Lieferengpässe behindern Wachstum der Industrie

Lieferengpässe erschweren der deutschen Industrie derzeit das Wachstum. Foto: Mediamodifier/Pixabay

Die akuter werdenden Lieferengpässe haben das Wachstum in der deutschen Industrie laut IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) im Mai ausgebremst.

Die Lieferengpässe sorgten für ein schwächeres Wachstum: So erreichten die Verzögerungen in der Zulieferung ein neues Rekordniveau. Zudem trieben die geringe Verfügbarkeit und andauernde Materialknappheit die Einkaufspreise auf bisher nie gesehene Höhen. Das zeigt der saisonbereinigte EMI des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), der im Mai den zweiten Monat in Folge leicht nachgab. Gleichzeitig entfernte er sich weiter vom Rekordwert Ende des ersten Quartals. Mit 64,4 Punkten notierte der EMI aber auch im Mai komfortabel in der Wachstumszone. Der EMI gilt als Frühindikator für die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland.

Wachstumsrate war im März auf Rekordhoch

Im Mai registrierte erneut ein hoher Anteil (33 %) der Umfrageteilnehmer Zuwächse in der Produktion, was meist dem wachsenden Auftragseingang zugeschrieben wurde. Immer mehr produzierende Unternehmen berichten aber, dass die zunehmenden Lieferengpässe zu Unterbrechungen oder sogar Produktionsstopps führen.

Der Auftragseingang war auch im Mai hoch. Dennoch schwächte sich die Wachstumsrate der Neuaufträge im Vergleich zum Rekordhoch vom März weiter ab. Dabei gaben einige Umfrageteilnehmer an, dass sich Produktionsausfälle bei Kunden – oft im Automobilsektor – negativ auf den Auftragseingang auswirkten.

Mehr dazu, wie Probleme in der Lieferkette der deutschen Automobilbranche und ihren Zulieferern zusetzen, lesen Sie hier:

Lieferengpässe sorgen für höhere Einkaufspreise bei Kunststoffen und Stahl

Auch im Mai setzte sich der massive Anstieg der Einkaufspreise fort. Der entsprechende Teilindex schnellte in ungeahnte Höhen und ließ den bisherigen Rekordwert vom Februar 2011 deutlich hinter sich. Fast 90 % der Umfrageteilnehmer meldeten eine Verteuerung gegenüber weniger als 1 %, die einen Rückgang verbuchten. Aluminium, Kunststoffe, Stahl und Holz wurden am häufigsten als teurer gemeldet.

90 % der Kunststoffverarbeiter in Europa klagen über Rohstoffmangel und starke Preiserhöhungen. Branchenkenner erwarten erst Ende 2021 eine Beruhigung, wie wir kürzlich berichtet haben:

Entsprechend dem Trend bei den Kosten zog auch die Inflationsrate der Verkaufspreise merklich an. Der Anteil der Umfrageteilnehmer, die ihre Preise anhoben, stieg vom Rekord im April (36 %) auf ein neues Allzeithoch von 42 %. In der gesamten Industrie wurden beispiellose Zuwächse verzeichnet, wobei das Plus bei den Herstellern von Vorleistungsgütern besonders kräftig ausfiel.

Helaba rechnet nicht mit schneller Besserung

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen sagt, dass zuerst China, dann USA und bald auch Europa wieder boomen wird. Foto: Helaba

„Nachdem der EMI mit Höchstständen auf eine große weltwirtschaftliche Nachfrage hingedeutet hat, wird jetzt klar, dass damit auch negative Begleiterscheinungen einhergehen“ kommentiert Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen, die aktuellen EMI-Daten. Die expansiven geld- und fiskalpolitischen Programme in der Welt überschlagen sich: zuerst China, dann USA und bald werde auch Europa wieder boomen. „Damit werden die Lieferzeiten länger und die Preise steigen. Das war vorhersehbar. So schnell wird sich das nicht ändern. Denn die expansiven Programme werden noch recht lange laufen. Die Inflation wird dauerhaft höher werden“, so die Helaba-Bankdirektorin.

„Die Weltwirtschaft läuft weiterhin auf hohen Touren. Deutsche Unternehmen berichten von sehr guten Geschäften insbesondere mit China und den USA“, sagte Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. „Immer mehr spiegelten sich die Engpässe beim Bezug von Vorprodukten und bei den Transportkapazitäten wider, die auch in der kurzen Frist die Produktion bremsen werden. Dies allerdings sollte die Erholung zeitlich auch noch weit in das nächste Jahr, wenn nicht sogar noch nach 2023 ziehen.“

IKB Deutsche Industriebank sieht Preiskorrektur bei Stahl erst 2022

„Der Anstieg der Rohstoffpreise hat sich auch im Mai weiter fortgesetzt. Die Rohölmärkte tendierten vor der OPEC-Konferenz deutlich fester. Der Palästina-Konflikt und die generell angespannte Lage im Nahen Osten trugen ebenfalls zu festeren Preisen bei. Die Spotmarktnotierungen für Eisenerz erreichten am 10. Mai mit knapp 239 US-Dollar je Tonne ihren vorläufigen Höhepunkt, um bis zum Monatsende wieder auf 190 US-Dollar zurückzufallen“, sagt Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services der IKB Deutsche Industriebank. „Trotzdem bleibt der Druck auf die Walzstahlpreise weiter bestehen, da der Markt immer noch nicht ausbalanciert ist. Dies dürfte erst im Verlauf der zweiten Jahreshälfte der Fall sein. Eine nachhaltige Preiskorrektur auf den Stahlmärkten sehen wird erst im nächsten Jahr.“

sk