Foto: Cirplus
Christian Schiller, Gründer und CEO der Cirplus GmbH, sieht kein Imageproblem bei Kunststoff.

K 2022

Kunststoff hat kein Imageproblem

Warum „Kunststoff kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem“ hat, erklärt Christian Schiller im Way-2-K-Brancheninterview.  

Warum „Kunststoff kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem“ hat, erklärt Christian Schiller im Way-2-K-Brancheninterview.  

Im Way-2-K-Brancheninterview des VDMA auf dem Weg zur K-Messe 2022 spricht Christian Schiller, Gründer und CEO der Cirplus GmbH über die Recyclingwirtschaft und warum „Kunststoff kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem“ hat.

Schiller: Von Anbietern und Nachfragern aus der ganzen Welt. Mittlerweile von über 1.300 Unternehmen aus über 100 Ländern. Allerdings stellen wir derzeit einen erheblichen Nachfrageüberhang nach hochwertigen Kunststoffrezyklaten fest. Das klingt zwar im ersten Moment gut für die Recyclingwirtschaft, zeigt aber auch gnadenlos die Defizite im Markt auf. Für viele Kohlenstoffe existiert kein industriell verfügbares, geschweige denn rentables Recyclingverfahren; zu viele Abfälle werden weiterhin verbrannt oder deponiert. Wir leisten uns als Menschheit eine unglaubliche Verschwendung an wertvollen Ressourcen. Aber wir arbeiten bei Cirplus mit den Mitteln der Digitalisierung daran, dass sich das ändert!

Das Image von Kunststoff ist nicht das Problem

Schiller: Einen globalen Mangel an Kunststoffabfall haben wir nicht. Aber wir haben einen Mangel an Abfällen, die man gut recyceln kann. Drei Aspekte möchte ich hier hervorheben: unterentwickelte Recyclingtechnologien, intransparente und unterdigitalisierte Abfall- und Recyclingströme und schlechtes Produktdesign. Fangen wir mit den Recyclingtechnologien an: diese können und müssen auf breiter Front aufholen – und hier rede ich nicht primär vom chemischen, sondern insbesondere vom mechanischen Recycling. Denn dort ist noch die meiste Luft nach oben bei gleichzeitig durchweg positiver Ökobilanz gegenüber dem Einsatz von Neuware. Die Märkte für Abfall und Rezyklat müssen transparenter und digitaler werden. Wie sonst will man global verlässliche Supply Chains aufbauen, wenn man große Unsicherheiten über Qualitäten und Mengen nicht abstellen kann? Allein in Europa fehlt von über 20 Millionen Tonnen jährlich anfallenden Abfällen jede Spur. Transparenz, Nachverfolgbarkeit und digitale Handelstransaktionen sind die Gebote der Stunde. Ökologisch wie ökonomisch sinnvolles Recycling steht und fällt mit dem Produktdesign. Wenn die Verarbeiter und Brands es nicht schaffen, Produkte herzustellen, die nach der Nutzungsphase hochwertig recycelt werden können, dann werden wir mit dem Qualitätsproblem noch eine ganze Weile zu kämpfen haben. All das zeigt, wir haben beim Kunststoff kein Image-, sondern ein Abfall- und Digitalisierungsproblem.

Schiller: Wir sollten über Standards reden. Es muss präzise erfasst werden, welche Rezyklatqualitäten der Markt tatsächlich braucht. Vor diesem Hintergrund haben wir bei Cirplus die Standardisierung von Kunststoffrezyklaten für höherwertige Anwendungen und den digitalen Handel initiiert und aktiv vorangetrieben. Der daraus resultierende Standard, die DIN SPEC 91446, wurde im November letzten Jahres auf den Markt gebracht als weltweit erster Standard für hochwertiges Kunststoffrecycling jenseits des PET.

Schiller: Auf jeden Fall. Mit der DIN SPEC 91446 ist schon jetzt viel Bewegung in den Markt gekommen. Namhafte Produkthersteller haben damit begonnen, ihren Einkaufsbedarf nach der DIN SPEC zu klassifizieren. Prüflabore bieten die Zertifizierung nach der DIN SPEC an und Recycler beschäftigen sich zunehmend mit den geforderten Spezifikationen. Über Cirplus werden Bedarfe und Angebote nun bereits automatisch auf Grundlage der DIN SPEC eingestuft Und das ist erst der Anfang.

Schiller: Die DIN SPEC 91446 ist ein Standard, der den Transparenzgrad der verfügbaren Rezyklatdaten in sogenannte Datenqualitätslevels (DQL) klassifiziert. Dieser Standard ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, Rezyklate zu einer weltweit verlässlich verfügbaren Handelsware zu machen. Wir unterstützen dabei, indem wir Mengen und Qualitäten digital über cirplus aggregieren, (Preis‑)Vergleichbarkeit herstellen, Transaktionskosten senken sowie besagte Qualitätslevel einführen. Dies ist Voraussetzung für weitergehende KI-Anwendungen in der Zukunft, wie zum Beispiel Algorithmen, die Preise, Mengen und Qualitäten vorhersagen können auf Grundlage der abgebildeten Daten bei Cirplus.

Erschließung neuer Abfallströme für das Recycling

Schiller: Bei PET und HDPE sehen wir interessante Bewegungen, auch bei manchen Post-Industrial-Rezyklaten und bei gewissen Mengen außerhalb Europas. Und richtig, bestimmte Qualitätsware ist derzeit nirgendwo zu bekommen, weder online noch offline. Nehmen Sie zum Beispiel lebensmittelgeeignetes PE oder PP Rezyklat: Das gibt es, mit ganz wenigen Ausnahmen, schlichtweg nicht im Markt. Seitens der Abnehmer, von Konsumgütern über Haushaltswaren hin zum Automobilisten und der Bauindustrie, gibt es jedoch ehrgeizige Ziele für den Rezyklateinsatz. Allein die Kosmetikverpackungsindustrie in Europa benötigt ab 2025 jährlich mindestens 1 Million Tonnen Post-Consumer-Rezyklat. Das setzt enormen Kapazitätsaufbau voraus sowie die Erschließung neuer Abfallströme als Feedstock für das Recycling. Hierfür entwickeln wir Cirplus weiter, um die dauerhafte Beschaffung von Rezyklaten für hochwertige Anwendungen einfach, transparent, kosteneffizient und verlässlich zu gestalten. Allein: die Trägheit des bestehenden Systems und widerstreitende Interessen entlang der Wertschöpfungskette verlangsamen den Umbau der Kunststoffwirtschaft.

Schiller: Ja, es braucht mehr Regulierung, um eine wirklich zirkuläre Kunststoffwirtschaft zu etablieren. Ich bin marktwirtschaftlich orientiert, aber die Defizite kann der Markt aus sich heraus ganz offensichtlich nicht beheben. Weniger als 10 Prozent PCR-Rezyklatanteil an der gesamten in Deutschland verarbeiteten Menge Kunststoffe sprechen hier die Sprache eines systemischen Versagens bei der Kreislaufführung von Kunststoffen, und das über 30 Jahre nach Einführung der erweiterten Produzentenverantwortung. Es bleibt dabei: Dort, wo der Preis der Neuware niedriger ist als der für Rezyklate, wird fast ausschließlich Neuware gekauft, und die Abfälle haben keinen Wert. Unser Digitalisierungsansatz kann hier schon enorm helfen. Können so doch bis zu 25 Prozent der Transaktionskosten bei der Herstellung und dem Einsatz von Kunststoffrezyklaten gesenkt werden. Der Staat greift nun ebenfalls ein. Jüngstes Beispiel ist Großbritannien. Dort wird seit dem 01.04.2022 eine Strafsteuer auf Verpackungen erhoben, deren Rezyklatanteil unter 30 Prozent liegt. Andere europäische Länder werden nachziehen, und die EU Kommission arbeitet an einer produktspezifischen Rezyklateinsatzquote. Dadurch beginnen die Verwender zunehmend, sich Gedanken um ihr Produktdesign zu machen. Das ist eine gute Dynamik, die aber durch das chemische Recycling im Keim erstickt werden könnte.

Wettstreit um die Zukunft zirkulärer Kunststoffe

Schiller: Ich stelle eine Verunsicherung auf Seiten der Verarbeiter und der Brands fest. Sie hören auf fast jeder Veranstaltung der Kunststoffindustrie, dass das mechanische Recycling an seine Grenzen komme und nehmen wahr, dass die chemische Industrie das chemische Recycling mit Milliardeninvestitionen nach vorne treibt, um auch die heute noch schwer zu recycelnden Kohlenstoffe wiedergewinnen zu können. Sie fragen sich nun zu Recht, ob eigene Anstrengungen für das Design für Recycling überhaupt Sinn ergeben, wenn die Petrochemie in Zukunft komplexe Verbundmaterialien tatsächlich recyceln kann. In einem solchen Szenario müssten Verarbeiter und Markenartikler an ihren Produkten also gar nichts ändern, weil man als Ergebnis des chemischen Recyclings Quasi-Neuware einsetzen und dennoch Rezyklatquoten erfüllen könnte über den Massenbilanzansatz. Und über gestiegene Einkaufskosten aufgrund des energieintensiven Recyclingprozesses muss man sich als Verarbeiter dann keine Sorgen machen, wenn die Brands per gesetzlicher Quote oder Strafsteuer faktisch dazu verpflichtet werden, chemische Rezyklate in bestimmten Mengen einzusetzen. Das ist einer der Gründe, weswegen die Kunststofferzeuger sich für die Mindestrezyklateinsatzquote auf europäischer Ebene stark machen. Bei diesem Wettstreit um die Zukunft der zirkulären Kunststoffe besteht die Gefahr, dass die Nachhaltigkeit ins Hintertreffen gerät. Die bessere Öko-Bilanz wird stets das mechanische Recycling aufweisen, das ist eine physikalische Gewissheit. Und deshalb würde ich es begrüßen, wenn die Markenhersteller und Kunststofferzeuger alles daransetzen, um Rohstoffe und Produkte für das mechanische Recycling zu optimieren und die Recyclingtechnologien nicht nur einseitig in Richtung chemisches Recycling fördern und Steuergelder einfordern für die Forschung. Erst nach mehrmaligen, möglichst hochwertigen mechanischen Recyclingzyklen schlägt die sinnvolle Stunde des chemischen Recyclings. Hierbei muss allerdings der Vergleich zu einer effizienten Verbrennung des Kunststoffs angestellt werden, um letztlich eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Verwertungshierachie zirkulärer Kunststoffe zu etablieren. Das ist machbar, setzt aber echtes Umdenken bei allen linearen Akteuren voraus. Packen wir es an!

VDMA/ak