Inbetriebnahme im Homeoffice – dank digitaler Services

So funktionieren digitale Services: Das Huf-Team in Arad haben nach jeder Parameteränderung die Teile inspiziert und zu den Kollegen nach Velbert sowie zur Engel-Anwendungstechnik in Österreich berichtet. Foto: Huf Hülsbeck & Fürst

Bei Huf Hülsbeck & Fürst in Rumänien haben digitale Services von Engel den Produktionsstart für Lagerbügel für die Mercedes-Benz C-Klasse beschleunigt.

Die digitalen Services sorgten für Erleichterung beim Injection Moulding Team, denn ein neues Design für die Lagerbügel hatte die Mitarbeiter ins Schwitzen gebracht. Ein Routineprojekt für den Spezialisten für Fahrzeugschließsysteme mit Stammsitz im nordrhein-westfälischen Velbert, so schien es – eine Weile lang. Doch plötzlich gab es immer weniger Flüge von Deutschland nach China und schließlich brachten die Ausbreitung von Covid-19 und die verhängten Reiserestriktionen die Planung vollends zum Erliegen. Drei neue Werkzeuge galt es in China abzumustern und in Rumänien in Betrieb zu nehmen. Das tägliche Geschäft von Dirk Horn und seinem Team, die Prozessspezialisten für das Injection Moulding Business in der internationalen Huf Gruppe. „Wir reisen den Werkzeugen hinterher“, erklärt Horn. „Es gibt Zeiten, da verbringen wir mehr als 50 Prozent unserer Arbeitszeit im Flugzeug.“

Yantai an der chinesischen Ostküste ist Sitz von Yantai Huf Tools, dem hauseigenen Werkzeugbau der Unternehmensgruppe. Die drei neuen Werkzeuge waren für den Produktionsstandort Arad in Rumänien bestimmt, wo Huf die Lagerbügelproduktion für Gesamteuropa bündelt. Die Lagerbügel sitzen in der Türlaibung des Pkw und dienen der Befestigung der Türgriffe. Sie sind Teil einer komplexen Baugruppe, bestehend aus 40 Einzelkomponenten, die Huf vollständig montiert unter anderem an Mercedes-Benz ausliefert. Für viele Fahrzeugmodelle ist Huf der Alleinlieferant.

Dirk Horn, Huf Hülsbeck & Fürst: „Wir haben das Angebot von Engel sofort angenommen, vor allem weil ich weiß, welche hohe Qualität Engel im Service und in der Anwendungstechnik bietet.“ Foto: Huf Hülsbeck & Fürst

„Wir sind in Rumänien am Boomen“, berichtet Horn. Erst im vergangenen Jahr wurde in Arad eine neue, zusätzliche Produktionshalle eingeweiht. Der Maschinenpark und mit ihm das Team vor Ort wachsen. Eine nagelneue E-Victory 400 Spritzgießmaschine von Engel stand für die neuen Werkzeuge schon bereit – inklusive Mucell-Technologiepaket, denn die Lagerbügel werden mit Hilfe der physikalischen Schäumtechnologie aus Polyamid produziert. Die Maschinenbediener in Arad sind auf Mucell-Prozesse spezialisiert. Außer der neuen E-Victory 400 umfasst der Maschinenpark in Arad sowie an anderen Produktionsstandorten der Huf Gruppe zahlreiche Mucell-Maschinen von Engel, die für Lagerbügel und weitere Leichtbauteile Einsatz finden. Eine hohe Prozesskonstanz und Anlagenverfügbarkeit sind die zentralen Anforderungen, weshalb der Automobilzulieferer seit vielen Jahren auf Engel Spritzgießmaschinen setzt.

Serienprozess dank digitaler Services in nur einer Woche gestartet

Trotz der hochspezialisierten Teams in China und Rumänien stellte das jüngste Lagerbügelprojekt eine besondere Herausforderung dar. Denn das Inbetriebnahme-Know-how wiederum liegt bei Horn und seinem Team in Deutschland. Sie bemustern und qualifizieren die Werkzeuge vor Ort in Yantai und geben sie für den Transport zum Produktionsstandort frei. Dort angekommen begleiten sie auch die Inbetriebnahme und starten den Serienprozess.

Die Lagerbügel sitzen in der Türlaibung des Pkw und dienen der Befestigung der Türgriffe. Sie sind Teil einer komplexen Baugruppe, bestehend aus 40 Einzelkomponenten. Foto: Engel

Covid-19 brachte dieses etablierte Prozedere zum Kippen. Binnen kürzester Zeit musste ein Notfallplan her. Als langjähriger Partner bot Engel spontan seine volle Unterstützung an. „Es gibt Zulieferer, und es gibt Partner. Bei Engel sehe ich ganz klar unsere Partnerschaft“, sagt Horn. „Wir haben das Angebot sofort angenommen, vor allem weil ich weiß, welche hohe Qualität Engel im Service und in der Anwendungstechnik bietet.“

So wurden die drei neuen Werkzeuge kurzerhand ohne Bemusterung nach Rumänien geschickt, wo die Inbetriebnahme inklusive der Qualifizierung erstmalig ohne die Vor-Ort-Unterstützung der Kollegen aus Velbert gemeistert werden musste. Allein gelassen war das Produktionsteam in Arad aber nicht. „Die Einrichter vor Ort sind mit aufgeklapptem Laptop durch die Halle gelaufen, haben mittels Video gezeigt, worum es gerade geht, wo noch Herausforderungen zu lösen sind und wie die frisch gespritzten Bauteile aussehen“, berichtet Christian Muthenthaler, Hotline-Anwendungstechniker bei Engel am Stammsitz im österreichischen Schwertberg. Als dritter im Bunde schaltete sich Horn aus Velbert zu.

Über das Fernwartungstool E-Connect 24 von Engel konnten sowohl Muthenthaler als auch Horn sämtliche Maschinenparameter in Echtzeit verfolgen, Anweisungen geben oder direkt aus der Ferne die Maschine steuern. Über drei Standorte hinweg wurde auf diese Weise der Prozess nicht nur angefahren, sondern auch optimiert – und das für alle drei Werkzeuge innerhalb von nur einer Woche. Denn schon dann wollte Mercedes-Benz Gutteile sehen. „Den Termin zu verschieben, war zu keiner Zeit eine Option“, so Horn.

Online-Support für die Prozessoptimierung

Fernwartung und Online-Support waren für Huf schon lange vor der Corona-Pandemie ein Thema. Seit vielen Jahren sind alle Engel-Spritzgießmaschinen in der Huf Gruppe über E-Connect 24 vernetzt. Das Tool wird für den Support durch Engel genutzt, aber auch, damit sich die Mitarbeiter an den weltweiten Produktionsstandorten gegenseitig unterstützen können. Diese Erfahrungen vereinfachten den ansonsten unvorbereiteten Wechsel der gewohnten Arbeitsweise. Hinzu kam das sehr gute Teamwork zwischen Engel und Huf. „Wir waren schon nach wenigen Stunden ein eingespieltes Team“, so Muthenthaler. „Die Zusammenarbeit hat perfekt funktioniert. Die Huf-Kollegen in Arad haben nach jeder Parameteränderung die Teile inspiziert. Darauf ist man als Fernwartender angewiesen, dass vor Ort jemand die Teile korrekt bewerten kann. Gratbildung zum Beispiel war zu Beginn ein Thema. Das haben wir durch das Anpassen der Einspritzkurve schnell in den Griff bekommen.“

„Dass das online insgesamt so gut funktioniert, hat uns selbst überrascht“, sagt Horn. In Velbert stand Tag und Nacht ein Firmenwagen bereit für den Fall, dass trotz aller Einschränkungen im Notfall jemand hätte nach Rumänien fahren können. Er wurde nicht gebraucht. Alle drei Werkzeuge wurden fristgerecht angefahren, und Mercedes-Benz war mit den Teilen zufrieden. Die Lagerbügel im neuen Design laufen jetzt in Serie.

Prozesswissen vor Ort aufbauen

Obwohl aus der Not geboren, führte der virtuelle Prozess zu einer neuen Struktur im Bereich Spritzgießtechnik bei Huf. „Zukünftig werden wir die Möglichkeiten virtueller Tools noch stärker nutzen und noch effizienter sein, weil wir weniger Zeit auf Reisen verbringen“, sagt Horn, der inzwischen die neu gegründete Abteilung Industrial Engineering leitet. In seiner Verantwortung liegt es, dezentral an allen Produktionsstandorten in Europa, Amerika und Asien Prozess-Know-how aufzubauen.

„Wir sind dabei, an jedem Produktionsstandort einen eigenen Process Engineer einzustellen“, sagt Horn. 20 Stellen wurden bislang neu geschaffen, und auch Arad hat jetzt seinen eigenen Process Engineer. „Mit dem Prozesswissen vor Ort können wir bei Bemusterungen jetzt noch einfacher von Velbert aus supporten.“ Für die standortübergreifende Zusammenarbeit werden darüber hinaus neue Technologien evaluiert. Datenbrillen beispielsweise befinden sich in der Testphase.

Auf Reisen verzichten wird Horn aber auch auf lange Sicht nicht. „Es ist wichtig, dass man sich regelmäßig persönlich sieht. Erst das formt die Teams und nur so kann das virtuelle Teamwork sehr gut funktionieren.“ Sobald das Reisen wieder ohne Einschränkungen möglich ist, stehen Antrittsbesuche bei den neuen Process Engineers auf dem Programm. Zum Kennenlernen, aber auch fürs Training mit den neuen digitalen Servicetools.

Blick von außen öffnet neue Türen

Nach den sehr guten Erfahrungen im Lagerbügelprojekt möchte Horn digitale Services von Engel auch in Zukunft noch stärker nutzen. „Ich sehe da viel Potenzial“, so Horn. „Wir haben ja nicht nur Steckenpferde, die wir in und auswendig kennen, sondern auch andere Produkte. Gerade für diese Teile stelle ich mir den Blick von außen spannend vor.“ Sehr gut geeignet wäre dafür der Prozessoptimierungsservice Performance-Boost. Er kombiniert das fundierte Produktverständnis der Verarbeiter mit der detaillierten Fachkenntnis der Spritzgießmaschine, die die Engel-Techniker mitbringen, um auch die feinsten Optimierungspotenziale aufzuspüren.

Susanne Zinckgraf, Manager Public Relations, Engel