zukommen, sobald wir den Schritt nach China gehen würden; denn dort beißen wir Europäer uns noch die Zähne aus. Daher brauchen wir in China einen strategischen Partner, der bereits ein bestehendes Vertriebsnetz hat. So sind wir auf Tederic gekommen, mit 20 Jahren ein vergleichsweise junges Unternehmen in der Branche. Tederic sieht die Hurricane als perfekte Ergänzung des eigenen Produktportfolios, in dem eine applikationsspezifische Verpackungsmaschine fehlt. Um die Zeit bis zur Markteinführung der Hurricane zu nutzen, haben wir entschieden, den Vertrieb für Tederic in Deutschland zu übernehmen. Für Tederic ist dies eine Chance, auf dem europäischen Markt noch besser Fuß zu fassen.

Plastivation-CEO Bengt Schmidt (links) und Dr. Daniel Ammer, Vice President R&D, verfolgen bei der Entwicklung der eigenen Spritzgießmaschine für den Verpackungsbereich das Ziel, nichts selbst zu entwickeln, was nicht schon am Markt verfügbar ist.

Tederic hat sein Glück in der Vergangenheit bereits in Deutschland gesucht – ohne Erfolg. Was wollen Sie jetzt anders machen?

Schmidt: Ja, zweimal hat Tederic den Vorstoß auf dem deutschen Markt gemacht. Im Gegensatz zu diesen beiden Versuchen haben wir gesagt, dass es nur dann funktioniert, wenn man nicht den gesamten Bauchladen an Spritzgießmaschinen in Europa vertreibt, sondern ganz gezielt moderne, stabil laufende Maschinen, also die Neo Series. Dabei erbringt Plastivation auch anwendungstechnische Beratung und Service für die Maschinen. Und was uns unterscheidet, ist eine eigene Entwicklungsmannschaft.

Dr. Daniel Ammer: Unsere Kompetenz in der Anwendungstechnik und Entwicklung ist tatsächlich das, was uns ausmacht. Wir haben hier am Standort in München von vornherein ein Technikum (mehr zur Eröffnung lesen Sie hier) geplant, in dem wir heute rund zehn Spritzgießmaschinen stehen haben, um die beste Lösung für den Kunden zu finden. Wir können hier natürlich auch Kundenversuche oder Werkzeugabmusterungen vornehmen. Und wir helfen den Kunden auch weiter, den Prozess optimal zu beherrschen. Das Feedback bekommen wir von den Kunden auch direkt zurück. Sprich, wir müssen uns nicht an das Tederic-Headquarter in China wenden. Nehmen wir als Beispiel an, der Kunde hat Probleme bei der Steuerung, dann nehmen wir selbst Kontakt mit Keba auf, dem Lieferanten für die Steuerung. Dementsprechend ist unsere Steuerungsanleitung im Gegensatz zu chinesischen Wettbewerbsprodukten komplett in deutscher Sprache. Ein anderes Beispiel: Wir können dem Kunden durch unsere Anwendungs- und Entwicklungskompetenz auch alle Schnittstellen bieten, die er gewohnt ist und benötigt. Auf der K 2022 haben wir ja auch an dem Umati-Showcase des VDMA teilgenommen – das Engineering dafür haben wir übernommen, nicht Tederic. Insofern ergänzen wir die Tederic-Maschinen in der gegenwärtigen Phase, insbesondere im Hinblick auf europäische Standards. Im nächsten Schritt geht es für uns dann auch darum, auf die Hardware Einfluss zu nehmen.

Haben Sie nicht die Sorge, dass Ihr chinesischer Partner Ihr Know-how auf Dauer abgreift?

Ammer: Ja und nein. Der Wissenstransfer läuft im internationalen Business ja sowieso schon seit Jahren. Insofern stellen wir uns die Frage: Wie kombinieren wir diese Welten so, dass wir zum besten Gesamtergebnis kommen? Und aus heutiger Erfahrung ist das ein sehr gutes Miteinander mit Tederic. Von unseren Erfahrungen profitiert das Unternehmen und unser Input kann auch dazu beitragen, deren Maschinen für den globalen Markt zu optimieren.

Wie sind Sie aktuell personell im Vertrieb aufgestellt?

Schmidt: Derzeit haben wir sechs Verkäufer in ganz Deutschland. Seit Kurzem sind wir zudem die Tederic-Handelsvertretung in Österreich und der Schweiz.

Verkaufen Sie die Maschinen ab Lager?

Schmidt: Von dem aktuellen Trend in der europäischen Branche zum Verkauf standardisierter Maschinen ab Lager halte ich ehrlich gesagt nichts. Das können andere besser. Wir haben rund zehn Maschinen im Technikum für Versuche und Vorführungen, aber im Grunde importieren wir die kundenspezifisch konfigurierten Maschinen aus China. Das dauert für den Kunden nicht länger, als wenn er eine Maschine bei einem europäischen Wettbewerber kauft. Im Gegenteil: Im Moment können wir im Vergleich zu diesen in der Hälfte der Zeit ausliefern.

Sehen Sie keine Risiken in der Lieferkette?

Schmidt: Davon haben wir bislang nichts gemerkt. Allerdings verfolgen wir die wirtschaftspolitische Entwicklung auf den internationalen Märkten sehr wohl. Vorgaben für Local Content, also die Produktion vor Ort, gibt es ja bereits, beispielsweise in den USA. Das heißt für uns, dass wir uns über kurz oder lang entsprechend aufstellen müssen, denn Märkte wie die USA wollen wir mit unserer eigenen Spritzgießmaschine auf alle Fälle bedienen.

In welcher Preisrange sind die Tederic-Maschinen angesiedelt?

Ammer: Mit den kosteneffizienten, wirtschaftlichen und zuverlässigen Tederic-Maschinen bewegen wir uns auch im Preisgefüge der anderen chinesischen Hersteller.

Kommen wir zu der Hurricane, die sie derzeit entwickeln. Sie sagten, dass das eine Maschine für den Verpackungsbereich ist. Wird sie auch im Preissegment der Tederic-Maschinen angesiedelt sein?

Schmidt: Nein, die Hurricane wird den Premiumbereich adressieren. Wir werden damit nicht in den Packaging-Bereich von Premiumanbietern wie beispielsweise Netstal vorstoßen, aber technisch anspruchsvolle Applikationen im Schnellläuferbereich abdecken. Wir haben als Entwicklungspartner einen großen Spritzgießer in Deutschland gewonnen, damit die Maschine den Anforderungen der Kunden entsprechen. Mehr wollen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Unser Plan ist, auf der nächsten K-Messe 2025 die Hurricane zu zeigen und im Folgejahr mit der Auslieferung zu beginnen.

Welche Märkte wollen Sie mit der Hurricane angehen? Geht es über Europa hinaus?

Schmidt: Ja, ganz klar. Um ein Startup unserer Größe am Leben zu halten, müssen wir mit der Maschine sehr schnell in die USA und auch nach China. Das sind die großen Märkte, die wir im Blick haben.

Wollen Sie dafür den Vertrieb von Tederic nutzen oder einen eigenen aufbauen?

Schmidt: Tederic ist unser Industrialisierungspartner, aber wir sind ein komplett eigenständiges und unabhängiges Unternehmen. Wir werden noch entscheiden, wie wir im Vertrieb agieren, ob eigenständig, oder mit Partner. Aktuell gehe ich davon aus, dass wir nur sehr wenige Märkte direkt bedienen werden.

Wo soll die Hurricane gebaut werden?

Ammer: Die Montage soll in Europa stattfinden. Die Hardware werden wir uns zuliefern lassen. Die Antriebstechnologie wird von einem Unternehmen aus der Schweiz kommen; insgesamt wird die Entwicklung der Hurricane sehr stark von der Antriebstechnologie geprägt sein. Generell verfolgen wir bei der Entwicklung das Ziel, das wir nichts selbst entwickeln, was nicht schon am Markt verfügbar ist. Das macht keinen Sinn in einer reifen Branche. Wir fokussieren uns auf die Themen, in denen noch Musik im Spiel ist.

Als da wären?

Ammer: Das sind aus unserer Sicht Antriebstechnik, Steuerung und Regelung für die prozessrelevanten Themen, insbesondere vor dem Hintergrund der Rezyklatverarbeitung. Auch in Richtung Nachhaltigkeit designen wir die Hurricane gezielt.

Sie waren beide lange Jahre bei Krauss Maffei beschäftigt. Wieviel Krauss Maffei wird denn in der Hurricane stecken?

Schmidt: Ich trage im Herzen immer noch Krauss Maffei, doch die Maschine wird keine Krauss Maffei Maschine sein. Doch wird sie zu 98 % eine Kraussler-Maschine sein, die also die Tugenden der alten Krauss Maffei in sich trägt.

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