Materialengpässe heute – ein Ausblick auf die Zukunft?

"Da das Thema Materialengpässe leider zur Tagesordnung geworden ist – stellt sich die Frage, ob wir auch in Zukunft immer öfter damit konfrontiert werden", erklärt Dr. Stefan Benett, Managing Director Inverto. Foto: Inverto

In seinem Gastkommentar gibt Dr. Stefan Benett, Managing Director Inverto einen kleinen Ausblick ob uns Materialengpässe auch in Zukunft begleiten werden.

Da das Thema Materialengpässe leider zur Tagesordnung geworden ist – stellt sich die Frage, ob wir auch in Zukunft immer öfter damit konfrontiert werden? Kunststoffe sind auf breiter Front knapp geworden. Aktuelle Preisentwicklungen sind indes ein Vorgeschmack darauf, wie sich Märkte entwickeln, wenn eine reduzierte Nachfrage nach fossilen Kraft- und Brennstoffen die Versorgung grundlegend beeinflusst.

Der Green Deal der Europäischen Union legt das Ende des fossilen Zeitalters für unseren Kontinent auf 2050 fest. 2030 sollen die Treibhausgas-Emissionen um 55 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen. Damit diese Ziele erreicht werden, besteht heute dringender Handlungsbedarf. Kunststoff herstellende und verarbeitende Unternehmen stellen sich dieser Herausforderung, um weiterhin wettbewerbsfähig und erfolgreich zu sein.

Die aktuellen Preissteigerungen und Materialengpässe haben ihre Ursache vorwiegend in den Störungen der Lieferketten durch die Corona-Pandemie und einer Erhöhung der Energiepreise. Sie werfen allerdings ein Schlaglicht auf die möglichen Konsequenzen einer dauerhaft sinkenden Raffination von Rohöl. Diese wiederum ist die Folge eines steigenden Anteils alternativ betriebener Fahrzeuge auf europäischen Straßen sowie des zunehmenden Einsatzes CO2-neutraler Heizungen in Wohn- und Geschäftsgebäuden.

Kurzfristig sind Einkauf und Lieferkettenmanagement gefordert, um Preissteigerungen und möglichen Versorgungsengpässen zu begegnen. Doch Warengruppen- und Supply Chain Manager sollten auch weitergehende Strategien entwickeln, die langfristig eine wirtschaftliche Versorgung mit Vorprodukten gewährleisten. Die Prioritäten der Beschaffung werden damit zum Dreiklang aus Kosteneffizienz, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit.

„Der Weg in die dekarbonisierte Zukunft ist für die Kunststoffindustrie anspruchsvoll.“

Dr. Stefan Benett

Unternehmen sollten die zur Verfügung stehenden Instrumente zur Kostenoptimierung gezielt je nach Beschaffungsmarktsituation einsetzen. Zur Stimulierung von Wettbewerb sind zum Beispiel (Online-)Auktionen geeignet. In Märkten, die aufgrund ausgelasteter Kapazitäten wenig direkten Wettbewerb ermöglichen, sind Bedarfsbündelungen und aktive Kooperationen sinnvollere Strategien.

Angesichts der Preiserhöhungen bei Rohstoffen rückt ein gezieltes Management der Materialkostenanteile in den Vordergrund. Should Costing schafft für Einkäufer Transparenz über rohstoffbezogene Preiseffekte. Angesichts der aktuellen Volatilität können indexbasierte Preisregelungen auf Basis transparenter Kostenmodelle Unsicherheiten und Kalkulationsaufschläge limitieren. Dies kann für Lieferant und Abnehmer vorteilhaft sein, indem der Wertschöpfungsanteil des Lieferanten angemessen bewertet und honoriert wird.

Transparenz ist auch die Basis für eine Langfrist-Strategie. Unternehmen müssen die Dynamik ihrer Wertschöpfungsketten verstehen und mögliche Konsequenzen von Dekarbonisierung und steigenden CO2-Abgaben antizipieren. In enger Kooperation erreichen Einkauf, Produktion, R&D und Unternehmensentwicklung die Senkung des CO2-Ausstoßes gemeinsam mit den Partnern in der Supply Chain. Der Weg in die dekarbonisierte Zukunft ist für die Kunststoffindustrie anspruchsvoll – sie sollte sich an den Vorreitern orientieren und nachhaltige Einkaufsstrategien vorantreiben.

Dr. Stefan Benett, Managing Director Inverto

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