Kreislaufwirtschaft braucht Verbraucherwissen

Die meisten Verbraucher in Europa und Nordamerika begrüßen die Maßnahmen zur Kreislaufwirtschaft. Doch gibt es noch immer Auflärungsbedarf. Und viele Verbraucher selbst sehen primär Politik und Industrie in der Pflicht, so die Studie von DNV. Foto: Pixabay/Gino Crescoli

Verbraucher wissen zunehmend mehr über Kreislaufwirtschaft, fordern aber Maßnahmen von Politik und Industrie; dies zeigt eine Studie von DNV.

64 % der Verbraucher in Europa und Nordamerika haben schon mal etwas von Kreislaufwirtschaft gehört und 45 % von diesen verfügen über umfassende Kenntnisse und beteiligen sich aktiv – das sind die Ergebnisse einer Studie der norwegischen Prüf-, Zertifizierungs- und Beratungsdienstleisters DNV. Sie hat im Herbst 2021 rund 2.900 Verbraucher aus neun Ländern in Europa und Nordamerika befragt. Dabei ging es um generelle Fragen zur Kreislaufwirtschaft sowie um spezielle Einschätzungen in den Bereichen Kunststoffverpackung, Mode und Elektronik.

Unternehmen müssen Verbraucher mit ins Boot holen

Aus der Studie geht hervor, dass Verbraucher ihre Informationen hauptsächlich aus den Medien und den sozialen Medien beziehen (61 %), mit einigem Abstand gefolgt von politischen Diskussionen (27 %) und Freunden (23 %). Nur einer von fünf Befragten bezieht Informationen direkt von Herstellern und Lieferanten. Das zeigt laut DNV dass Unternehmen mehr tun müssen, um ihre Botschaft zu verbreiten und Vertrauen aufzubauen. „Ohne die Beteiligung der Verbraucher ist ein Übergang zur Kreislaufwirtschaft nicht möglich. Unternehmen müssen mehr tun, um Informationslücken zu schließen und sicherstellen, dass Verbraucher sensibilisiert werden und validierte, vertrauenswürdige Informationen erhalten“, sagt Luca Crisciotti, CEO von Supply Chain & Product Assurance bei DNV. „Das Bewusstsein ist der Schlüssel, aber das anschließende Verhalten der Verbraucher, das durch ihr Wissen beeinflusst wird, ist entscheidend für die Verwirklichung der Kreislaufwirtschaft. Letztlich ist es dieses Wissen, das die Verbraucher dazu bewegen wird, sich an Recycling- oder Rücknahmeaktionen zu beteiligen oder innovative Kreislaufprodukte oder -dienstleistungen auszuprobieren.“

Hersteller sollen Verantwortung für Recycling übernehmen

Die größte Erwartung bei den Befragten ist, dass Unternehmen recycelte, wiederverwertbare oder weniger Produktverpackungen verwenden. Insgesamt 54 % sagen, dass Hersteller die Verantwortung für das Ende des Produktlebens übernehmen sollten. Und 51 % fordern von Herstellern, kreislauffähige und nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen.

Das Bewusstsein für Kunststoffverpackungen ist nach der DNV-Studie sehr hoch. Fast die Hälfte der Befragten hat sich schon einmal gegen den Kauf eines Produkts entschieden, weil die Verpackung nicht nachhaltig war. Insgesamt 30 % gehen davon aus, dass Kunststoffverpackungen immer schädlich sind, während 36 % sagen, dass sie nur dann schädlich sind, wenn sie nicht richtig entsorgt werden. „Der Druck der Medien, insbesondere in Bezug auf die Plastikverschmutzung der Meere und deren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, könnte dieses Bild möglicherweise beeinflussen“, sagt Crisciotti. „Die große Zahl der Befragten, die Kunststoffverpackungen für akzeptabel halten, wenn sie verantwortungsvoll entsorgt oder recycelt werden, zeigt die Bedeutung der Recyclingprogramme.“

Viele Lösungen werden als nachhaltig angesehen

Die Verbraucher empfinden viele Optionen für Kunststoffverpackungen als nachhaltig. An erster Stelle stehen Rücknahmesysteme und Verpackungen aus recyceltem Kunststoff. Grafik: DNV

Am nachhaltigsten sehen die Befragen bei Kunststoffverpackungen Rücknahmesysteme (79 %), Verpackungen aus recyceltem Kunststoff (79 %), Verpackungen aus anderen Materialien wie Papier oder Glas (77 %) und Biokunststoffe (69 %). Crisciotti: „Da alle Optionen als nachhaltig gelten, müssen die Unternehmen bei ihrer Entscheidung für eine nachhaltige Verpackung nicht auf das Bewusstsein der Verbraucher achten. Sie können sich auf ihre internen Prozesse konzentrieren, die tatsächlichen Auswirkungen jeder Option berechnen und sich für diejenige entscheiden, die mehr Kreislaufcharakter hat.“

Die Verbraucher unterscheiden nicht zwischen wiederverwertbaren und recycelten Verpackungen. Grafik: DNV

Interessant ist auch, dass bei den Verbrauchern kein klares Verständnis für den Unterschied zwischen „wiederverwertbaren“ und „recycelten“ Verpackungen besteht. „Das mangelnde Bewusstsein der Verbraucher ist ein Risiko, das Unternehmen begünstigt, die nur in wiederverwertbare Materialien investieren, anstatt in Verpackungen aus recyceltem Post-Consumer-Kunststoff“, betont Crisciotti. „Wiederverwertbare Kunststoffverpackungen sind nur potenziell zirkulär. Ihre Zirkularität hängt davon ab, dass der Verbraucher die Verpackung ordnungsgemäß entsorgt, damit sie recycelt werden kann. Im Gegensatz dazu ist die Herstellung von Verpackungen aus recycelten Materialien eine echte Kreislaufinitiative.“

Kein Konsens darüber, was eine nachhaltige Verpackung ist

„Die Unzufriedenheit mit Plastikverpackungen ist enorm, darin steckt ein großes Potenzial“, bestätigt auch der Wirtschaftswissenschaftler Sebastian Rhein von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), die eine aktuelle, allerdings nicht-repräsentative Studie mit 260 Befragen zu Lebensmittelverpackungen erstellt hat. Demnach sind Verbraucher bereit, mehr Geld für Lebensmittelverpackungen zu bezahlen, die sie selbst als nachhaltig empfinden. Besonders beliebt sind demnach unverpackte Lebensmittel, aber auch Recyclingplastik- und Papierverpackungen werden gegenüber konventionellem Plastik bevorzugt.

Die Studie der Universität zeigt zudem, dass die Wahrnehmung der Befragten nicht mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema übereinstimmen muss. „Problematisch ist dabei vor allem, dass es bisher keinen generellen Konsens darüber gibt, welches Verpackungsmaterial tatsächlich nachhaltig ist“, so Rhein. Bioplastik schnitt in der Erhebung besonders schlecht ab. Die Befragten gaben an, zu wenig über das Material und seine Eigenschaften zu wissen. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass hinter dem Begriff Bioplastik eher ein Produkt vermutet wird, das für die Umwelt genauso schlecht ist wie konventionelles Plastik“, so Ko-Autor Christoph Herrmann. Hier sehen die Forscher Wissenschaft und Politik in der Verantwortung, Klarheit zu schaffen.

Gesellschaft sollte schneller Richtung Kreislaufwirtschaft gehen

Ein überraschend hoher Anteil der von DNV Befragten, nämlich 60 %, ist der Meinung, dass sich die Gesellschaft nicht schnell genug in Richtung Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffen bewegt. Dabei ist die Generationen der über 55jährigen am pessimistischsten. Nach Einschätzung von DNV könnten jüngere Altersgruppen hingegen „das Gefühl haben, einen Beitrag zu leisten, und daher mehr Fortschritte auf dem Weg zu einer kreislauforientierten Zukunft sehen“.

Studie zeigt: Mehr Innovation und Regulierung gefordert

Von denjenigen, die nicht glauben, dass sich die Gesellschaft schnell genug in Richtung Kreislaufwirtschaft bewegt, sind 19,9 % der Meinung, dass wir mehr Materialinnovationen brauchen, um Kunststoff zu vermeiden. Grafik: DNV

Von denjenigen, die nicht glauben, dass sich die Gesellschaft schnell genug in Richtung Kreislaufwirtschaft bewegt, sind 20 % der Meinung, dass wir mehr Materialinnovationen brauchen, um Plastik zu eliminieren. 16 % hingegen meinen, dass es mehr Regulierung und Durchsetzung braucht. Insgesamt 13 % sind der Auffassung, dass Marken, die Kunststoffverpackungen verwenden, mehr tun sollten. Nur 11 % sehen die Verbraucher in der Verantwortung, nur nachhaltige Verpackungen zu kaufen und zu recyceln. „Dies deutet darauf hin, dass die Verbraucher dies als ein systemisches Problem betrachten, das im Kern von den Unternehmen und durch Rechtsvorschriften gelöst werden muss, um den Kurs der Gesellschaft und das Verhalten des Einzelnen zu ändern“, interpretiert Crisciotti dieses Ergebnis.

Interessanterweise glaubt die Altersgruppe der 18- bis 24jährigen eher an eine Regulierung, während die über 55jährigen eher auf mehr Innovation und die Einbeziehung der Verbraucher setzen. Crisciotti: „Dies könnte möglicherweise auf die Erfahrung dieser Altersgruppe zurückzuführen sein, dass solche Arten der Regulierung in der Regel nur begrenzte Auswirkungen haben.“

Sabine Koll

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