Masterbatches künftig ohne Titandioxid?

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Die EU-Kommission stuft pulverförmiges Titandioxid als verdächtiges Karzinogen ein. Welche Auswirkungen hat dies auf Rezepturen von Farbmasterbatches?

Titandioxid (TiO2) ist das am häufigsten eingesetzte Weißpigment weltweit – 7, 2 Mio. t werden jährlich verarbeitet, 1,4 Mio. t allein in der EU, davon 480.000 t in Deutschland. Mehr als ein Viertel dieser Menge wird – meist mithilfe von Masterbatches – zur Einfärbung von Kunststoffen verwendet. Diese Zahlen zeigen die Bedeutung dieses Pigments auch für die Kunststoffbranche.

Einstufung von Titandioxid wird in der Lieferkette verbindlich

Doch nun ist es amtlich: Die EU stuft seit Mitte Februar TiO2-Pulver und pulverförmige Gemische mit mindestens 1 % TiO2-Gehalt als „potenziell krebserzeugend durch Einatmen“ ein. Damit zählt das Weißpigment nun grundsätzlich zu den CMR-Stoffen (carcinogen, mutagen, reproduktionstoxisch) und unterliegt damit der CLP-Verordnung der EU (Classification, Labelling, Packaging). Eingestuft wird das Pigment hier in der Kategorie 2 (Verdacht auf karzinogene Wirkung). Es gibt eine 18-monatige Übergangsfrist, damit diese Einstufung in der gesamten Verarbeitungskette umgesetzt werden kann. Ab Sommer 2021 ist die Einstufung in der gesamten Lieferkette verbindlich.

Welche Folgen hat dies für die Kunststoff-Verarbeiter? Was müssen sie tun und worauf sollten sie sich einstellen? Die Redaktion sprach mit Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin des Verband der Mineralfarbenindustrie e.V. (VdMi), und dort u.a. zuständig für den Bereich Masterbatches, sowie Dr. Martin Fabian, Geschäftsführer beim Masterbatch-Hersteller und Compoundeur Lifocolor Farben und Vorsitzender des Masterbatch Verbandes.

Dr. Martin Fabian, Geschäftsführer Lifocolor Farben und Vorsitzender des Masterbatch Verbandes: „Ein Kolorist ohne Titandioxid ist wie ein Schreiner ohne Säge." Foto: VdMi

Herr Dr. Fabian, seit Jahrzehnten wird Titandioxid als Weißpigment in Kunststoffen verwendet und auf einmal soll dies ein gesundheitliches Problem sein?
Dr. Martin Fabian: Chemisch betrachtet ist Titandioxid absolut harmlos. Es ist ein kristalliner, weißer Feststoff, der sehr reaktionsträge bzw. sehr stabil ist. Außerdem weist er keinerlei stoffspezifische Toxizität auf. Die aktuelle Einstufung als karzinogener Verdachtsstoff gründet sich auf lungengängige Partikel im Pulver, dessen Stäube durch ein Einatmen von großen Mengen die Gesundheit gefährden könnten. Genau aus diesem Grund haben wir in Deutschland am Arbeitsplatz strenge Staubgrenzwerte einzuhalten. Die EU hätte das Problem besser über die Harmonisierung der allgemeinen Staubgrenzwerte lösen sollen. Aus unserer Sicht ist hier der falsche Weg eingeschlagen worden. Und ich möchte ausdrücklich klarstellen: Als Verbraucher kommt man mit solchen Stäuben nicht in Berührung, da die Pigmentpartikel in der Kunststoffmatrix gebunden sind.

Also ändert sich für Masterbatcher und Kunststoffverarbeiter, die mit flüssigen oder festen Mischungen arbeiten, eigentlich nichts?
Dr. Heike Liewald: Nein, für diese Verarbeitungsstufe ändert sich in den Betrieben nichts. Die CLP-Einstufung des Pulvers zieht in erster Linie einen bürokratischen Aufwand nach sich. So sind verpflichtende Warnhinweise für flüssige und feste Mischungen mit einem Anteil Titandioxid ab einem Prozent vorgesehen. Zudem muss im Sicherheitsdatenblatt zukünftig Titandioxid mit Angabe der Konzentration oder eines Konzentrationsbereichs aufgeführt werden. Produktbeispiele hierfür wären Masterbatches.

Das klingt verkraftbar. Warum hat der Masterbatch Verband im Vorfeld vehement gegen eine CLP-Einstufung argumentiert, wenn diese doch vor allem Auswirkungen auf das Pulver selbst und nicht auf flüssige oder feste Mischungen hat?
Dr. Heike Liewald: Weil die Einstufung aus wissenschaftlicher Sicht nicht gerechtfertigt ist. Obwohl feste und flüssige Mischungen von der Einstufung ausgenommen sind, wird es in der nachgelagerten Gesetzgebung zu weitreichenden Konsequenzen kommen. Viele Regulierungen beziehen sich pauschal auf die Einstufung gemäß CLP, sie unterscheiden nicht zwischen den verschiedenen Stoffformen.

Können Sie Beispiele nennen?
Dr. Heike Liewald: Die europäische Spielzeugrichtlinie legt klar fest, dass keine CMR-Stoffe in Spielzeug oder Spielzeugkomponenten eingesetzt werden dürfen. Da die explizite Exposition (Inhalation) oder eine bestimmte Form (Pulver) nicht berücksichtigt werden, darf Titandioxid hier grundsätzlich nicht mehr verwendet werden. Die Hersteller von Spielwaren müssen also etwas tun, sonst haben sie in 18 Monaten ein Problem. Nach unseren Informationen prüft die Spielzeugindustrie derzeit für Titandioxid eine Ausnahmeregelung.
Andererseits bleibt die Verwendung von Titandioxid zum Beispiel in Medizin- oder Kosmetikprodukten erst einmal unverändert, da auch diese Bereiche eigene produktspezifische Regulierungen haben. Hier werden zum Teil Positivlisten geführt, in denen Titandioxid explizit zugelassen ist.
Dr. Martin Fabian: Ich möchte ergänzen, dass die Folgen im Abfallbereich gravierend sind: Alle Titandioxid-haltigen Abfälle mit einem Anteil ab ein Prozent werden als gefährlicher Abfall behandelt und müssen mit höheren Auflagen entsorgt werden, auch wenn – wie im Fall von Kunststoffen – keine einatembare Stäube gebildet werden. Im Bereich der Kunststoffe betrifft dies einer aktuellen Studie nach 50 Prozent der in Deutschland anfallenden Abfälle.

Hersteller von Masterbatches und Verarbeiter, die sich weder in der Spielwarenbranche verorten, noch mit Abfällen zu tun haben, brauchen also außer Warnhinweisen und Eintragungen im Sicherheitsdatenblatt nichts zu ändern?
Dr. Martin Fabian: Neben den konkreten gesetzgeberischen Folgen sehe ich vor allem ein Imageproblem auf das Weißpigment zukommen. Für verbrauchernahe Anwendungen ist mit einer stark sinkenden Akzeptanz zu rechnen. Dies gilt insbesondere für Produkte und Verpackungen großer Markeninhaber, die wollen grundsätzlich keine CMR-Stoffe. Bitte nicht falsch verstehen, wir wollen nichts verharmlosen, aber bei Titandioxid geht es um Staub – viel Staub.
Es wird also Kunden geben, die bei den Verarbeitern für ihre Produkte einen Anteil von Titandioxid unter einem Prozent fordern. Aktuell liegt bei der Hälfte aller Kunststoffprodukte der Anteil aber – zum Teil deutlich – darüber. In solchen Fällen werden Markeninhaber zu neuen Rezepturen drängen, die schlechter sind als vergleichbare mit Titandioxid. Die Farben werden matter, haben weniger Deckkraft, und werden teurer sein. Und das alles – wie bereits erörtert – ganz ohne Not. Hier sind Masterbatchhersteller und Verarbeiter gefordert, das Beste daraus zu machen.

Wird die Kunststoffwelt künftig weniger bunt sein?
Dr. Martin Fabian: Ein Kolorist ohne Titandioxid ist wie ein Schreiner ohne Säge. Titandioxid ist äußerst lichtbeständig, hat einen hohen Brechungsindex und ein sehr hohes Lichtstreuvermögen. Es besitzt das höchste Deckvermögen aller Weißpigmente, ebenso ein hervorragendes Aufhellvermögen gegenüber farbigen Medien. Außerdem ist es chemisch inert, es gibt keine negativen Wechselwirkungen mit der Kunststoffmatrix. In vielen Anwendungen ist Titandioxid aufgrund dieser hervorragenden Eigenschaftskombination derzeit nicht gleichwertig ersetzbar.

Es gibt also wirklich keine alternativen Weißpigmente?
Dr. Martin Fabian: Es gibt mit Zinksulfid, Lithopone (Zinksulfid / Bariumsulfat), Zinkoxid oder Calciumcarbonat (Kreide) andere Verbindungen, die als Weißpigment zum Einsatz kommen. Zinksulfid reagiert mit Säuren, was seine Anwendung in Kunststoffen, die mit Säure in Kontakt sind, einschränkt. Kreide hat eine sehr geringe Deckkraft, muss also deutlich höher dosiert werden. Das geht zulasten der mechanischen Eigenschaften des Kunststoffs. Und nebenbei bemerkt: Auch diese Pigmente sind unlösliche Pulver, die nach Logik der EU-Kommission irgendwann auch auf der CLP-Liste landen könnten.

Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin VdMi: "Der Gehalt von Titandioxid muss in der Lieferkette kommuniziert werden, das können Verarbeiter von ihren Lieferanten einfordern." Foto: VdMi

Das müssen Sie näher erläutern. Ist auch Kreide krebserregend?
Dr. Heike Liewald: Wie schon erwähnt fußen die gesundheitlichen Bedenken bei Titandioxid auf allgemeinen Partikeleffekten in der Lunge, und nicht weil Titandioxid stoffspezifisch eine Gefahr darstellt. Somit ist die von der EU-Kommission gewählte Einstufung gemäß CLP-Verordnung das falsche Instrument, da diese eigentlich nur stoffspezifische Risiken beschreiben sollte. Partikeleffekte gehören meines Erachtens nicht in die CLP. Jetzt wurde mit Titandioxid ein Präzedenzfall geschaffen. Auf Grundlage dieser Einstufung wäre es in Folge möglich, so gut wie jeden pulverförmigen, schwerlöslichen Stoff als karzinogen einzustufen. Eine Einstufung könnte somit einen Dominoeffekt zur Folge haben, der sich auf andere inerte Stäube ohne eigene spezifische Toxizität wie z. B. andere Pigmente ausweitet. Wer sagt uns, dass nach dieser Logik nicht noch andere Pigmente folgen werden?

Sie fordern also mehr Planungssicherheit für die Entwicklung neuer Rezepturen, die statt des Titandioxids alternative Pigmente enthalten?
Dr. Heike Liewald: Die Kommission hat schon jetzt Vertrauen in die EU-Institutionen zerstört. Zahlreiche Eingaben mit gewichtigen Argumenten wurden bei Titandioxid nicht beachtet. Dabei müssen wir der EU vertrauen, uns auf bestehende Regeln verlassen können. Ansonsten ergeben sich im internationalen Wettbewerb für Hersteller von Masterbatches mit Sitz in der EU gravierende Nachteile. Eine Konsequenz daraus wären beispielsweise Produktionsverlagerungen in Länder, die nicht der EU angehören.

Ihre Antworten lassen widersprüchliche Schlüsse zu. Ist die CLP-Einstufung von Titandioxid in Pulverform nun ein kleines oder großes Problem für die Kunststoffbranche?
Dr. Martin Fabian: Als Unternehmer und als Verbraucher sehe ich es in Summe als großes Problem. Die Aufgaben in den Betrieben sind lösbar. Allerdings begleitet mich die Sorge, dass die Komplexität im Umgang mit Titandioxid über die gesamte Wertschöpfungskette bis zur Entsorgung zu groß werden könnte. Man kann eine gute Lösung auch abschaffen, indem man sie kompliziert macht. Dann suchen sich die Akteure eben andere Wege.
Was bleibt? Schlechtere Produktlösungen, kein Nutzen für den Gesundheits- und Umweltschutz, die Verunsicherung der Verbraucher, eine erhebliche Steigerung des Verwaltungsaufwands in der Prozesskette sowie weiterer Regulierungsaufwand in der nachgelagerten Gesetzgebung. Und das ohne Not, denn Titandioxid in Masterbatches war sicher und bleibt sicher.

Matthias Gutbrod

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