Kunststoffmaschinenhersteller: Lieferketten unter Druck

Kunststoffmaschinenhersteller, Werkzeugbauer und deren Zulieferer stehen aktuell vor großen Herausforderungen in der Lieferkette. Meusburger hat deshalb die Lagerhaltung forciert. Foto: Meusburger

Kunststoffmaschinen- und Werkzeugbauer stehen vor großen Herausforderungen in der Lieferkette; dadurch heben sie teilweise die Preise für ihre Produkte an.

Eine Befragung der K-ZEITUNG zeigt, dass es Probleme in den Lieferketten aktuell nicht nur bei Kunststoffen gibt, sondern auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel Stahl und Elektronikkomponenten – darunter leiden die Kunststoffmaschinen- und Werkzeugbauer. „Wir haben derzeit eine solch herausfordernde Ausnahmesituation, wie es sie auf dem Beschaffungsmarkt in den letzten 40 Jahren so noch nicht gegeben hat“, sagt Jörg Stolz, Director Procurement & Logistics bei der Reifenhäuser Gruppe.

Jörg Stolz, Director Procurement & Logistics Reifenhäuser Gruppe: „Wir haben derzeit eine solch herausfordernde Ausnahmesituation, wie es sie auf dem Beschaffungsmarkt in den letzten 40 Jahren so noch nicht gegeben hat." Foto: Reifenhäuser

Der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) sah Verzögerungen in Supply Chain im Mai auf einem Rekordhoch. Fast 90 % der für den EMI befragten Unternehmen meldeten eine Verteuerung von Vorprodukten, dabei wurden neben Kunststoffen vor allem Aluminium und Stahl genannt. Hier lesen Sie mehr dazu, warum Experten durch die aktuellen Herausforderungen das Wachstum der deutschen Industrie gefährdet sehen.

Kunststoffmaschinen- und Werkzeugbauer sind von dieser weltweiten Entwicklung nicht ausgenommen – und befürchten durch Lieferengpässe Umsatzeinbußen im laufenden Geschäftsjahr: „Unser Ergebnis 2021 steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Materialien", sagte Michael Wittmann, Geschäftsführer der Wittmann Group vor Kurzem.

Dies bestätigt Gerhard Böhm, Geschäftsführer Vertrieb bei Arburg, im Exklusiv-Interview mit der K-Zeitung: „Eine Unbekannte für die Umsatzentwicklung 2021 ist definitiv die Materialversorgung. Sie stellt uns gerade vor Herausforderungen.“

Vor allem Elektronikbauteile und Stahlbleche sind Mangelware

Engel-CEO Dr. Stefan Engleder: „Wir sind – wie die gesamte weltweite Industrie – von der Materialknappheit betroffen, besonders bei Halbleitern und der Verfügbarkeit von Containern für den Seetransport.“ Foto: Engel

Wo genau klemmt es in der Supply Chain? Auf Nachfrage der K-ZEITUNG heißt es quer durch die Bank, dass vor allem Elektronikbauteile und Stahlbleche knapp sind. Daneben werden auch die Transportkapazitäten genannt: „Wir sind – wie die gesamte weltweite Industrie – von der Materialknappheit betroffen, besonders bei Halbleitern und der Verfügbarkeit von Containern für den Seetransport“, sagt etwa Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe.

Bei der Krauss Maffei Gruppe sind laut Dr. Volker Nilles, Executive Vice President Neumaschinen, „vor allem elektronische Komponenten – resultierend aus der Knappheit von Chips – sowie Stahl und somit Schweiß- und Blechteile betroffen. Darüber hinaus gibt es erhebliche Engpässe bei Transportkapazitäten. Das betrifft Container weltweit und LKW-Transporte vor allem in USA.“

Lieferketten sind bei den befragten Unternehmen noch intakt

Alaaddin Aydin, VP Maag Germany/Managing Director: "Der Aufwand für die Terminverfolgung in der Lieferkette ist exponentiell gestiegen." Foto: Maag

Die Lieferketten sind bei den von uns befragten Unternehmen noch nicht gerissen, alle sind weiterhin lieferfähig. Gleichwohl steht der Einkauf vor großen Herausforderungen. „Der Aufwand für die Terminverfolgung in der Lieferkette ist exponentiell gestiegen“, sagt Alaaddin Aydin, Vice President und Geschäftsführer Maag Germany. Die Reifenhäuser Gruppe hat laut Stolz eine eigene Task Force eingerichtet, „die den Beschaffungsprozess tagesaktuell und ganzheitlich betrachtet, die vorhandenen Kompetenzen in der Unternehmensgruppe bündelt und die verfügbaren Ressourcen bestmöglich einsetzt.“

Andreas Rosenegger, Leiter Einkauf Haidlmair: „Vor allem bei den Elektronikteilen ist es schwierig, alternative Lieferanten zu finden. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Lieferanten, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Ich sehe es als Vorteil, dass wir langjährige Lieferanten in Mitteleuropa haben.“ Foto: Haidlmair

„Vor allem bei den Elektronikteilen ist es schwierig, alternative Lieferanten zu finden“, erklärt Andreas Rosenegger, Leiter Einkauf beim österreichischen Werkzeugbauer Haidlmair. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Lieferanten, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Ich sehe es als Vorteil, dass wir langjährige Lieferanten in Mitteleuropa haben.“

Was tun die Hersteller noch, um bei Maschinen und Werkzeugen lieferfähig zu bleiben? „Eine Vielzahl von Maßnahmen wurde eingeleitet um genügend Material zur Verfügung zu haben. Besonders hilfreich dabei ist ein solider Lagerbestand“, sagt etwa Alfred Schiffer, Geschäftsführender Gesellschafter Dr. Boy. Das bestätigt Guntram Meusburger, Geschäftsführer des Werkzeugnormalien-Herstellers Meusburger: „Wir können dank unseres Rohmateriallagers eine hohe Lieferverfügbarkeit garantieren – unser Anspruch ist, dass das auch so bleibt. Daher werden wir trotz der aktuellen Herausforderung nicht auf den Rohstoffeinkauf verzichten.“

Die Lieferzeiten haben sich verlängert

Dr. Volker Nilles, Executive VP für das Neumaschinengeschäft bei Krauss Maffei: „In Einzelfällen ist es bereits zu Verzögerungen gekommen.“ Foto: Krauss Maffei

Zum Teil merken die Kunden in der Branche schon die Auswirkungen der angespannten Lage:
„Die Beschaffungszeiten haben sich verlängert und unsere Lieferzeiten folgen dem gleichen Trend. Kunden, die heute bestellen, müssen mit längeren Lieferzeiten rechnen als noch vor drei bis vier Monaten“, betont etwa Maag-Deutschland-Geschäftsführer Aydin.

„Wir konnten bisher die Auswirkungen für unsere Kunden durch unsere vorausschauende Planung und eingeleitete Maßnahmen gering halten. In Einzelfällen ist es jedoch auch bereits zu Verzögerungen gekommen“, gesteht Krauss-Maffei-Manager Nilles. Engel-CEO Engleder signalisiert ähnliches: „Bisher hat die Materialverknappung nur in wenigen Einzelfällen Auswirkungen auf die Lieferzeit. Bis in den Herbst sind wir für bestehende Aufträge jedenfalls lieferfähig.“

Kunststoffmaschinen werden zum Teil teurer

Guntram Meusburger, Geschäftsführer Meusburger: "Da eine unmittelbare Entspannung nicht absehbar ist und die Stahlpreise nach wie vor steigen, sehen wir uns gezwungen, Preisanpassungen vorzunehmen." Foto: Meusburger

Neben Lieferverzögerungen drohen den Kunststoffverarbeitern aber auch höhere Preise bei Maschinen und Werkzeugen, da die Hersteller die gestiegenen Preise für Rohstoffe und Komponenten an die Kunden weitergeben werden. Engleder: „Wir sehen, dass die Märkte überhitzen und die Kostenschere immer weiter aufgeht. Die steigende Inflation verstärkt den Effekt. Entsprechend wird es in irgendeiner Form Auswirkungen auf die Preise geben.“

„Die Preisanstiege müssen wir an unsere Kunden weitergeben, zumal sich abzeichnet, dass die Materialknappheit auch noch im zweiten Halbjahr 2021 andauern wird“, gesteht auch Arburg-Geschäftsführer Böhm.

„Wir müssen und werden aufgrund der Dimensionen einen Teil der Preiserhöhungen an unsere Kunden weitergeben“, sagt auch Nilles, Krauss Maffei. Und auch Meusburger reiht sich diese Reihe ein: „Die letzten sechs Monate haben wir die drastische Preisentwicklung aufgrund unseres großen Lagers nicht an unsere Kunden weitergegeben. Da eine unmittelbare Entspannung nicht absehbar ist und die Stahlpreise nach wie vor steigen, sehen wir uns gezwungen, Preisanpassungen vorzunehmen“, so Geschäftsführer Meusburger. Die anderen Unternehmen, die wir befragt haben, winken bei Preiserhöhungen aktuell ab.

Boy-Geschäftsführer Schiffer: Zulieferer sollten Preisbogen nicht überspannen

Alfred Schiffer, Geschäftsführender Gesellschafter von Boy: "Alle Zulieferer sind sehr gut beraten, den Preisbogen nicht zu überspannen.“ Foto: Express/Krumbholz

Doch Maag-Geschäftsführer Aydin will dies auch in Zukunft nicht ausschließen: „Bisher konnten wir es weitestgehend vermeiden, eine Preisanpassung über das Maß der normalen Inflation weitergeben zu müssen. Sollte die Rohstoffknappheit aber zu einem Verteilungskampf ausarten, sind Preiserhöhungen unvermeidbar. Eine Maßnahme ist schon die verkürzte Preisbindung in unseren Angeboten, um auf die dynamische Entwicklung reagieren zu können.“

Boy-Geschäftsführer Schiffer sendet allerdings eine Warnung an seine Zulieferer: „Das Segment der Spritzgießmaschinen ist sehr preissensitiv. Deshalb sind auch alle Zulieferer sehr gut beraten, den Preisbogen nicht zu überspannen.“

Ende der Supply-Chain-Probleme ungewiss

Gerhard Böhm, Geschäftsführer Vertrieb bei Arburg: „Es ist schwierig einzuschätzen, wie lange die Situation noch anhalten wird.“ Foto: Arburg

Ein kurzfristiges Ende der weltweiten Supply-Chain-Probleme ist für die Maschinen- und Werkzeugbauer nicht in Sicht: Reifenhäuser-Manager Stolz geht davon aus, „dass sich die Situation noch über das ganze Jahr 2021 und für manche Warengruppen auch bis in 2022 hinziehen wird“. Arburg-Geschäftsführer Böhm findet es schwierig einzuschätzen, wie lange die Situation noch anhalten wird. Denn: „Problematisch ist in der jetzigen Phase auch, dass Unternehmen so viel wie möglich bunkern. Dadurch setzt auch eine Art künstliche Verknappung ein. Erlauben Sie mir den humoristischen Vergleich: Beim Toilettenpapier war es im ersten Lockdown ja ebenso. Und auch da sah man irgendwann, dass das Pendel wieder zurück geschwungen ist – und es Überkapazitäten am Markt gab. Vielleicht haben wir diese Situation Anfang kommenden Jahres.“

Sabine Koll