Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA,  zeigt im Interview mögliche Auswege auf, dem Nachwuchsproblem und Personalmangel in der Kunststoff- und Gummimaschinenindustrie zu begegnen. 
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Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA,  zeigt im Interview mögliche Auswege auf, dem Nachwuchsproblem und Personalmangel in der Kunststoff- und Gummimaschinenindustrie zu begegnen. 

Unternehmen

Nachwuchsprobleme in der Kunststoffindustrie

Um Nachwuchsproblemen in der Kunststoff- und Gummimaschinenindustrie zu begegnen, „brauchen wir eine konzertierte Aktion“, sagt Thorsten Kühmann vom VDMA.

Der Personalmangel und Nachwuchsprobleme machen sich in der Kunststoff- und Gummimaschinenindustrie immer stärker bemerkbar. In einem Interview beschreibt Thorsten Kühmann, Geschäftsführer des Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA, die Situation und zeigt mögliche Auswege auf.

Herr Kühmann, die Hersteller von Kunststoff- und Gummimaschinen klagen über Personalmangel. Können Sie den quantifizieren?

In einer aktuellen Blitzumfrage des VDMA geben 77 Prozent der Unternehmen an, Fachkräfte zu suchen. 27 Prozent davon bezeichnen ihren Fachkräftemangel sogar schon als sehr ernstes Problem. Und knapp ein Drittel befürchtet, dass die Lage in den nächsten Monaten schlimmer werden wird. Die Situation spitzt sich also immer mehr zu.

Nachwuchsprobleme und Personalmangel

Was sind die Gründe für den Mangel an qualifiziertem Personal?

Ein Grund ist der demographische Wandel. Man hat das schon länger kommen sehen. Jetzt schlägt er durch. Es gehen mehr Menschen in Rente, als junge Menschen ins Berufsleben einsteigen. Der Maschinenbau ist außerdem in den letzten Jahren dank gestiegener Nachfrage gewachsen, daraus ergibt sich ein zusätzlicher Bedarf an Fachkräften. Ein weiterer Grund ist, dass sich junge Leute leider zu wenig von der Kunststoffindustrie angesprochen fühlen. Die jungen Menschen haben oft ein schlechtes Bild von Kunststoff. Offenbar haben wir es bisher nicht geschafft deutlich zu machen, dass wir die Industrie sind, die jetzt alle Weichen für die Zirkularität stellt. Sprich, wer sich in der Kunststoffindustrie engagiert, kann einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Wir sind eine Industrie, die sich mitten im ökologischen Wandel befindet und die in der Digitalisierung weit vorne ist. Das sind zwei Themen, die junge Leute heute ansprechen.

Was kann der Kunststoffmaschinenbau tun?

Wir brauchen in unserer Industrie eine konzertierte Aktion, um unser Image bei den jungen Menschen zu verbessern. Und zwar nicht nur im Maschinenbau. Es müssen alle Glieder der Wertschöpfungskette Kunststoff mitmachen, von den Herstellern über den Maschinenbau, die Recycler bis hin zu den Verwendern. Wenn wir dadurch zeigen, wofür wir wirklich stehen, dann werden wir auch für die jungen Menschen interessant. Bislang agieren die Unternehmen weitgehend für sich, wenn es um ihr Bild in der Öffentlichkeit und um Nachwuchsförderung geht. Ich sehe aber ein großes Potenzial, wenn wir versuchen, diese Anstrengungen zu kanalisieren. Die Unternehmen sehen den Handlungsbedarf auch und zeigen sich zunehmend offen dafür, über die eigenen Initiativen hinaus eine gemeinsame Klammer zu schaffen. Wie das genau aussehen wird, ist noch offen. Denkbar wäre zum Beispiel ein gemeinsamer Tag, an dem sich die gesamte Kunststoffindustrie dem Nachwuchs stellt. In den USA gibt es etwas ähnliches schon. Davon können wir lernen.

Lässt sich mit immer besserer Technologie die Personallücke verkleinern?

In der Zukunft ganz bestimmt. Wir arbeiten derzeit daran, Intelligenz in die Maschinen, aber auch in ganze Anlagen und Systeme zu bringen. Wir werden Maschinen haben, die sich weitgehend selbst fahren und sogar optimieren können, weil sie mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. Das ist unser langfristiges Ziel, davon sind wir heute noch weit entfernt. Wenn wir das aber erreicht haben, wird sich das Fachkräfteproblem etwa im Bereich der Maschinenführer etwas entspannen. Aber das wird das grundsätzliche Problem des Fachkräftemangels nicht entscheidend verbessern. Wir brauchen keine Lückenbüßer. Wir brauchen gut ausgebildete Menschen auf allen Ebenen, auf der Ausbildungsseite ebenso wie in der Entwicklung oder im IT-Bereich. Denn schließlich müssen wir auch noch die Transformation unserer Industrie zu einer wirklichen Zirkularität bewerkstelligen. Für alles brauchen wir dringend gute Fachkräfte.

Was passierte, wenn der Fachkräftemangel nicht behoben würde?

Dann würde das Wachstum in unserer Industrie unmöglich werden. Viele Stellen würden unbesetzt bleiben. Aufträge könnten nicht mehr angenommen werden. Das wäre der schlimmste Fall und den gilt es unbedingt zu verhindern. Noch ist es zum Glück nicht so weit. Wir sind eine wachsende Industrie, eine Zukunftsindustrie. Die Kunststoffproduktion wird in den nächsten Jahren weltweit noch deutlich zunehmen. Wir haben jetzt noch die Möglichkeit zu handeln und das müssen wir auch tun.

Kunststoff- und Gummimaschinenindustrie bietet attraktive Jobs

Ende Oktober hat eine Umfrage des Ifo-Instituts unter deutschen Familienunternehmen ergeben, dass ein Viertel wegen der Energiekrise Jobs abbauen will. Wie ordnen Sie das ein?

Die Energiekrise gibt es, das ist unbestritten. Es ist daher nicht auszuschließen, dass einige Unternehmen Personal abbauen werden. Man darf aus einer kurzfristigen Krise jedoch keinen langfristigen Trend ableiten. Viele Unternehmen stellen ihre Energieversorgung bereits nach allen Kräften um und suchen nach Alternativen zu Öl sowie Gas. Das geht nicht von jetzt auf gleich, doch der Prozess läuft. Der Bedarf an Spitzentechnologie im Bereich Gummi- und Kunststoffmaschinen ist mit Blick auf die Kreislaufwirtschaft und Recycling jedenfalls dar, damit verbunden sind auch attraktive Jobs.

Wie wichtig wäre ein Einwanderungsgesetz?

Sehr wichtig. Die Einwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten kann den Fachkräftemangel lindern. Deshalb unterstützt der VDMA jede Maßnahme, die die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte erleichtert. Allerdings nützt das beste Gesetz nicht viel, wenn die praktische Vermittlung von einwanderungswilligen Fachkräften an unsere Firmen, die Fachkräfte dringend brauchen, nicht funktioniert. Hierbei könnten Personalvermittler aus der Zeitarbeit aufgrund ihrer Expertise, die sie bereits bei der Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt bewiesen haben, eine entscheidende Rolle spielen. Hierzu muss die Politik die notwendige Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes in Angriff nehmen. VDMA, ak