Kunststoffindustrie vor neuen Herausforderungen

Back to Beiträge

Die europäische Kunststoffindustrie steht vor neuen Herausforderungen. Das geplante EU-Kreislaufwirtschaftspaket nimmt auch Kunststoffe ins Visier, währenddessen sich die Märkte in Richtung Asien verschieben und asiatische Erzeuger nach Europa drängen. Ein Fachpressetag bei Plastics Europe beleuchtete jetzt dieses Spannungsfeld.

Dr. Rüdiger Baunemann, Geschäftsführer Central Region bei Plastics Europe, begrüßte zahlreiche Vertreter der Fachpresse in Frankfurt. Sechs Referenten boten den einen spannenden Themenmix – vom EU-Kreislaufwirtschaftspaket bis zur Verschiebung globaler Warenströme bei den Kunststoffen. Foto: K-ZEITUNG

Mitte April lud Plastics Europe Central Region, der Verband der Kunststofferzeuger in Zentraleuropa, zu einer Fachpressekonferenz nach Frankfurt. Der Verband schlug hier mit sechs Referenten einen großen thematischen Bogen – von dem geplanten EU-Kreislaufwirtschaftspaket über das Image von Kunststoff in der Öffentlichkeit bis hin zur Verschiebung globaler Warenströme und neuen Potenzialen für die Architektur.

Kunststoffe im zirkularen Kreislauf

Den Auftakt machten Britta Grundke, Vertreterin des Verbandes der chemischen Industrie (VCI) im Europabüro Brüssel, und Dr. Ingo Sartorius, Leiter des Geschäftsbereichs Mensch und Umwelt und Geschäftsführer bei Plastics Europe Deutschland, mit Vorträgen zum neu geplanten EU-Kreislaufwirtschaftspaket. Bei diesem Paket werden verstärkt auch Kunststoffe betrachtet, und dabei geht es nicht nur um Abfall, sondern um weit mehr: Die EU strebt eine ganz neue Strategie im Umgang mit Kunststoffen an, angefangen bei Regelungen zum Produktdesign über die Ressourcen- und Stoffpolitik bis hin zur Verbraucherpolitik. Das Ziel ist eine fast vollständige Kreislaufwirtschaft, in der Produkte und deren Werkstoffe nach Gebrauch recycelt werden und lediglich ein minimaler Stoffstrom als Restabfall anfällt. "Hier kommen Dinge auf uns zu, die eine echte Herausforderung darstellen", hielt Britta Grundke der versammelten Fachpresse vor Augen.

Im Legislativpaket sind entsprechende Punkte vorgesehen, die bis Ende 2018 verabschiedet werden sollen. Grundke begrüßte, dass hier der Begriff Abfall als Ressource gestärkt wird und eine energetische Abfallverwertung weiterhin möglich ist. Kritisch hingegen beurteilte sie die geplante Verschärfung der abfallrechtlichen Herstellerverantwortung sowie ökonomische Instrumente zur Umsetzung der Abfallhierarchie.

Beim EU-Kreislaufwirtschaftspaket werden verstärkt auch Kunststoffe betrachtet, und dabei geht es nicht nur um Abfall, sondern um weit mehr. Foto: EU-Kommision

EU-Kreislaufwirtschaftspaket: Was heißt das für Kunststoffe?

Was das für die Kunststoffindustrie konkret bedeutet, erläuterte Dr. Ingo Sartorius. "Die EU-Kommission wird eine Strategie für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft annehmen, mit der Fragen wie Recycelfähigkeit, biologische Abbaubarkeit, gefährliche Zusatzstoffe sowie Abfälle im Meer angegangen werden. Zudem schlägt sie in den überarbeiteten Legislativvorlagen bei Abfällen eine sehr ehrgeizige Zielvorgabe von 55 Prozent für das Recycling von Kunststoffverpackungen vor." Derzeit läge diese Quote EU-weit bei nur knapp 40 Prozent – und das bei sehr großen Unterschieden in den einzelnen Ländern.

Sartorius wies außerdem darauf hin, dass Kunststoffverpackungen nicht für ihr Lebensende produziert werden, sondern für ihren Nutzwert beim Gebrauch, etwa um Lebensmittel optimal vor Sauerstoff und Feuchtigkeit zu schützen. Sehr dünne PE/PA-Verbundfolien leisteten dies am besten, seien jedoch stofflich nicht wiederverwertbar. "Recycling darf daher kein Selbstzweck sein", betonte Sartorius. Zudem seien werkstoffspezifische Recyclingquoten nicht praxisgerecht.

Image der Branche bessert sich

Nicht sachgerecht verwertete Kunststoffabfälle, insbesondere wenn sie im Meer landen, tragen zu einem negativen Image dieses Werkstoffs bei. Aber: "Laut einer Repräsentativumfrage liegt im Globalimage der Kunststoffindustrie derzeit auf Best-Niveau", freute sich Michael Herrmann, Kommunikationschef und Geschäftsführer bei Plastics Europe Deutschland. Herrmann musste aber einschränken, dass "im Gegensatz zum Image der Branche das Image des Werkstoffs nicht besser geworden ist." Insbesondere die Kunststoffverpackung schneidet schlecht ab.

"In vielen Anwendungsbereichen nimmt die kritische Sicht auf Kunststoffe gerade bei den jungen Gebildeten zu, über zwei Drittel dieser Gruppe hält Verpackungen aus Kunststoff sogar für schädlich", mahnte Herrmann. Das dennoch insgesamt positive Image der Branche hänge zu großen Teilen an der Innovationskraft von Kunststoff, insbesondere in den Bereichen Automobil und Medizintechnik. Kurz gesagt: "Das Image der Kunststoffindustrie wie des Werkstoffes ist auf einem guten Niveau und mehr oder minder stabil", so Herrmann. Dabei sei Kunststoff ist in der Öffentlichkeit nach wie vor kein großes Thema.

Gedämpftes Wachstum

Die wirtschaftliche Entwicklung der Kunststoffindustrie hängt nicht so sehr an ihrem Image, sondern vielmehr an den Märkten in Asien. "Wenn der chinesische Wachstumsmotor stottert, schlägt dies auf die gesamte Weltwirtschaft und damit auch auf die Kunststoffindustrie durch", so Claus-Jürgen Simon, Leiter des Wirtschaftsressorts bei Plastics Europe Deutschland. Simon stellte die neuesten Erhebungen zum globalen wirtschaftlichen Umfeld der wichtigsten Abnehmerindustrien sowie zum globalen und europäischen Kunststoffmarkt vor: "In 2016 erwarten wir ein moderates Wachstum der Weltwirtschaft um 2,3 Prozent, verursacht von dem in China abgekühlten Wachstum auf nur 6,2 Prozent."

Simon wies darauf hin, dass die meist wenig beachteten Polyolefine nach Tonnage immerhin 55 % des Weltmarktes für Kunststoffe ausmachen, und dass die technischen Kunststoffe mit rund 10 % Anteil nur noch leicht höhere Wachstumsraten als die Standardkunststoffe aufweisen.

Bei der Kunststoffproduktion in Europa zeichnet sich eine Seitwärtsbewegung ab. "Wir rechnen mit einem nur leichten Wachstum von 1,5 Prozent in 2016. Dabei müssen sich die europäischen Erzeuger auch auf dem heimischen Markt neuen Wettbewerbern aus dem mittleren Osten und Asien stellen", erklärte Simon.

Märkte verschieben sich nach Asien

Dass die Musik immer mehr in Asien spielt, ist nicht neu, doch die Dynamik, mit der diese Entwicklung voranschreitet, verdeutlichte Frank Schnieders, Senior Manager Market & Competitive Intelligence bei Covestro und Vorsitzender im Arbeitsausschuss Statistik & Marktforschung bei Plastics Europe Deutschland, anhand von Statistiken, die eine klare Sprache sprechen: "Die Märkte haben sich in den letzten Jahren sehr stark nach Asien verlagert, bei einigen Kunststoffen wie Polycarbonaten, PMMA und Styrolkunststoffen generiert Asien bereits weit über die Hälfte der weltweiten Nachfrage."

Und da die Produktion stets dem Markt folge, entstünden auch neue Kapazitäten überwiegend in Asien. Das gelte sogar für Polyolefine, bei denen Kapazitäten bislang an der Ölquelle, also im mittleren Osten aufgebaut wurden. "Der rein exportgetriebene Aufbau dieser Kapazitäten ist zum Stillstand gekommen. Im Jahr 2020 wird China über dreimal so viele Polypropylen-Kapazitäten verfügen, als der mittlere Osten. Viele haben diese Entwicklung noch nicht so deutlich vor Augen", mahnte Schnieders.

Die Produktion folgt dem Markt – dieser Trend gilt laut Schnieders für alle Kunststoffe und ließe sich nicht mehr aufhalten. "In 2015 befanden sich bereits fast die Hälfte der weltweiten Kunststoff-Kapazitäten in Asien, allein China hält einen Anteil von 28 Prozent", so Schnieders. Die Folge sei, dass Europa immer mehr zum Nettoimporteur von Kunststoffen werde. "Asiatische Erzeuger drängen zunehmend auch auf Märkte außerhalb Asiens. In Europa beobachten wir eine wachsende Anzahl an Compoundier-Anlagen, die von asiatischen Erzeugern betrieben werden." So nahm der chinesische Erzeuger Kingfa erst kürzlich eine große Compoundier-Anlage in Wiesbaden in Betrieb.

In der Architektur mehr Kunststoff wagen

Das Bauwesen ist nach der Verpackung einer der wichtigsten Absatzmärkte für Kunststoffe in Europa. Dennoch bleiben hier wesentliche Potenziale noch ungenutzt. Stephan Nicolay, Vorsitzender des Instituts für das Bauen mit Kunststoffen e.V., erläuterte auf dem Fachpressetag, woran das seiner Meinung nach liegt: "Beim Studium der Architektur kommen in der klassischen Lehre zum Entwerfen eines Gebäudes die Materialen Stein, Holz, Stahl und Beton vor – aber kein Kunststoff!"

Bislang werde Kunststoff im Bau vor allem in den Bereichen Fenster, Rohre, Isolierungen und Dämmung genutzt – nicht aber als Bauwerkstoff. Daher gelte es, den Architekten das Potenzial von Kunststoffen als Bauwerkstoff näher zu bringen. Auch die Architekturausbildung müsse sich um neue Inhalte wie dem materialgerechten Entwerfen mit Kunststoffen erweitern. "Kunststoff als plastisch formbares und konfektionierbares Material ermöglicht eine völlig neue Formensprache in der Architektur", verdeutlichte Nicolay die noch ungenutzten Möglichkeiten, die dieser Werkstoff Architekten bietet.

mg

Share this post

Back to Beiträge