Recycling: Gemeinsam das Kunststoff-Image aufpolieren

Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des VDMA Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen. Foto: VDMA

Thorsten Kühmann und Ingemar Bühler im Way-2-K-Interview darüber, wie die Kunststoffindustrie mit Recycling das Image von Kunststoff verbessern kann.

Im aktuellen Interview der VDMA-Serie Way-2-K im Vorfeld der Messe K 2022 reden Thorsten Kühmann, Geschäftsführer Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA, und Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, über die Bedeutung von chemischem und mechanischem Recycling und wie die Kunststoffbranche gemeinsam das Imageproblem von Kunststoff anpacken kann.

Abfallprodukte sorgen für schlechtes Image von Kunststoffen

Kunststoff ist immer noch in Verruf. Was kann die Kunststoffindustrie tun, damit die offenkundigen Vorteile des Werkstoffs nicht vom derzeit negativen Image überdeckt werden?

Thorsten Kühmann: Es muss uns gelingen, eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Denn die Hauptursache für das schlechte Bild, das die Öffentlichkeit vom Kunststoff hat, ist der Abfall, der in der Umwelt und in den Weltmeeren landet. Einfach gesagt: Wir müssen dafür sorgen, dass der Müll eben nicht in die Umwelt gelangt, sondern, sofern er nicht sogar vermeidbar ist, in einen Kreislauf gebracht wird. Diese Aufgabe können wir als Industrie bewältigen, wenn wir geschlossen auftreten.

Ingemar Bühler ist Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland und erklärt gemeinsam mit Thorsten Kühmann, wie das Image von Kunststoff durch das Recycling verbessert werden kann. Foto: PED

Ingemar Bühler: Das Abfallproblem ist von der Industrie viel zu lange nicht ernst genug genommen worden – und daher auch nicht angegangen worden. Hersteller oder Verarbeiter haben sich auf den Standpunkt zurückgezogen, dass sie es ja nicht selbst seien, die den Abfall in die Umwelt tragen, was übrigens auch stimmt. Tatsächlich müssen viele der Maßnahmen gegen das Müllproblem von der Politik ergriffen werden. Es braucht Regelungen und Gesetze. Dennoch: Auch die Unternehmen und Verbände müssen überlegen, wie sie das Problem in den Griff bekommen. Wir müssen selber etwas tun und Teil der Lösung werden.

Chemisches und mechanisches Recycling ergänzen sich

Was können denn Kunststoffhersteller beitragen? Ist chemisches Recycling ein Teil der Lösung?

Bühler: Im Kern geht es beim chemischen Recycling darum, aus einem Kunststoff wieder synthetisches Öl herzustellen, ihn also wieder in seinen Urzustand zu bringen. Daraus lassen sich dann wieder hochwertige Produkte herstellen. Beim mechanischen Recycling ist es dagegen sehr schwierig und aufwändig, aus Rezyklaten gleich- oder höherwertige Produkte herzustellen.
Chemisches Recycling wird in der Zukunft eine gute Ergänzung zum mechanischen Recycling sein, aber es wird es nicht ablösen. Dazu sind die Kapazitäten zu klein und zumindest derzeit der Energieaufwand zu hoch. Aber zusammen können die beiden Methoden dazu führen, dass es keine Kunststoffabfälle mehr gibt, weil sie sich alle in einem Kreislauf bewegen.

Und was können die Maschinenbauer tun?

Kühmann: Wir arbeiten schon eine ganze Weile daran, Kreisläufe zu organisieren. Wir haben zum Beispiel inzwischen gute Verfahren, wie man Regranulate wieder in neue, qualitativ hochwertige Produkte bringen kann. Dazu müssen ganz verschiedene Technologien ineinandergreifen. Wir haben jetzt auch die digitalen Möglichkeiten, Kunststoffprodukte über ihren gesamten Lebensweg zu verfolgen, sie zu markieren. Sie werden dadurch transparent gemacht. Man kann jetzt sehen, aus welchen Kunststoffen ein Produkt besteht.
Das ist enorm wichtig zu wissen, denn am Ende ihres Lebens müssen die Produkte wieder getrennt und auch getrennt wiederaufbereitet werden, damit sie in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Diese Aufgabe betrifft den Maschinenbau, sie betrifft die erzeugende Industrie und die verarbeitende Industrie. Und da haben wir wirklich einen sehr engen Austausch. Und das zeigt jetzt auch seine Wirkung.

Die Digitalisierung ist also Treiber der Kreislaufwirtschaft?

Kühmann: Die Digitalisierung der Wertschöpfungsketten hat zwei wesentliche Effekte. Zum einen die eben genannte Transparenz, die eine Nachverfolgbarkeit ermöglicht und damit die Kreislaufwirtschaft erheblich erleichtert. Die Produkte werden sozusagen gläsern. Der zweite große Vorteil der Digitalisierung ist, dass man industrielle Prozesse damit viel besser steuern kann. Das bringt einen großen Schub in Richtung nachhaltiges Wirtschaften. Man produziert weniger Abfälle, man verbraucht also weniger Material und spart wertvolle Ressourcen. Die digitalisierten Verfahren sind somit eine sehr nützliche Ergänzung zu den etablierten Verfahren in der Produktion.

Bühler: Die Digitalisierung findet auf vielen Ebenen statt. Sie wird bei der Entwicklung von neuen Materialien und Materialeigenschaften eingesetzt. Sie verändert wie im Maschinenbau auch die Produktionsprozesse. Und sie verändert die Art und Weise, wie die Hersteller von Kunststoffen mit ihren Kunden kooperieren. Man stellt oft nicht mehr ein Produkt her und stellt es zum Verkauf, sondern man entwickelt ein Produkt durch gemeinsame Simulationen mit dem Kunden zusammen. Die digitale Transformation begünstigt ohne Frage die Kreislaufwirtschaft, aber sie geht weit darüber hinaus.

Kunststoffindustrie muss gemeinsam über Vorteile aufklären

Die Kreislaufwirtschaft ist ein langfristiges Projekt. Wie kann man den Verbraucher schneller vom Nutzen von Kunststoff überzeugen?

Kühmann: Neben der Organisation eines glaubhaften Transformationsprozesses müssen wir den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen. Es gibt so viele Fragen im Zusammenhang mit Kunststoff, die ganz drängend und teilweise sehr komplex sind. Ein Schritt in diese Richtung ist die neue Initiative „Wir sind Kunststoff“. Darin stellen die Verbände der Kunststoffindustrie, also die der Kunststoffhersteller, der kunststoffverarbeitenden Industrie und des Kunststoffmaschinenbaus, Fakten und Zusammenhänge dar und bieten allen Interessierten vom Verbraucher über NGOs bis zur Politik an, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Bühler: Ja, wir müssen aufklären. Auch darüber, wie notwendig Kunststoffprodukte für unser Leben sind. Gerade auch im Hinblick auf eine klimaneutrale Zukunft. Kunststoffe ermöglichen Leichtbau, Elektromobilität, die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie. Der Vorteil gegenüber anderen Materialien ist hier erheblich. Und die Möglichkeiten sind noch lange nicht erschöpft.

VDMA/kus

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