„Problem des Kunststoffabfalls in der Umwelt global angehen“

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Kunststoffe sind in unserer Welt unverzichtbar: Das grundsätzliche Problem ist Plastik in der Umwelt.

Gian de Belder von Procter & Gamble, erläutert vor der K 2019 die Probleme von Kunststoffabfällen in der Umwelt und was die Industrie dagegen tun kann.

Wie eine Kreislaufwirtschaft mit Kunststoff funktionieren kann, wird eines der zentralen Themen der Weltleitmesse K 2019 sein. So auch bei der Fachgemeinschaft Kunststoff- und Gummimaschinen des VDMA und seinen Mitgliedern, von denen einige im Vorfeld der Messe klar Stellung bezogen haben. Darunter auch Gian de Belder, Principal Scientist und Packaging Technologist bei Procter & Gamble.

Herr de Belder, Kunststoffverpackungen machen einen großen Teil des Abfalls auf den Weltmeeren und an Land aus. Was unternimmt Procter & Gamble als bedeutender Konsumgüterhersteller dagegen?
Gian de Belder:
Verpackungsabfälle gehören nicht in die Natur, soviel ist klar. Wir sehen für uns eine Verantwortung, etwas dagegen zu tun. Und wir handeln entsprechend. Wir engagieren uns in unterschiedlichen Initiativen und eigenen Programmen um sicherzustellen, dass diese Herausforderung zielgerichtet angegangen wird. Dabei sind für uns wertschöpfungsübergreifende, globale Kooperationen von zentraler Bedeutung, da dies der wirkungsvollste Weg ist, um große gesellschaftliche Herausforderungen wie die Müllproblematik anzugehen und geschlossene Kreislaufsysteme für Kunststoffe aufzubauen.

Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?
De Belder:
Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, ich möchte hier zwei besonders wichtige nennen: Die Alliance to End Plastic Waste konzentriert sich in Südostasien auf Infrastruktur, technologische Innovationen, Bildung und aktive Sanierungen, mit dem Hauptziel, dass keine Kunststoffabfälle in die Umwelt gelangen. P&G ist hier auf Top-Management-Ebene aktiv: Es ist eine CEO-geführte Allianz mit einem Investment von 1,5 Mrd. USD, die von den teilnehmenden Firmen zur Verfügung gestellt werden.
Das zweite Beispiel ist das Projekt Holy Grail. Dies ist eine übergreifende Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette. Dabei geht es darum, mit neuen Technologien die Herausforderungen der automatischen Sortierung bewältigen zu können, etwa durch die Integration digitaler Wasserzeichen. Fakt ist: Die Sortierung ist heute noch eine Schwachstelle beim Recycling.
Darüber hinaus treiben wir viele Projekte innerhalb unseres Unternehmens voran, denn unsere Nachhaltigkeitsziele sind eindeutig und sehr transparent: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Ozeane zu schützen und dass alle unsere Verpackungen vollständig recycelbar oder wiederverwendbar sein sollen. Darüber hinaus wollen wir neue Recycling-Technologien wie Pure Cycle vorantreiben. Das ist ein Verfahren, das gebrauchte Kunststoffe in nahezu reine Qualitätskunststoffe umwandelt.

Ist Recycling der einzige Weg, um die Müllberge zu vermeiden?
De Belder:
Recycling bedeutet, Kunststoffe so lange wie möglich im Kreislauf zu halten. Das hat große Wirkung. Wenn dann gleichzeitig Materialeinsparungen hinzukommen, sind wir einen riesigen Schritt weiter. Es gibt fünf Säulen um sicherzustellen, dass Kreislaufwirtschaften tatsächlich funktionieren: das Produktdesign, Sammelsysteme, der Verbraucher, technische Innovationen und die Schaffung von Absatzmärkten, die die Sekundärrohstoffe aufnehmen. P&G hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, die Menge von PCR zu verdoppeln.
Gleichwohl man muss genau hinschauen, was man tut. Der Wechsel zu mehrschichtigen Materialien könnte eine Möglichkeit zur Reduzierung sein, bringt derzeit aber noch Herausforderungen beim Recycling mit sich. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 den Einsatz neuer, fossiler Kunststoffe um die Hälfte zu verringern. Darüber hinaus sind auch Mehrwegverpackungen eine Möglichkeit, zirkuläre Einsparungen zu erzielen. Wir sind Gründungspartner von LOOP, einer Initiative, die Mehrfachverwendungen von Verpackungen möglich macht. Erste Projekte dazu wurden bereits in Paris und New York gestartet. Viele unserer Marken sind beteiligt. Also auf den Punkt gebracht: Der einzige Weg ist Recycling nicht, es kommt auf das Zusammenspiel verschiedener Ansätze an. Die globalen Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen.

Recycling erfordert Sammelsysteme. Aber in vielen Ländern gibt es diese nicht. Was ist zu tun?
De Belder:
In den Ländern, in denen es sie gibt, wie in der EU, müssen wir sicherstellen, dass es eine Harmonisierung und ähnliche Sammelregeln gibt. Wo es keine Sammelsysteme gibt, wie etwa in den Ländern Südostasiens, müssen wir die Infrastruktur aufbauen und das Bewusstsein für Umweltschutz schärfen. Hierauf fokussiert sich die angesprochene Alliance to End Plastic Waste.

Was sind die Haupthindernisse für das Recycling von Kunststoffverpackungen?
De Belder:
Alle eben genannten fünf Säulen müssen vorhanden und aufeinander abgestimmt sein, damit es funktioniert – Harmonisierung ist hier entscheidend. Eine große Herausforderung ist die Vielfalt der verschiedenen Materialien, die in der Verpackung verwendet werden und deren Funktion jeweils einzigartig ist. Das Gute daran ist, dass heutzutage ein Schwerpunkt auf der Neugestaltung von Verpackungen liegt, um diese recyclingfähiger zu machen. Bisher verwenden wir hauptsächlich mechanisches Recycling, aber ich glaube, dass es auch für andere Technologien, wie zum Beispiel das chemische Recycling, Zukunftsperspektiven gibt.

Wird eine funktionierende Kreislaufwirtschaft das schlechte öffentliche Image von Kunststoffen verbessern?
De Belder:
Das hoffe ich persönlich sehr. Kunststoffe sind nicht per se schlecht und in vielen Fällen sind die Alternativen auch nicht besser. Das grundsätzliche Problem ist nicht Plastik, sondern Plastik in der Umwelt. Wir sollten also die emotionale Diskussion über Kunststoffe versachlichen. Zudem hat der Kunststoff im Ozean ja nicht darum gebeten, dort zu landen. Das ist die Folge eines falschen Umgangs mit Plastik.
Viele wissenschaftliche Studien belegen die Vorteile von Kunststoff. Das wird in der öffentlichen Debatte leider vernachlässigt. Kunststoffe sind vielfältig einsetzbar und oft auch mit einem hohen Grad an Nachhaltigkeit zu vereinbaren. Dazu brauchen wir aber die richtige Materialwirtschaft – und auch das Bewusstsein der Verbraucher spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Ina Vettkötter

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