K-Maschinenbauer stärker unter Druck

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Schwächelnde Automobilindustrie, Imageverlust bei Kunststoffen: Die K-Maschinenbauer geraten stärker unter Druck. Wir sprachen mit Engel-CSO Dr. Christoph Steger.

Die Automobilindustrie schwächelt deutlich und der Imageverlust bei Kunststoffen schlägt durch, Patentrezepte für die stärker unter Druck geratenen K-Maschinenbauer gibt es nicht – Joachim Rönisch, Herausgeber der K-ZEITUNG, sprach dazu mit Dr. Christoph Steger, CSO der Engel-Gruppe.

Zum Hintergrund: „Es könnte ungemütlich werden“, warnte Ulrich Reifenhäuser, geschäftsführender Gesellschafter der Reifenhäuser-Gruppe, auf der Jahrestagung des Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen im VDMA bereits Mitte Juni 2019 in Stuttgart. Die außerordentlich lange Boomphase mit zehn Jahren ungebrochenem Wachstum hat ein jähes Ende gefunden. Die ursprünglich für 2018 prognostizierten 3 % Wachstum wurden nicht erreicht.

Und weiter: 2019 wird mit Sicherheit nicht mehr an die guten Ergebnisse des Vorjahres anknüpfen können. Nach dem aktuellen Stand der Auftragsbücher erwartet der Verband für 2019 einen starken Einbruch von rund 10 % beim Produktionswert deutscher Kunststoffmaschinen. So sank die inländische Nachfrage in den ersten Monaten um 13 %, die aus der Eurozone um 31 %, das sonstige Ausland bestellte 6 % weniger.

Wo stehen die K-Maschinenbauer?

Zum Auftakt der Weltleitmesse der Kunststoffindustrie fragte die K‑Redaktion Dr. Christoph Steger, CSO der Engel-Gruppe, wo die europäischen Kunststoffmaschinenbauer aktuell stehen. Stecken die Maschinenbauer schon mitten in der Krise und, wenn ja: Hat Engel als weltgrößter K‑Maschinenbauer greifende Konzepte in der Schublade? Nach Recherchen der K‑ZEITUNG haben bereits einige Unternehmen wieder Kurzarbeit eingeführt und einige sogar auch schon Teile der Belegschaft entlassen. Wie sieht es bei Engel aus?

Herr Dr. Steger, für das Geschäftsjahr 2018/19, das am 31. März endete, konnten Sie noch eine sechsprozentige Umsatzsteigerung auf 1,6 Milliarden Euro während der Chinaplas vermelden. Mit welchem Umsatz rechnen Sie im laufenden Geschäftsjahr?
Dr. Christoph Steger: Die Rückgänge der Marktvolumina in den letzten Monaten sind drastisch, und dies weltweit. Über alle Regionen hinweg muss die Branche im Auftragseingang Rückgänge von 30 Prozent und mehr hinnehmen. Besonders deutlich sind die Einbrüche in Zentral- und Osteuropa. Die Zielbranchen verhalten sich dabei uneinheitlich: Während die Automobilindustrie am stärksten betroffen ist, sind wir aktuell im Bereich technischer Spritzguss im Plan und sehen in der Medizintechnik weiteres Wachstum. Die Verpackungsbranche bewegt sich noch seitwärts, gerät allerdings vor allem auch durch die aktuelle Diskussion rund um Plastik nach und nach unter Druck.

Die vorwiegend politischen Ursachen der Abschwächung machen eine Prognose schwierig. Die Auswirkungen der Strafzölle und Sanktionen, der weiterhin unklare Brexit sowie die Debatte um Dieselgrenzwerte und -fahrverbote führen weltweit zu Verunsicherungen und einem zögerlichen Kaufverhalten der Konsumenten und in der Folge der Industrieentscheider. Inwieweit die sich neu eröffnenden Marktchancen, die sich unter anderem aus der Digitalisierung, dem Umbruch in der Automobilindustrie und dem Aufbau einer Kreislaufwirtschaft ergeben, der Abwärtsentwicklung zumindest ein Stück weit entgegenwirken, ist aus heutiger Sicht ebenfalls nicht abschätzbar.

Dr. Christoph Steger: „Kurzarbeit ist aus heutiger Sicht für uns kein Thema.“ Foto: K-ZEITUNG/Krumbholz

Lassen Sie uns für eine konkretere Prognose den Verlauf der K abwarten. Sie ist ein wichtiger Indikator für die weitere Entwicklung im zweiten Halbjahr des Geschäftsjahres 2019/20. Eines kann man aber schon aus heutiger Sicht relativ klar sagen: Der vom VDMA prognostizierte Umsatzrückgang von zehn Prozent wird für die Spritzgießmaschinenbauer ein kaum erreichbares Ziel sein. Tendenziell ist in unserer Branche von einem Umsatzrückgang von 15 Prozent und mehr auszugehen, und dies auch nur, weil die Auftragsstände zu Jahresbeginn noch auf einem gewissen Niveau waren.

Was die Maßnahmen bei uns in der Unternehmensgruppe betrifft, ist es uns sehr wichtig, maßvoll vorzugehen und für jeden Standort individuell, bedarfsbezogen zu entscheiden. Oberstes Ziel ist es, den zukünftigen Erfolg von Engel abzusichern, wenn die Märkte wieder anziehen. Um uns hierfür in Zeiten einer Abschwächung Spielraum zu geben, haben wir vor zehn Jahren gemeinsam mit der Belegschaftsvertretung Vorsorgemaßnahmen definiert und umgesetzt.

So gibt es ein spezielles Vorsorgekonto, auf das wir im Rahmen eines mehrstufigen Plans zum Abbau von Zeit- und Urlaubskonten zurückgreifen können. In den österreichischen Werken haben wir damit begonnen, die genau für schwächere Zeiten aufgebauten Zeitkonten abzubauen, wobei dies aufgrund der aktuell durchaus noch guten Auslastung nur bestimmte Bereiche betrifft. Bislang greifen die Maßnahmen sehr gut. Kurzarbeit ist aus heutiger Sicht für uns kein Thema.

Zum erneuten Umsatzwachstum haben vor allem das deutschsprachige Europa mit 54 Prozent und Asien mit 21 Prozent beigetragen. Wie sieht es derzeit im deutschsprachigen Europa und vor allem in China aus?
Es sind von der Abschwächung aktuell alle Regionen betroffen. Den deutschsprachigen Raum hat es im ersten Halbjahr besonders hart getroffen, vor allem durch die schwächelnde Automobilindustrie. Nachfragerückgänge von über 40 Prozent gelten als durchaus realistisch. Auch China mit einem ebenso hohen Anteil der Automobilindustrie blieb nicht verschont. Auch hier liegt der Rückgang deutlich im zweistelligen Prozentbereich, wobei sich die Zielbranchen hier ähnlich unterschiedlich verhalten wie weltweit.

In den Bereichen Packaging und Medical profitieren wir in Asien aktuell von unserer neuen Vertriebsstruktur. Mit der Einführung der Business-Unit-Struktur haben wir vor Ort verstärkt Know-how aufgebaut, was gerade in den regulierten Branchen Vertrauen schafft. Wir haben in Asien in Packaging und Medical neue Kunden hinzugewonnen.

Nach wie vor sieht sich Engel als Vorreiter bei der Digitalisierung und Vernetzung von Spritzgießprozessen. Das soll die K einmal mehr beweisen. Angesichts der allgemeinen Verunsicherung der Branche: Bleibt das Thema jetzt beim Verarbeiter weiter auf seiner Prioritätenliste?
Ja, auf alle Fälle, weil der Benefit in immer mehr Bereichen sichtbar wird. Wenn unsere Kunden sehen, dass sie durch die Digitalisierung tatsächlich flexibler und effizienter werden und noch dazu eine höhere Qualität erzielen, dann sind sie offen, mit uns neue Wege zu gehen. Die Stückkosten und insgesamt die Produktionskosten sind mit den Themen Flexibilität, Effizienz und Qualität eng verknüpft. Deshalb helfen schon kleine Industrie-4.0-Projekte, Kosten einzusparen, was in der Regel für einen schnellen ROI sorgt.

Ganz wichtig ist, dass die Digitalisierung nicht um ihrer selbst willen betrieben wird. Der Kundennutzen sollte immer im Vordergrund stehen. Nur so lässt sich ein teures Overengineering vermeiden. Unsere oberste Prämisse lautet deshalb, dem Kunden zuzuhören und die Inject 4.0 Techno­logien im Detail auf die Anforderungen zuzuschneiden. Der modulare Aufbau der einzelnen Inject 4.0 Lösungen stellt dabei sicher, dass wir sowohl die Bedürfnisse der klassischen KMUs als auch der global tätigen Unternehmen mit Produktionsstandorten auf mehreren Kontinenten treffen.

Die Automobilindustrie schwächelt weltweit. Die Produktionsrückgänge werden langsam beängstigend. Engel und auch weitere Mitbewerber sind von dieser Flaute hart betroffen. Für die K‑Maschinenbauer sind die Entwicklungen in Richtung Elektromobilität nach wie vor interessant. Hier verfügt Engel bereits über ein Technologiezentrum für Leichtbau-Composites. China hat auch in Sachen Elektromobilität die Nase vorn. Sie haben mit dem Organomelt-Verfahren bereits erste Großprojekte mit der Automobilindustrie und Zulieferern realisiert. Für Engel ist und bleibt die Elektromobilität Innovations- und Wachstumstreiber. Was haben die Schwertberger noch in petto, um weitere Verluste im Automobilgeschäft abzufedern?
Auch wenn wir den aktuellen Rückgang der Automobilproduktion leider nicht beeinflussen können.

Die Automobilbranche ist im Umbruch: Neben der Elektromobilität sind es vor allem die Trends zum autonomen Fahren und zum Carsharing, die die Anforderungen an das Automobil grundlegend verändern und für den Spritzguss per se große Chancen für die Zukunft eröffnen.

Die Karosserie und der Innenraum, aber auch die Bereiche Glazing und Lighting werden völlig neu gedacht, was zugleich die Anforderungen an die Fahrzeugherstellung massiv verändert. Es entstehen neue Anwendungen, die zum Teil ganz neue Technologien erfordern. Engel ist für diesen Trend sehr gut gerüstet. Ich denke hier zum Beispiel an die Technologien Foilmelt und Clearmelt für hochwertige, funktionale Oberflächen, aber auch die Herstellung von Scheinwerferlinsen und LEDs.

Insgesamt wird der Anteil an Kunststoffen im Fahrzeug weiter zunehmen. Kunststoffe sind per se Leichtbauwerkstoffe, und das Spritzgießen ist die ideale Technologie, Leichtbau mit Funktionsintegration und einer hohen Kosteneffizienz in der Großserie zu verbinden. Die Kreislaufwirtschaft kommt als weiterer Innovationstreiber hinzu, was aktuell im Compositeleichtbau deutlich spürbar ist. Um auch Faserkunststoffverbundbauteile am Ende der Fahrzeuglebensdauer wieder in den Stoffkreislauf zurückführen zu können, rücken durchgehend thermoplastische Lösungen zunehmend in den Fokus.

Mit der Organomelt-Technologie bieten wir hierfür eine bereits in der automobilen Serie bewährte Lösung an. Wir investieren weiter stark in die Entwicklung in diesem Bereich. Ein Schwerpunkt dabei ist die lastgerechte Auslegung von Compositebauteilen.

Das Investitionsprogramm 2020, das größte in der Geschichte von Engel, ist mit 375 Millionen Euro jetzt schon fast abgeschlossen. Unter anderem haben Sie auch eine Menge in Kundentechnika investiert, zuletzt in Schwertberg. Sind das auch die Investitionen, die Ihnen jetzt in der Krise helfen? Klar steigt nicht zuletzt im Zuge der zunehmenden Digitalisierung der Beratungsbedarf oder helfen Ihnen jetzt auch mehr die zusätzlichen Kapazitäten für Kundenversuche und aktuelle Entwicklungen?Beides ist der Fall. Die Digitalisierung und Vernetzung entwickeln sich mit starker Dynamik, was sich in unserer Entwicklungspipeline widerspiegelt. Digital Solutions ist auf unserem K‑Messestand der Bereich mit den meisten Innovationen, die wir auf der K 2019 erstmalig präsentieren. Dabei sind gerade diese Themen sehr abstrakt und deshalb anhand von realen Anwendungen am besten zu vermitteln.

Genau hierfür bieten uns unsere Technika ungeheure Möglichkeiten. Mit 1.700 Quadratmetern Maschinenstellfläche ist das neue Technikum in Schwertberg ein kunststoffverarbeitender Betrieb für sich und dabei einer der weltweit modernsten. Es ist mit den Technika an den anderen Standorten vernetzt. Aus allen drei Bereichen – Smart Machine, Smart Service und Smart Production – sind dort alle Inject 4.0 Produkte installiert und real erlebbar.

Ein wichtiger Aspekt ist außerdem, dass wir selbst der First User aller neu entwickelten Inject 4.0 Technologien sind. Die Erfahrungen, die wir bei uns im Technikum sammeln, können wir direkt an unsere Kunden weitergeben. Umgekehrt fließt das Feedback unserer Kunden unmittelbar zurück in die Entwicklung.

In Deutschland will die Bundesregierung Plastiktüten aus Supermärkten und Kaufhäusern verbannen. Auch „biobasierte“ und „bioabbaubare“ sollen im Einzelhandel ab der ersten Jahreshälfte 2020 verboten sein. Händlern drohe bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 100.000 Euro. Wie hart trifft Engel als führender innovativer Kunststoffmaschinenbauer der täglich zunehmende Imageverlust von Kunststoffen?
Auf das Geschäft von Engel haben die neuen Gesetze bislang wenig Einfluss. Dennoch sehen wir die Entwicklung mit großer Sorge, vor allem, weil die neuen Gesetze nicht in jedem Fall zu mehr Nachhaltigkeit führen. Eine Abkehr von polymeren Werkstoffen bewirkt gerade bei Verpackungen oft eine schlechtere CO₂-Bilanz und damit genau das Gegenteil dessen, was eigentlich angestrebt wird.

Hier wünschen wir uns von der Politik eine differenziertere Sicht und keine weitere Verunsicherung der Verbraucher.

Vielmehr gilt es, die Menschen besser zu informieren und gleichzeitig die Recyclingkapazitäten aufzustocken. Eine Welt ohne Kunststoffe kann und wird es nicht geben.

Vielmehr sind die polymeren Werkstoffe vielfach der Schlüssel zum Lösen einiger der großen Herausforderungen unserer Zeit, und auch deshalb können wir es uns nicht leisten, gut ausgebildete Ingenieure und Facharbeiter an andere Branchen zu verlieren.

Gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern setzen wir uns dafür ein, dass die Menschen weltweit verantwortungsvoll mit Kunststoffen umgehen können. Zum Ausdruck kommt dies unter anderem im News Plastics Economy Global Commitment der Ellen MacArthur Foundation, das wir als einer der ersten Kunststoffmaschinenbauer im Frühjahr dieses Jahres unterzeichnet haben. Die enge Zusammenarbeit der Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist eine wichtige Voraussetzung, hier schnell etwas bewegen zu können. Aber auch jedes einzelne Unternehmen kann und muss einen Beitrag leisten. Als Spritzgießmaschinenbauer und Systemlöser fokussieren wir zum Beispiel die Themen Rezyklatverarbeitung, Prozessstabilität und Design for Recycling. Mit fünf Exponaten zeigen wir auf der K, was hier heute bereits möglich ist.

roe

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