Rohstoffmangel und hohe Preise bis Ende 2021

Der Rohstoffmangel triebt die Preise bei Kunststoffen in nie dagewesene Höhen. Foto: VdL

90 % der Verarbeiter in Europa klagen über Rohstoffmangel und starke Preiserhöhungen. Branchenkenner erwarten Beruhigung erst Ende 2021.

Die europäischen Kunststoffverarbeiter sind mit einem starken Rohstoffmangel und extremen Preiserhöhungen konfrontiert, die es in diesem Ausmaß noch nie gegeben hat. Diese Situation gefährdet die Produktion unzähliger Produkte, die von Anwendungen in der Bau- und Automobilindustrie bis hin zu wichtigen Gütern für die Lebensmittelverpackung und die pharmazeutische Lieferkette reichen.

Gravierender Mangel bei der Rohstoffversorgung

Alexandre Dangis, Geschäftsführer bei European Plastics Converters (EUPC), dem europäischen Dachverband der Verarbeiter, erklärte in Brüssel: „Hersteller von Kunststoffprodukten in ganz Europa haben seit Anfang dieses Jahres gravierende Engpässe bei der Rohstoffversorgung. Die Lieferprobleme sind weit verbreitet und nehmen an Schärfe zu. Betroffen sind fast alle Polymere sowie spezielle Additive, die für die Herstellung von Compounds und Kunststoffprodukten von entscheidender Bedeutung sind.“ Selbst an Glasfasern als Verstärkungsstoff mangele es.

Renato Zelcher, Präsident EuPC: „Wenn die Situation so weitergeht, werden immer mehr Unternehmen ihre Produktion drosseln müssen.“ Foto: EUPC

Die Kommentare, die aus dem Markt zu hören sind, sprechen eine deutliche Sprache: „Es ist eine Katastrophe“, „das habe ich noch nie erlebt“, und „das geht an die Existenz“ sind nur einige Äußerungen, mit denen die Akteure die heftigen Preissprünge beschreiben, denen sie sich derzeit ausgesetzt sehen. Dies stellt die Verarbeiter, die oft langfristige Verträge mit ihren Kunden haben, vor wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zumal die Lagerbestände bei den Verarbeitern alarmierend niedrigen sind.

„Es gibt etwa 50.000 kleine bis mittlere Kunststoffverarbeiter in Europa, die mit dem Rohstoffmangel und den erheblichen Preissteigerungen konfrontiert sind", sagt EUPC-Präsident Renato Zelcher. „Wenn die Situation so weitergeht, werden immer mehr Unternehmen ihre Produktion drosseln müssen, was zu Engpässen bei Kunststoffprodukten in den Bereichen Verpackungen, Bau, Automobilindustrie und sogar Medizintechnik führt."

Preiserhöhungen in vierstelligem Umfang

Der Rohstoffmangel hat viele Verarbeiter kalt erwischt: Noch im Herbst vergangenen Jahres hatte die Branche mit einer stabilen Versorgung gerechnet. Anfang Dezember hatte sich die Verknappung und Verteuerung der Rohstoffe bereits angedeutet. Jetzt eskaliert die Situation – bei einigen Kunststoffsorten ganz besonders: Der Preis für Polyamid-Basispolymere ist in teilweise ungeahnte Höhen katapultiert. Die Compounds folgen meist auf dem Fuß. Nicht selten mussten Verarbeiter von Polyamiden über das Quartal hinweg Preiserhöhungen in vierstelligem Umfang schlucken.

Da stellt sich natürlich die Frage nach den Ursachen. Dr. Michael Zobel, Vorstandsvorsitzender beim Erzeugerverband Plastics Europe Deutschland (PED), erklärte Anfang Mai auf der PED-Wirtschaftspressekonferenz:„Eine unerwartet angestiegene Nachfrage – sie liegt derzeit sogar über dem Niveau vor Beginn der Corona-Pandemie – trifft auf eine außergewöhnlich hohe Zahl von Force Majeure sowie Verzögerungen bei Instandhaltung und wiederholte Produktionsstopps, weil Mitarbeiter in Quarantäne geschickt werden müssen. Zudem sind die Importe rückläufig, auf die Europa jetzt dringend angewiesen ist.“

Dr. Michael Zobel, Vorstandsvorsitzender Plastics Europe Deutschland: „Eine unerwartet angestiegene Nachfrage trifft auf eine außergewöhnlich hohe Zahl von Force Majeure.“ Foto: Lanxess

Konnte der pandemiebedingte Mehrbedarf an Kunststoffen für Verpackungen und Medizinprodukte anfangs noch abgefedert werden durch eine gesunkene Nachfrage in der Industrie, ziehen die Bestellmengen dort seit Beginn des Jahres mittlerweile wieder deutlich an. Bei Elektrogeräten gibt es eine Art Sonderkonjunktur, aber auch die Autoindustrie arbeitet wieder voll.

Ungewöhnlich viele Force-Majeure-Fälle

Gleichzeitig hat Europa es bei der Kunststofferzeugung mit 13 Force Majeures, 11 Anlagenausfällen, 22 Verlangsamungen und 24 Wartungsstillständen zu tun (Stand Mitte April 2021). Und Besserung scheint nicht in Sicht, denn die Force-Majeure-Fälle können dauern: In der einer Umfrage der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen ist von durchschnittlich 62 Tagen die Rede, der aktuell längste dauert aber schon 210 Tage.

Zusätzlich sehen sich die Erzeuger mit geringeren Importen aus Asien, dem Mittleren Osten und den USA konfrontiert. Denn auch in diesen klassischen Exportländern liegt die Nachfrage über dem Angebot. Die Situation wird durch die derzeitigen Engpässe bei Schiffscontainern weiter verschärft.

Strukturelles Ungleichgewicht in Europa

Diese derzeit in ganz Europa auftretenden schwerwiegenden Marktstörungen sind ein Symptom für das strukturelle Ungleichgewicht in Europa zwischen der lokalen Produktion und der Nachfrage nach Rohstoffen und Zusatzstoffen. Ohne Wiederherstellung dieses Gleichgewichts ist ein periodisches Wiederauftreten einer groben Störung der Produktionskette sehr wahrscheinlich.

Ron Marsh, Vorsitzender Polymers for Europe Alliance. „Europa ist überdurchschnittlich anfällig für Marktstörungen.“ Foto: EUPC

„Europa mit seiner starken Kunststoffverarbeitung ist ein Nettoimporteur für Polymerrohstoffe und daher überdurchschnittlich anfällig für Marktstörungen“, kommentierte Ron Marsh, Vorsitzender Polymers for Europe Alliance. Die Allianz wurde von EuPC im Mai 2015 ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, die Öffentlichkeit über die Polymerversorgung in Europa zu informieren und einen konstruktiven Dialog mit den Erzeugern zu pflegen.

Nadelöhr ADN bei PA66

Besonders ausgeprägt zeigt sich das strukturelle Ungleichgewicht in Europa bei Adiponitril (ADN), einem wichtigen Vorprodukt für PA66 (siehe auch Interview Lanxess). Weltweit gibt es nur wenige Produktionsanlagen, in Europa nur eine einzige. Die seit der Solvay-Transaktion zur Hälfte BASF gehörende ADN-Linie der Betreibergesellschaft Butachimie in Frankreich hat das gesamte Jahr 2020 über nicht mit voller Kraft produziert. Eine weitere wichtige Anlage von Invista (USA) hat – wie am 24. März 2021 bekannt wurde – seine ADN-Linie am texanischen Standort aufgrund technischer Probleme abgeschaltet.

In vielen Fällen ist eine Umstellung auf alternative Werkstoffe oder Recyclingmaterial nur in begrenztem Umfang möglich (siehe Interview Barlog Plastics, K.D. Feddersen, Plexpol). Bei PA66 sollten Verarbeiter aber auch unabhängig von der aktuellen Situation über einen Wechsel zu PA6 bzw. PBT nachdenken (siehe Interview Lanxess).

Dr. Martin Engelmann, IK-Hauptgeschäftsführer: „Es scheint vorerst nicht noch schlimmer zu werden.“ Foto: IK

In mehreren Anwendungen verhindern gesetzliche Sicherheitsbestimmungen, technische Hürden und Qualitätsanforderungen derzeit die Verwendung von recycelten Materialien. Wo Recyclate als Alternativen etabliert sind, steigen auch hier die Preise erheblich.

Normalisierung der Märkte erst Ende 2021

Eine Normalisierung der Märkte ist derzeit nicht in Sicht. Die IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen sieht allerdings die Bildung eines Negativ-Plateaus: „Es scheint vorerst nicht noch schlimmer zu werden“, so IK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Engelmann.

Dr. Zobel, PED geht von einer angespannten Versorgungslage bis Ende des Jahres 2021 aus. „Die Lieferengpässe werden sich aller Erwartung nach nur schrittweise reduzieren“, so Zobel, „eine vollständige Normalisierung der Rohstoffversorgung erwarten wir erst Ende des vierten Quartal 2021.“

Matthias Gutbrod