„Offenheit als Schlüssel zur Fabrik der Zukunft”

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Sepros Product Marketing Director Claude Bernard im Interview: Automatisierungstrends im Spritzgießen, Industrie 4.0 und kollaborative Robotik im Fokus.

Der Industrie-4.0-Gedanke ist fester Bestandteil bei der Planung und Umsetzung von Maschinen, ganz egal, in welchem Industriebereich. Einer der heutigen Trends kann bei der offenen Integration von Robotern im Bereich des Spritzgießens ausgemacht werden. Sepro arbeitet in diesem Bereich bereits mit unterschiedlichen Unternehmen zusammen, um den Weg zu einer hersteller- und plattformübergreifenden Operabilität zu ebnen. Was genau damit gemeint ist, welche Rolle Sepro dabei spielt und welche Themen im Bereich der Robotik sonst noch wichtig sind, verrät Claude Bernard, Product Marketing Director bei Sepro.

Herr Bernard, welche großen Automatisierungstrends sehen Sie im Spritzgießmarkt?
Claude Bernard: Der wohl größte Trend geht in Richtung offener Integration und einer übergreifenden Einsetzbarkeit von Robotern auf allen Spritzgießmaschinen. Viele Jahre waren der einzige­ Kommunikationskanal zwischen einem Roboter und der Spritzgießmaschine die Signale, die die mehr oder weniger unabhängigen Bewegungen des Robotsystems koordi­nierten. Wenn Kunden mehr Integration wollten, mussten sie ein Kommunikationspaket von einem Hersteller kaufen, der sowohl Roboter als auch Maschinen im Portfolio hatte.

In jüngerer Zeit scheint es, dass Teilehersteller mehr Optionen zur Verfügung haben wollen. Aus diesem Grund hat Sepro den Weg zu einer größeren hersteller- und plattformübergreifenden Operabilität geebnet, indem wir mit mehr als zwölf Maschinen-OEMs Zusammenarbeiten eingingen. Der Roboter­ kann hier direkt mit der Maschinensteuerung verbunden werden, um die Einrichtung zu vereinfachen und die Zykluszeit zu optimieren. Wir haben Partnerschaften mit Maschinenherstellern aus Deutschland, Japan, China, den USA, Frankreich und anderen geschlossen. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, da immer mehr Spritzgießmaschinenhersteller und ihre Kunden die daraus resultierenden Synergien und poten­ziellen Vorteile erkennen.

Claude Bernard, Product Marketing Director bei Sepro. Foto: Sepro

Unterstützt eine solche Integration die Entwicklung komplexerer Automatisierungszellen?
Bernard: Daran besteht kein Zweifel, und wir sehen dies bereits im Trend zu immer komplexeren nachgelagerten Automatisierungs­systemen. Wenn Roboter mit kundenspezifischen, multifunktionalen End-of-Arm-Greifern, Insert-Zuführungen und Inspektions-, Montage- und Verpackungssystemen kooperieren, sind die Teilehersteller in der Lage, ganze Komponenten „ready to use“ an ihre Kunden zu liefern.

Dadurch werden die Sekundärfertigungsvorgänge aus der Produktion­ des Kunden zum Teilehersteller verlagert, was Kosten senkt, die Effizienz erhöht und damit die Rentabilität steigert. Eine solche Automatisierung überwindet auch einige der Probleme, die durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in der Kunststoffindustrie verursacht werden.

Wie sieht es mit dem Konzept von Industrie 4.0 aus?
Bernard: Die Ideen der direkten Kommunikation zwischen Maschi­nen, der offenen Integration und der übergreifenden Einsetzbarkeit sind Teil dessen, was als Industrie 4.0 bekannt geworden ist. Wir glauben, dass Offenheit beziehungsweise offene Strukturen die Schlüssel zur Fabrik der Zukunft sind. Dazu gehören nicht nur die Konnektivität von Maschine zu Maschine, sondern auch technologische Partnerschaften und die Zusammenarbeit zwischen Anlagenlieferanten und ihren Kunden in der Anwendungsentwicklung. Diese Grundphilosophie umschreiben wir mit dem Begriff „Open 4.0“. Diese gemeinsame Basis ist in allem, was wir tun, deutlich sichtbar.

Können Sie uns ein paar Beispiele dazu geben?
Bernard: Natürlich. Betrachten Sie die offene Integration zwischen Roboter und Spritzgießmaschine – das, was wir „Easy Package“ nennen. Wir glauben, dass dies der einfachste Ansatz für Integration in der Kunststoffindustrie ist. Spritzgießer können jede Presse und jeden Sepro Roboter wählen. Wir machen sie kompatibel! Es ist so einfach und beinhaltet die Integration zwischen Roboter- und Maschinensteuerungen für eine einfachere Einrichtung und Bedienung der Roboter.

Es sind mehrere verschiedene „Easy Package“-Integrations­lösungen für Projekt­anlagen verfügb­ar, in denen eine oder mehrere Spritzgießmaschinen arbeiten. Diese Funktionen umfassen etwa eine VNC-Spiegelung der Robotersteuerung in der Maschinen­steuerung, Shortcut-Starttasten oder auch eine Roboter-Programmbibliothek in der Maschinensteuerung und vieles mehr.

Sepro hat in letzter Zeit auch eine Reihe von Produkten eingeführt, die die jüngsten Entwicklungen in den Bereichen Kommunikation, Datenerfassung und „Smart Machines“­ nutzen. Das erlaubt Teileherstellern die Optimierung der Produktion, die Vereinfachung von Wartung und Fehlerbehebung und eine umfassende Integration zwischen Robotersteuerung, Spritzgießmaschine und dazugehörigen Automatisierungssystemen. So wurde beispielsweise unser Steuerungs-Plug-in, das Expertensystem Opti Cycle, zusammen mit einem großen Automobil-OEM entwickelt. Dieses Tool erleichtert die Erstellung eines hocheffektiven und schnellen Roboterprogramms, ohne dass dazu ein umfassendes Automatisierungs-Know-how erforderlich ist. Gleichzeitig ermöglicht es qualifizierten Technikern, ihre Automatisierungsprogramme zu verbessern und zu standardisieren.

Da Opti Cycle von allen Programmierern ohne Voraussetzungen verwendet werden kann, trägt dieses Tool zu einer höheren Produktivität bei und hilft, den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern zu entschärfen. Es kann als Programmierunterstützung verwendet werden, um Kooperation und Qualität unternehmensweit zu verbessern. Optimierte Programme, die mit Opti Cycle entwickelt wurden, können für den Einsatz an anderen Robotern in übergreifenden Fertigungsnetzwerken gespeichert und gemeinsam genutzt werden.

Sepro kooperiert im Bereich der kollaborativen Robotik mit Universal Robots: Sepro kann dazu auf die Cobots von UR zurückgreifen und diese mit dem hauseigenen Visual-Steuerungssystem ausstatten. Foto: Sepro

Was ist Ihre Meinung zu Cobots­?
Bernard: Kollaborative Roboter sind eine wichtige Evolution im Bereich der Robotik. Konzept und Geschäftsmodell gewinnen für Sepro zunehmend an Bedeutung. Nach einer hochdynamischen Anlaufphase tritt jetzt jedoch eine Phase der Konsolidierung ein, die wir dazu nutzen, die Technologie stärker an die industriellen Anforderungen anzupassen. Wir stehen allerdings erst am Anfang dieser Phase. Cobot-Hersteller suchen immer noch ein wenig ihren Platz in der Industrie, und das gilt vor allem für die Spritzgießbranche. Das ist ein normaler Prozess und einer der Gründe, warum Sepro vor Kurzem eine Partnerschaft mit Universal Robots, dem führenden Anbieter von Cobots, eingegangen ist.

Im Rahmen dieser Vereinbarung wird Sepro Cobots von UR anbieten, die mit unserem Visual Steuerungssystem ausgestattet sind, das von uns speziell für Roboter im Kunststoffspritzguss entwickelt wurde. Alle Sepro Produkte, einschließlich Co-Branding-Systemen, werden von Visual gesteuert und bieten unabhängig vom Roboter die gleiche Benutzeroberfläche. Durch die Implementierung der renommierten Visual Steuerung auf die führenden Cobots kann Sepro eine nahtlose Integration zwischen UR-Technologie, anderen Sepro Robotern und Spritzgießmaschinen garantieren. Auf diese Weise können Kunden sichere, offene Konfigurationen für verschiedene Arten von Prozessen einschließlich umfangreicher Peripherieabläufe oder erweiterter Automatisierung selbst entwickeln und einsetzen.

Glauben Sie, dass Cobots jemals die Automatisierungslösung der Wahl für das Spritzgießen von Kunststoffen werden?
Bernard: Das darf bezweifelt werden. Im Vergleich zu linearen und Knickarmindustrierobotern sind Cobots in Bezug auf Geschwindigkeit und Nutzlastkapazität oftmals begrenzt. Bei Sepro glauben wir jedoch, dass es Raum für kollaborative Robotik in der Kunststoffindustrie gibt. Cobots werden keine linearen oder Sechs-Achs-Roboter für das Handling an Spritzgießmaschinen ersetzen. Aber es ist leicht, sich einen Platz im Unternehmen – vielleicht sogar in einer Produktionszelle – für beide Technologien­ vorzustellen: konventionelle Indus­trieroboter neben voll kolla­borativen Cobots.

Sepro hat dank der Visual Control-Plattform einzigartige Funktionen zur Implementierung dieser Technologien entwickelt – speziell für Roboter, die in Kunststoffspritzgießmaschinen eingesetzt werden. Alle Sepro-Produkte, einschließlich Sepro/UR-Cobots und aller Co-Branding-Systeme, werden über Visual gesteuert und bieten unabhängig vom Robotertyp die gleiche Benutzeroberfläche.

Können Sie uns abschließend sagen, was Sie über die kurzfristigen Geschäftsaussichten denken?
Bernard: Das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt, ist „Turbulenzen“. Wir nähern uns wahrscheinlich dem Ende des gegenwärtigen Zyklus der wirtschaft­lichen Expansion, und ich denke, dass in den nächsten 12 bis 18 Monaten ein Rückgang zu erwarten ist. Der derzeitige Abschwung auf dem europäischen Automobilmarkt ist wahrscheinlich ein Frühindikator. Chinas Markt ist zwar immer noch expandierend, aber nicht mehr der Motor der Weltwirtschaft. Hinzu kommen Antiglobalisierungsbestrebungen, Tarifunsicherheiten sowie Brexit-Bedenken. Wir können ziemlich sicher sein, dass 2019 ein Jahr der Konsolidierung für unseren Sektor sein wird. Wir freuen uns aber deshalb umso mehr auf eine spannende K‑Messe in diesem Jahr.

Die Sepro Group war einer der ersten Konstrukteure und Hersteller von Mehrachsportalrobotern für Spritzgießmaschinen weltweit. Das Unternehmen realisierte sein erstes CNC-Handling bereits 1981. Heute gehört Sepro zu den international größten unabhängigen Lieferanten von Portalrobotern. Die weltweite Kundschaft des Unter­nehmens wird von eigenen Tochterfirmen in Deutschland, Spanien, Benelux, Großbritannien, den USA, Mexiko, Brasilien und China umfassend betreut. Direkte Vertriebs- und Servicestationen sowie freie Handels- und Dienstleistungsvertretungen dehnen das Sepro-Netzwerk auf über 40 weitere Länder aus. Aktuell sind über 30.000 Spritzgießmaschinen weltweit mit Handlingsystemen von Sepro ausgerüstet.

db

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