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Geschlossene Lieferketten für Schutzkleidung in Europa

Europa braucht dringend eine strategische Produktionsreserve für medizinische Schutzkleidung. Foto: Pxhere

Die Corona-Pandemie hat die Grenzen der globalisierten Wirtschaft aufgezeigt und klar gemacht: Europa braucht eigene, geschlossene Lieferketten für Schutzkleidung.

Nachdem die Corona-Pandemie zu einem dramatischen Mangel an Schutzmasken und anderer Schutzkleidung geführt hat, haben viele Unternehmen der Kunststoffbranche die Initiative ergriffen und in kürzester Zeit Lösungen umgesetzt, um so schnell wie möglich die die medizinischen Einrichtungen und Pflegedienste in Deutschland mit der dringend benötigen Schutzkleidung zu versorgen.

Notproduktion für medizinische Einrichtungen und Pflegedienste läuft

An vorderster Front dabei war der Kunststoffmaschinenhersteller Reifenhäuser, der alle Versuche und Entwicklungen in seinem Technikum gestoppt hat und seitdem rund um die Uhr das dringend benötigte Meltblown-Vlies für hochwertige Schutzmasken produziert. Anfangs mangels deutscher Abnehmer für ein Unternehmen in Vietnam, inzwischen aber nur noch für Hersteller von Masken, die medizinische Einrichtungen und Pflegedienste im deutschen Markt beliefern. Weiterhin geht Material an öffentliche oder karitative Initiativen, die in manueller Arbeitsweise Gesichtsmasken für Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegedienste herstellen.

Mittlerweile übersteigt die Nachfrage nach dem Material die Produktionsmenge aus dem Technikum um ein Vielfaches. Dr. Bernd Kunze, Geschäftsführer der Reifenhäuser Reicofil, erklärt die Entwicklung so: „Innerhalb der letzten zwei Wochen haben sich viele Initiativen gegründet, die Masken in Handarbeit nähen. So sind innerhalb kürzester Zeit zumindest kleine Produktionskapazitäten in Deutschland entstanden, die nun beliefert werden wollen. Wir haben aus den vielen Anfragen sehr bewusst die Initiativen ausgewählt, die effizient arbeiten und Masken schnell und zuverlässig zuerst dort hin liefern, wo sie am dringendsten benötigt werden.“

Europa braucht eigene, industrielle Produktion von Schutzkleidung

Für Reifenhäuser bleibt die Abgabe an manuelle Fertiger dennoch nur ein Teilerfolg. So überwältigend das große Engagement auch sei – die so produzierten Mengen seien angesichts des Gesamtbedarfs für medizinische Schutzkleidung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn auch die Bevölkerung flächendeckend mit Masken versorgt werden soll, stiege der Bedarf in die Milliarden. Zur eigentlichen Lösung des Problems brauche es deshalb in Deutschland und Europa eigene industrielle Produktionsstandorte mit geschlossenen europäischen Lieferketten sowie ein entschlossenes Handeln der Politik. Ziel müsse es sein, Europa jetzt und auch langfristig selbstständig und wettbewerbsfähig mit Schutzmaterial zu versorgen.

Bernd Reifenhäuser, CEO der Reifenhäuser Gruppe, sagt: „Wir brauchen eine strategische Produktionsreserve für medizinische Schutzkleidung in Europa. Wir müssen die Maschinenkapazität zur industriellen Fertigung von Masken in hoher Stückzahl schnell aufbauen, gleichzeitig müssen aber auch die entsprechenden Kapazitäten zur Produktion des dafür nötigen, hochwertigen Vliesstoffes in Europa entstehen. Sonst bleibt unsere Abhängigkeit an einer entscheidenden Stelle der Lieferkette bestehen. Andere Nationen haben das teilweise deutlich früher erkannt und bereits Anlagen geordert.“

Politik muss Investitionen der Industrie absichern

Um den Prozess auch in Deutschland zu beschleunigen, hat die Politik ein Programm aufgesetzt, mit dem die Investitionen der Industrie durch Abnahme- und Preiszusagen abgesichert werden sollen. Diese Zusage soll zunächst bis Ende 2021 gelten. Reifenhäuser bewertet die Maßnahme als wichtig und richtig, sieht allerdings auch noch Bedarf zur Feinjustierung.

Bernd Reifenhäuser sagt: „Die Laufzeit des Programms sollte aus unserer Sicht verlängert werden. Bis Ende 2021 werden sich hochwertige Maschinen nicht amortisiert haben, die wir zur Sicherstellung der Qualität und zur langfristigen internationalen Wettbewerbsfähigkeit benötigen. Hilfreich wäre zudem eine ergänzende Aussage zum Gesamtjahresbedarf für Schutzkleidung, ähnlich wie Macron sie für Frankreich bereits getätigt hat. Wir sollten mögliche Synergien in Europa unbedingt nutzen. Alle Kerntechnologien und das Know-how zur gemeinsamen Lösung des Problems sind in Europa vorhanden.“

gk

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