Kunststoffmüll geht alle an

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In einem Interview mit dem VDMA erläutert Ulrich Reifenhäuser, CSO der Reifenhäuser Gruppe die enorme Wichtigkeit der Kreislaufwirtschaft.

Die Menge der Kunststoffabfälle weltweit wächst stetig. Wenn wir mit Ressourcen nachhaltig umgehen wollen, müssen wir dem Abfall einen Wert geben und ihn verwerten und nicht deponieren, wie in vielen Ländern der Welt noch üblich. Es braucht einen umfassenden Bewusstseinswandel in den Gesellschaften, ist Ulrich Reifenhäuser überzeugt. Hier ist die Aufklärung der Endverbraucher ebenso wichtig wie der politische Rahmen. Der Maschinenbau unterstützt mit ressourceneffizienter Produktion und Recyclingtechnologien, aber auch den Brand-Ownern kommt eine Schlüsselstellung zu, wenn es darum geht, die Akzeptanz für Produkte aus Rezyklat zu fördern.

Warum ist Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe wichtig?
Ulrich Reifenhäuser:
Das Thema Kunststoffabfall hat an Wichtigkeit zugenommen, weil es immer mehr Müll gibt. Das liegt an der steigenden Weltbevölkerung ebenso wie an dem zunehmenden Wohlstand in vielen Schwellenländern. Vor allem im asiatischen Raum wachsen die Müllberge. Auch in Europa haben wir da Probleme. In Skandinavien, den Niederlanden, Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Verwertungsquote zwar hervorragend. In den mediterranen Ländern ist sie dagegen eher schlecht. Die Kunststoffwelt muss sich deshalb verändern. Die Überlegungen dazu sind im Gange, aber in der Abfallwelt ist dies noch nicht spürbar.

Woran liegt das?
Ulrich Reifenhäuser:
Das ist ein sehr komplexes und vielschichtiges Problem. Es ist schon paradox. Kunststoff ist ein ideales Material für viele Anwendungen. Er ist leicht, einfach zu verarbeiten, relativ günstig und in ausreichenden Mengen verfügbar. Wegen dieser Vorteile nimmt seine Bedeutung im Wettbewerb mit anderen Materialien stetig zu. Das ist gut. Auf der anderen Seite wird Kunststoff nach der Verwendung meist nicht richtig behandelt. Er wird nicht gesammelt, sondern weggeschmissen. Das ist schlecht, und das ist das eigentliche, große Problem.

Wie ändert man das Verhalten von ganzen Nationen von Verbrauchern?
Ulrich Reifenhäuser: Indem man aufklärt und indem man an die Verantwortung der Verbraucher appelliert. Das geht außerdem über Gesetze. Ganz wichtig ist es, dass man dem Kunststoffabfall einen Wert beimisst. Das muss politisch organisiert werden. Der beste Ansatz hier sind Recycling-Quoten für neue Kunststoffprodukte. Wenn es Quoten gibt, brauchen die Kunststoffverarbeiter auf einmal Recyclingmaterial. Da wird sich ein Markt auftun. Es kann dann durchaus sein, dass gutes Recyclingmaterial doppelt so viel kostet wie Neuware. Die Verdoppelung im Preis macht dem Kunststoffprodukt nichts aus, denn es ist in seinen Eigenschaften anderen Materialien wie Glas, Metall oder Papier weit überlegen.

Aber die Endverbraucher schauen doch auf jeden Cent.
Ulrich Reifenhäuser: Das ist richtig, aber das hört auf, wenn wir einen Gesetzgeber haben, der vorschreibt, dass alle Kunststoffprodukte 30 % Recyclingmaterial brauchen. Dann sind die Voraussetzungen für alle gleich. Es braucht dann vielleicht drei Jahre bis man bei uns in Europa und auch in Deutschland auf einmal eine ganz andere Recyclingindustrie hat.

Es geht also nicht ohne politische Vorgaben?
Ulrich Reifenhäuser: Die Politik ist nötig, weil wir es beim Kunststoffabfall mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun haben. Eine Gruppe allein kann da nicht viel ausrichten. Es geht um ein Bewusstsein, den Dreck nicht einfach wegzuschmeißen.

Was kann der Maschinenbau tun?
Ulrich Reifenhäuser: Der Maschinenbau kann den Prozess der nachhaltigen Kunststoffwirtschaft unterstützen. Als Hersteller von Maschinen zur Verarbeitung von Kunststoffen entwickeln wir Ressourcen schonende Prozesse, die es erlauben, den Einsatz von Kunststoff zu reduzieren. Zum dickere. Gleichzeitig entwickeln wir Maschinen, die absolut abfallfrei produzieren. Der gesamte Abfall in der Produktion wird sofort wieder recycelt. Dies alles betrifft die Produktion. Auf der Seite der Verwendung stellt der Maschinenbau alle Technologien bereit, die ein Recycling von Kunststoffabfällen ermöglichen.

Mancher Kunststoffabfall lässt sich schlecht recyceln. Was sollte man tun?
Ulrich Reifenhäuser: Die Recyclingfähigkeit muss von Anfang an mitgedacht werden. Schon beim Produktdesign. Heute werden verschiedene Materialien in einem Produkt oft ohne wirkliche Notwendigkeit eingebracht. Das schränkt die Recyclingfähigkeit ein. Einzelne Kunststoffe vertragen sich beim Recycling nun einmal nicht miteinander. Es ist nämlich nicht so, dass man aus unterschiedlichen Kunststoffen immer problemlos einen neuen, brauchbaren machen könnte. Zur Weiterentwicklung der Recyclingfähigkeit ist die Chemieindustrie gefragt, aber es müssen oft auch die Anforderungen an ein Kunststoffprodukt zurückgenommen werden. Ein Beispiel: Heute werden in den Folien zur Verpackung von Käse Sperrschichten eingebaut, die dessen Haltbarkeit verlängern. Die Sperrschichten sind extrem schwer zu trennen und damit zu recyceln. Verringerte man die Sperrschichten unter fünf Prozent, verringerte sich gegebenenfalls auch die Haltbarkeit, aber die Folien könnten viel leichter recycelt werden. Es stellt sich ohnehin die Frage, ob ein Käse mehrere Wochen oder sogar Monate haltbar sein muss.

Sind da die Kunststoffverwender in der Pflicht?
Ulrich Reifenhäuser:
Die Brand-Owner müssen vorgeben, dass bestimmte Kunststoffprodukte nur für gewisse Anwendungen genutzt werden dürfen. Das passiert heute schon, aber es dauert eine Weile, bis das dann durchgesetzt wird. Der Maschinenbau ist jedenfalls nicht der Engpass. Oft sind es auch gesetzliche Vorgaben, die den Einsatz von Rezyklaten heute noch behindern.

Die Länder Skandinaviens gehen einen anderen Weg. Sie setzen auf Verbrennung der Kunststoffabfälle.
Ulrich Reifenhäuser: Verbrennung ist eine sehr gute Sekundärnutzung. In Nordeuropa gibt es schon lange keine Deponien mehr. Dort setzt man sehr stark auf die Müllverbrennung. Um Müll, und hierbei geht es um den gesamten nicht recycelbaren Hausmüll, zu verbrennen und gleichzeitig Energie aus dem Verbrennungsprozess zu gewinnen, braucht man Brennmittel. Wenn man die Brenntemperaturen mit gebrauchtem Kunststoff erreicht, hat man damit zwei Vorteile. Erstens nutzt man den Kunststoff zum zweiten Mal, auch und vor allem den, der nicht recycelbar ist. Zweitens kann man die Energie aus dem Verbrennungsprozess weiter nutzen, etwa für industrielle Prozesse. Die Verbrennung ist übrigens auch dann besonders gut, wenn man das Abfallproblem schnell angehen will, etwa in Schwellenländern, wo Kunststoffabfälle bislang noch gar nicht verwertet werden.

Wie löst man das Problem des Kunststoffmülls am besten?
Ulrich Reifenhäuser: Es gibt nicht den goldenen Weg, man muss verschiedene Wege gehen. Wir brauchen veränderte Kunststoffe, wir brauchen veränderte Produkte. Aber vor allem müssen die Menschen Verantwortung lernen. Sie müssen erkennen, dass sie Kunststoffe nicht wegwerfen sollen, sondern dafür sorgen müssen, dass er richtig weiterverwendet wird. Hier muss aufgeklärt werden, durch die Politik, in der Schule, an den Hochschulen. Es braucht zum Beispiel viel mehr Lehrstühle für Recyclingwirtschaft. Kunststoffe sind in unserer Welt unverzichtbar. Die Schattenseite sind die nicht gesammelten Abfälle, die Land und Meere verschmutzen. Eine lückenlose Kreislaufwirtschaft kann dasverhindern und den Wert des Materials Kunststoff wieder in den Blick rücken. Damit das gelingt, müssen alle Partner in der Kunststoffindustrie zusammenarbeiten, aber auch Markenartikler Endverbraucher und die Politik sind gefragt.

Der VDMA stellt die Kreislaufwirtschaft auf der Leitmesse K im Oktober in Düsseldorf in den Vordergrund und zeigt dort, wie ein solcher Kreislauf funktionieren kann. In einer Interviewserie im Vorfeld des internationalen Branchentreffens kommen die Stakeholder in diesem Prozess zu Wort.

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