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Julia Große-Wilde: Kunststoff braucht besseres Image

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Julia Große-Wilde, Geschäftsführerin des GKV. Foto: GKV

Im Exklusiv-Interview erklärt die neue GKV-Geschäftsführerin Julia Große-Wilde ihre Ziele und Prioritäten – darunter auch ein besseres Image für Kunststoff.

Die erfahrene Verbandsmanagerin und Volljuristin Julia Große-Wilde ist mit großen Zielen als neue Geschäftsführerin des Gesamtverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie GKV angetreten, darunter ein besseres Image für Kunststoffe und ein enger Kontakt zu den Entscheidern in der Politik.

Große-Wilde: Der GKV als Gesamtverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie vertritt eine Branche, die in Deutschland eine enorme Wichtigkeit und Größe hat. Kunststoff mit seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeit ist aus keinem Bereich des alltäglichen Lebens wegzudenken und trotzdem hat der Kunststoff ein Imageproblem. Gerade in den letzten Jahren hat sich im Bewusstsein unserer Gesellschaft sehr viel verändert und die Menschen nehmen sensibler wahr, dass es Probleme beim Klimaschutz gibt, dass die Erderwärmung und Naturkatastrophen zunehmen. Dadurch hat sich in der Gesellschaft etwas bewegt und vielen ist klar geworden, dass ein struktureller Wandel notwendig ist.
Dazu kommen Bewegungen wie Fridays for Future, die medienwirksam sehr aktiv sind und die mit ihrer Art der Meinungsbildung viele Menschen erreicht haben. Die Kunststoff verarbeitende Industrie nimmt die teilweise sehr emotional geführte Debatte über Kunststoffabfälle und Mikrokunststoffe in der Umwelt in Medien und Öffentlichkeit sehr ernst und sieht sich als aktiver Partner bei der Lösung der globalen Probleme. Es ist jedoch schwierig, Argumenten, die an Bauchgefühl und Emotionen der Öffentlichkeit appellieren, mit detaillierten Sachinformationen etwas entgegen zu setzen und mit Zahlen und technischen Details für Verständnis für unsere Branche zu werben.
Dieses Problem kenne ich aus meiner Zeit bei der Zeitarbeit sehr gut. Hier wurde auch viel mit eingängigen Formulierungen und Emotionen gearbeitet und es war deshalb sehr schwer zu vermitteln, dass die Zeitarbeit tariflich so gut abgesichert ist wie kaum eine andere Branche.

Große-Wilde: Ich sehe das als eine von vielen wichtigen Aufgaben, denn der GKV sieht seine Aufgaben in der wirtschaftspolitischen Interessenvertretung der Branche in Deutschland und Europa und bildet ebenso eine Plattform für Branchenkommunikation und Erfahrungsaustausch. Er kooperiert mit Forschung und Wissenschaft und setzt sich für die Förderung der Berufsausbildung ein. Als Gesamtverband ist er ebenso verantwortlich für die Mitgestaltung und Ausrichtung der politischen Rahmenbedingungen und verleiht den Trägerverbänden des GKV, die in Frankfurt und Stuttgart angesiedelt sind, eine Stimme in Berlin. So können die  Interessen gebündelt im politischen Berlin in den entsprechenden Fachgremien vertreten werden und auch Allianzen mit anderen Fachverbänden eingegangen werden, um das Stimmgewicht zu erhöhen und die Positionen der Kunststoff verarbeitenden Industrie so an die Entscheidungsträger herangetragen werden, dass sie dann auch bei den maßgeblichen Gesetzgebungsverfahren berücksichtigt werden.

Kunststoff in Wahlprogrammen und Koalitionsvertrag richtig positionieren

Große-Wilde: Ja, sicherlich ist es eine verantwortungsvolle Aufgabe, die vor mir liegt. Wir sind jetzt in einem entscheidenden Jahr, denn im September steht die Bundestagswahl an und deshalb müssen selbstverständlich ganz weit oben auf der Prioritätenliste die  Fragen stehen: Wie richten sich die Parteien aus? Wie wird der Wahlkampf ausgerichtet sein? Mit welcher neuen Regierungszusammensetzung muss man rechnen? Und es wird jetzt früh darum gehen, dass das richtige Bewusstsein für unsere Branche schon bei der Erstellung der Wahlprogramme einfließt.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die politischen Parteien ihre Wahlprogramme frühzeitig erarbeiten und an diesen Inhalten auch nach der Wahl festhalten, insbesondere wenn es um die Ausgestaltung des Koalitionsvertrages geht. Dieser hat in den letzten Wahlperioden immer mehr Bedeutung im Sinne einer  Vorfestlegung für die Legislativarbeit für die gesamte Wahlperiode gewonnen, auf die bei der konkreten Ausgestaltung von Gesetzen verwiesen wurde.
Häufig wurde in kontroversen Debatten darauf verwiesen, dass im Koalitionsvertrag bereits eine Entscheidung getroffen wurde und Abweichungen daher nicht mehr möglich seien.
Deshalb sind für mich die Wahrnehmung der Kunststoffe in der Öffentlichkeit und die Vorbereitung der Positionierung der Kunststoffindustrie in den Monaten vor dem Bundestagswahlkampf zwei der wichtigen Herausforderungen, die jetzt anstehen.

Große-Wilde: Ich sehe mit großem Optimismus in die Zukunft. Aber ich weiß auch, dass es Zeit braucht, um die Wahrnehmung der Kunststoffbranche in der Öffentlichkeit nachhaltig zu verbessern. Es ist bereits erforscht, dass es um ein Vielfaches länger braucht, um gute mediale Resonanz für ein Thema zu erwirken und einer einzigen schlechten Nachricht entgegenzuwirken, die sich einmal bildlich in den Köpfen von Zuschauern bzw. Zuhörern festgesetzt hat. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit muss daher auf lange Sicht und sehr breit angelegt sein, um trotz einer Meldung wie beispielsweise dem Fund von Kunststoffteilen im Magen eines Wals sicher zu stellen, dass der Wertstoff Kunststoff die Wertschätzung erfährt, die er verdient.

Trendwende zur Kreislaufwirtschaft realisieren

Große-Wilde: Die Kunststoffverarbeiter sind durch die Corona-Krise – so schlimm sie auch ist – in der Lage zu zeigen, was die Kunststoffindustrie genau in diesem Bereich an positiven Dingen leistet. Ob das die Kühlbehälter für die Impfstoffe sind, die Schutzschilde in den Geschäften, die Gesichtsvisiere und die Schutzmasken – all dies und noch viel mehr besteht aus Kunststoff. Und es ist für uns eine große Chance, der Bevölkerung zu vermitteln, wie vielfältig Kunststoffe einsetzbar und bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht wegzudenken sind.
Darüber hinaus muss es langfristig das Ziel der Kunststoffbranche sein, eine Trendwende von einer überwiegend linearen Wirtschaft zu einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft zu realisieren. Die Kreislaufführung von Rohstoffen ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Phasen des Lebenszyklus von Kunststoff umfasst und damit maßgeblich zum Klimaschutz beiträgt. Das Zusammenspiel von Abfallvermeidung, Wiederverwendung und Recycling muss die Richtschnur für einen möglichst schonenden und zugleich effizienten Umgang mit Ressourcen sein und dies muss die Botschaft sein, die wir senden.

Große-Wilde: Europa muss bei der Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen entschlossener als bisher vorangehen und weltweit Vorbildfunktion übernehmen. Die Kunststoff verarbeitenden Industrie Deutschlands erwartet, dass die EU sich konsequenter dafür einsetzt, dass das Ziel einer konsequenten Beendung der Deponierung heizwerter Abfälle in sämtlichen EU-Staaten durchgesetzt wird.

Julia Große-Wilde: Kunststoff ein besseres Image geben

Große-Wilde: Das ist auf jeden Fall die Öffentlichkeitsarbeit, mit der wir mit vereinten Kräften die Wahrnehmung von Kunststoff in der Öffentlichkeit verbessern wollen. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg, um dem Kunststoff als Wertstoff ein besseres Image zu geben. Ich möchte jetzt aber noch nicht zu viel verraten.

Das Interview führte Günter Kögel

Zur Person: Julia Große-Wilde

Nach Abschluss der Ausbildung zur Volljuristin hat Julia Große-Wilde nach einer Tätigkeit als Leiterin der Rechtsabteilung beim Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband als persönliche Referentin von Friedrich Merz, MdB, die internen legislativen Abläufe des Deutschen Bundestags und insbesondere die Rechtsausschussarbeit kennengelernt.
Es folgten sechs Jahre als Interessenvertreterin der Robert Bosch GmbH, bei der sie den Bereich der deutschen Standortbedingungen verantwortet hat und in den Bereichen Arbeit, Recht und Soziales die Unternehmenspositionen des Großunternehmens in die nationale und europäische Politik eingebracht hat.
Weitere sechs Jahre war Große-Wilde als stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister in der Branche der Zeitarbeit tätig. Zu ihren Aufgaben zählten Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt und die Ausgestaltung der Tarifpolitik, die wirtschaftliche Ausrichtung des Verbandes sowie die Interessenvertretung eines Verbandes, der sich mit der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit schwer tut.