Ruf: „China ist elementar für die Krauss-Maffei-Strategie“

Dr. Michael Ruf, CEO von Krauss Maffei, betont, dass der chinesische Markt für die Wachstumsstrategie des Unternehmens immens wichtig ist. Daher startet die neue Produktoffensive auch im Reich der Mitte. Foto: Krauss Maffei

Krauss-Maffei-CEO Dr. Michael Ruf sagt im Interview der K-ZEITUNG, warum der chinesische Markt für die Wachstumsstrategie des Unternehmens so wichtig ist.

Im Interview erklärt Ruf, was der chinesische Hauptaktionär Sinochem von der schleppenden Geschäftsentwicklung hält, wie er die gesamte Organisation einschließlich massiver Stellenstreichungen umgebaut hat, welche Strategie er im Volumenmarkt verfolgt, wo und warum es nun wieder Neueinstellungen im Konzern gibt, weshalb eine große Produktoffensive derzeit in China startet und welchen Ruck er sich von den Umzügen in die neuen Werke in Parsdorf und Laatzen verspricht.

Dr. Michael Ruf: Sie beziehen sich hier auf die Krauss Maffei Company Limited, unsere an der Börse Shanghai notierte Holding. Tendenziell hat sich das Geschäft allerdings in diese Richtung entwickelt. Hauptsächlich war dafür die Automotive-Krise verantwortlich, die ja nicht nur uns, sondern unsere gesamte Branche getroffen und durcheinander gewirbelt hat. Und im vergangenen Jahr hat uns die Corona-Krise zugesetzt. Die größten Umsatzeinbrüche datieren daher aus dem zweiten und dritten Quartal 2020. Was uns ein wenig durch die Krisenjahre geholfen hat, war die Extrusionssparte, die ein großes Order-Backlog aus dem Jahr 2019 hatte, das durch die starke Nachfrage der Recyclingbranche getrieben war. Aber in Summe ist unser Umsatz sukzessive zurückgegangen. Daher mussten wir auch gegensteuern. Die gute Nachricht ist, dass wir dies sehr frühzeitig getan haben. Deshalb gehen wir letztlich gestärkt aus dieser Situation heraus.

Ruf: Wir haben vor etwa 18 Monaten das größte Umbauprogramm von Krauss Maffei gestartet – mit dem Ziel der Effizienzsteigerung. Ein Bestandteil davon ist, dass wir das Neumaschinengeschäft über alle Produktgruppen zusammengeführt haben, um uns konsequenter auf den Kunden auszurichten. Daneben haben wir das Servicegeschäft weiter gestärkt. Diese beiden Divisionen sind heute die Eckpfeiler unserer Organisation. Zusätzlich haben wir die Organisation auch im Hinblick auf regionale Verantwortung neu geordnet. Wir sind guter Dinge, dass wir mit dieser Aufstellung von dem bevorstehenden konjunkturellen Aufschwung überdurchschnittlich profitieren werden.

530 Stellen in Deutschland fielen dem Rotstift zum Opfer

Ruf: Das Programm ist nun größtenteils abgeschlossen. Dabei haben wir in Deutschland insgesamt rund 530 Stellen gestrichen, glücklicherweise sehr sozialverträglich, indem wir einerseits Stellen nicht nachbesetzt haben, andererseits eine Auffanggesellschaft gegründet haben. Außerdem stellen wir aktuell in Deutschland wieder Mitarbeiter ein, unter anderem in der Fertigung, weil wir derzeit einen enormen Auftragseingang verzeichnen, den wir abarbeiten müssen. Auch in China bauen wir den Mitarbeiterstamm weiter aus, und zwar sowohl in der Fertigung als auch in der Entwicklung, da dies für uns der wichtigste Wachstumsmarkt ist.

Ruf: Zum Gesamtjahr kann beziehungsweise darf ich noch nichts sagen, da wir ja ein börsennotiertes Unternehmen sind. Dass sich unsere Umsatzzahlen im ersten Halbjahr 2021 nur leicht verbessert haben, ist leicht zu erklären: Zwischen Auftragseingang und der Verumsatzung liegen je nach Produkt bei uns zwischen drei und 18 Monate. Im Mittel rechnen wir mit acht Monaten Verzug. Das heißt, der große Aufschwung, der bei uns im vierten Quartal 2020 eingesetzt hat, monetarisiert sich in vollem Maße erst im zweiten Halbjahr 2021.

„Insgesamt haben wir aktuell den höchsten Backlog, den Krauss Maffei jemals hatte.“

Ruf: Ja, der Auftragseingang ist sehr, sehr gut. Wir sehen in manchen Regionen sogar dreistellige Zuwachsraten, insbesondere in der Region APAC, also im Raum Asien und Pazifik, sowie in Mittel- und Südamerika. Insgesamt haben wir aktuell den höchsten Backlog, den Krauss Maffei jemals hatte. Die gesamte Branche holt jetzt nach, was in der Krise liegengeblieben ist. Und nach wie vor läuft die Extrusionssparte besonders gut, da in der Industrie eine große Nachfrage nach Recycling-Lösungen besteht. Da sind wir mit unseren Edelweiss-Compounding-Anlagen mit Doppelschnecken-Extrudern sehr gut aufgestellt – nicht nur für mechanisches, sondern auch für lösemittelbasiertes Kunststoff-Recycling.

Ruf: Beide Märkte machen sich sehr gut – und dies war auch schon der Fall während der vergangenen beiden Jahre. In beiden Ländern haben wir so gut wie keinen Einbruch gespürt – im Gegensatz zu Europa. In Europa hat uns hauptsächlich das Automotive-Geschäft zugesetzt, einfach weil das Gros unserer Kunden aus dieser Branche aus Europa kommt. Wir machen rund 45 Prozent unseres Umsatzes mit der Automotive-Branche, vor allem mit Spritzgießmaschinen und Reaktionstechnik. Deswegen hat uns das relativ hart getroffen.

Das neue Headquarter von Krauss Maffei in Parsdorf östlich von München wird das Kompetenzzentrum des Unternehmens für hochkomplexe Spritzgießtechnik, Reaktionstechnik und Automation. Der Umzug vom heutigen Sitz in München-Allach soll im Herbst nächsten Jahres starten. Foto: Krauss Maffei

Ruf: Automotive läuft aktuell sehr gut, vor allem ist die Nachfrage nach neuen Projekten und Maschinen im Rahmen der Elektromobilität sehr groß. Zwar sehen wir erste Bremsspuren in der Nachfrage, die auf den Chipmangel zurückzuführen sein könnten. Allerdings gehen wir davon aus, dass es einen Nachholeffekt in der Branche geben wird, wenn sich die Supply-Chain-Probleme bei Chips gelöst haben. Das wird allerdings noch eine Weile dauern, womöglich noch bis Ende nächsten Jahres.

Ruf: Die Materialverknappung macht auch uns zu schaffen. Derzeit fehlen vor allem integrierte Schaltungen und Gussteile. Wir haben deshalb diverse Task Forces gebildet, um sicherzustellen, dass wir das bestellte Material zügig bekommen. Wir gehen davon aus, dass sich die Lage nächstes Jahr etwas entspannen wird, da wir nun alles mit langfristigen Lieferverträgen abgesichert haben.

Preisanhebungen erfolgt, Transportkosten könnten für zweite Runde sorgen

Ruf: Das ist eine weitere Herausforderung. Teilweise zahlen wir für Komponenten wie etwa Chips den hundertfachen Preis gegenüber früher. Wir haben bei uns natürlich Kostensenkungsmaßnahmen ergriffen, aber das reicht nicht aus, um diese Preisanstiege zu kompensieren. Deswegen haben wir uns auch schon gezwungen gesehen, die Preise anzuheben. Zum 1. Juli 2021 ist dies erfolgt. Wegen der zusätzlich gestiegenen Transportkosten können wir weitere Preiserhöhungen nicht ausschließen. Wir müssen derzeit ständig umplanen. So bauen wir mitunter Teile bei einer Maschine aus, um sie in eine andere einzubauen, damit diese ausgeliefert werden kann.

Ruf: In unserem Werk in Sucany in der Slowakei wollen wir tatsächlich unsere Fertigungstiefe im Bereich Schaltschrankbau etwas ausbauen. Ansonsten sind wir bezüglich Fertigungstiefe gut aufgestellt.

Ruf: Die kaufen wir zu und wir haben auch keine Ambitionen, dies zu ändern. Wir reduzieren allerdings im Rahmen des Umbauprogramms die Zahl der Steuerungen im Konzern von acht auf drei. Wir kommen aber auch künftig nicht mit nur einer Steuerung aus, weil wir je nach Maschine unterschiedlich performante Steuerungen benötigen.

„Was für unseren Hauptaktionär Sinochem zählt, ist unsere langfristige Strategie. Die Voraussetzungen für das angestrebte Wachstum schaffen wir durch ein verbessertes Angebot an Maschinen. Wir werden in den kommenden Jahren ein neues Portfolio auf den Markt bringen, und haben damit bereits begonnen. Dazu gehören die drei neuen Maschinenserien, die wir in China für den chinesischen Markt fertigen.“

Ruf: Unser größter Aktionär ist ja Chemchina, jetzt Sinochem, und der sieht Krauss Maffei als langfristiges Investment. Das heißt, kurzfristige Schwankungen sind für unseren Hauptaktionär eher uninteressant. Was für ihn zählt, ist unsere langfristige Strategie. Die Voraussetzungen für das angestrebte Wachstum schaffen wir durch ein verbessertes Angebot an Maschinen. Wir werden in den kommenden Jahren ein neues Portfolio auf den Markt bringen, und haben damit bereits begonnen. Dazu gehören die drei Maschinenserien, die wir in China für den chinesischen Markt fertigen. Allen voran die vollelektrische standardisierte PX Agile, die seit zwei Jahren auf dem Markt und sehr gut nachgefragt ist. Darüber hinaus haben wir kürzlich in China mit der sogenannten Powermolding eine neue Spritzgießmaschinenserie vorgestellt, die dem Bereich der GX entspricht. Im Extrusionsbereich haben wir mit der Goldpower ebenfalls eine Maschine für den chinesischen Markt. Das heißt, im chinesischen Markt sind wir jetzt sehr gut aufgestellt. In China zu wachsen ist ein elementarer Baustein unserer Geschäftsstrategie. Diese sieht auch vor, dort in 2024 schon 500 Millionen Euro Auftragseingang zu realisieren. Damit peilen wir auch weiterhin mittelfristig einen weltweiten Umsatz von mehr als 2 Milliarden Euro an.

Im Juni 2020 hat Krauss Maffei das neue Werk in Jiaxing/China eröffnet. Mehr dazu lesen Sie hier. Foto: Krauss Maffei

Ruf: Im Moment ja, aber wir wollen damit bald auch den Weltmarkt bedienen. Alle drei bedienen den Volumenmarkt. Für die PX Agile erstellen wir derzeit ein Servicekonzept, das sicherstellen wird, dass die Ersatzteile zum Beispiel auch in Europa schnell verfügbar sind. Die Nachfrage von Kunden nach der Maschine ist definitiv vorhanden, nicht zuletzt deshalb, weil die Preissensibilität der Kunden in der westlichen Welt zugenommen hat. Letztlich wird diese Standardmaschine unseren Marktanteil erhöhen, da wir damit neue Kundensegmente erobern können.

Standardmaschine PX Agile kommt aus China auch nach Europa

Ruf: Ja, das ist der Plan. Die Maschine soll in verschiedenen Konfigurationen ab Lager lieferbar sein. Lieferfristen von 20 Wochen soll es dabei nicht geben. Das ist in diesem Segment nicht zielführend. Generell stellen wir fest, dass kurze Lieferzeiten immer wichtiger werden. Das war auch während der Corona-Pandemie zu beobachten, als Medizintechnikhersteller händeringend nach Spritzgießmaschinen gefragt haben. Da konnte nur derjenige Umsatz machen, der auch schnell liefern könnte.

„Krauss Maffei und Netstal passen gut zueinander.“

Ruf: Krauss Maffei und Netstal passen gut zueinander. Dass Netstal kürzlich wieder seinen alten Namen erhalten hat und auf der Fakuma einen eigenen Stand hatte, liegt schlicht daran, dass wir den Wünschen unserer Kunden nachgekommen sind. Wir haben gemerkt, dass Netstal am Markt unter dem Namen Netstal am erfolgreichsten ist.

Ruf: Wir prüfen regelmäßig Optionen der Zusammenarbeit im Bereich Extrusion mit Pirelli, aber die Ergebnisse sind noch relativ überschaubar. Chemchina selbst nutzt natürlich verstärkt unsere Extruder. Den größten positiven Effekt sehen wir allerdings darin, dass uns Chemchina Türen zu anderen chinesischen Kunden öffnet, die für uns ansonsten verschlossen blieben.

Ruf: Derzeit sind wir, auch dank unseres starken Hauptaktionärs, ausreichend kapitalisiert, um unsere Pläne auch ohne Kapitalerhöhung umsetzen zu können. Für die Zukunft würde ich eine solche Maßnahme aber nicht ausschließen.

Strategiewechsel: Keine Börsennotierung in Deutschland geplant

Ruf: Das war mal im Gespräch, doch ist es aktuell nicht geplant – auch wenn ich das schön fände, da eine Börsennotierung in Deutschland die Marke Krauss Maffei weiter stärken würde. Überall auf der Welt, auch in China, werden wir nach wie vor als deutsches Unternehmen wahrgenommen.

Ruf: Die große Befürchtung, dass die chinesischen Eigentümer oder der Staat Know-how absaugen wollen, sehen wir überhaupt nicht. Für uns ist es ein Glücksfall, mit Chemchina beziehungsweise Sinochem als Hauptinvestor zusammen zu arbeiten. Wir haben gemeinsame strategische Ziele. Schauen Sie sich unsere großen Neubauprojekte an, das sind gewaltige Investitionen in die Zukunft. Man kann sagen, Krauss Maffei erfindet sich neu oder besser: Wir bauen ein neues Krauss Maffei.

„Die zwei neuen Werke in Parsdorf und Laatzen werden unsere Wettbewerbsfähigkeit auf ein ganz neues Niveau bringen.“

Ruf: Wir liegen voll im Plan, der Bauträger kommt sogar etwas schneller voran als geplant. Ich bin regelmäßig in Parsdorf auf der Baustelle (mehr zur Grundsteinlegung lesen Sie hier) und muss sagen, das ist sehr beeindruckend. Und es macht mich auch stolz zu sehen, was unserem Unternehmen dort bevorsteht. Die neuen Werke in Parsdorf und Laatzen bedeuten für Krauss Maffei sehr viel. Statt der alten Fertigungsstandorte haben wir dann zwei hochmoderne, hocheffiziente Werke. Das wird unsere Wettbewerbsfähigkeit auf ein ganz neues Niveau bringen. Und auch Mitarbeiter, die dem Umzug von Allach nach Parsdorf eher zurückhaltend gegenüber stehen, weil sie künftig zum Beispiel längere Anfahrtswege zur Arbeit haben werden, können wir zunehmend dafür begeistern. Wir hatten erst vor kurzem einen „Tag der offenen Baustelle“ und es gab ausnahmslos positives, begeistertes Feedback von den Mitarbeitern. Ende des dritten Quartals 2022 werden wir mit dem Umzug beginnen. Die Umzüge sind natürlich Megaprojekte, da wir ja unterdessen weiter produzieren werden.

Das neue Werk in Laatzen wird das Kompetenzzentrum von Krauss Maffei für die Extrusionstechnik. In diesem Werk entsteht das laut Ruf das weltweit größte Customer Experience Center im Bereich Extrusionstechnik mit insgesamt 18 Linien. Foto: Krauss Maffei

Ruf: Parsdorf wird unser Kompetenzzentrum für hochkomplexe Spritzgießtechnik, Reaktionstechnik und Automation. Hier wird es ein großes Lager geben und natürlich ein hochmodernes Customer Experience Center, in dem unsere Kunden entsprechende Versuche fahren können. Laatzen wird das Kompetenzzentrum für Extrusionstechnik. In diesem Werk entsteht das weltweit größte Customer Experience Center im Bereich Extrusionstechnik mit insgesamt 18 Linien, auf denen Versuche aller Art laufen können. Hier wird der Umzug ein oder zwei Monate früher starten. Sucany in der Slowakei ist unser Zentrum für den Schaltschrankbau und für Standardmaschinen. Das neue Werk in Jiaxing/China, das wir 2020 eingeweiht haben, ist das Kompetenzzentrum für die gesamten Agile-Produkte, also das Volumensegment.

Ruf: Bei der Fakuma haben wir die Entscheidung, keine Maschinen auf dem Stand zu zeigen und stattdessen auf einen digitalen Auftritt zu setzen, bewusst getroffen. Zu dem Zeitpunkt, als wir die Maschinen planen mussten, war völlig unsicher, ob die Messe aufgrund der Pandemieentwicklung stattfinden kann oder nicht. Aber auch der digitale Auftritt hat gut funktioniert. Er hat unseren Weg ins Digitalzeitalter unterstrichen. Parallel dazu veranstalten wir in den kommenden Monaten europaweit einige Events, bei denen die Kunden die Gelegenheit haben werden, Maschinen im Detail anzuschauen. Und keine Sorge: Auch auf der K 2022 wird es wieder Krauss-Maffei-Maschinen zu sehen geben.

Sabine Koll

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