Extreme Engpässe bei PBT und Polyamiden

Begehrte Ware: War beim letzten Engpass von Polyamid 6.6 noch der Umstieg Polyamid 6 oder PBT eine Option, sind heute auch diese Alternativen regelrecht ausverkauft. Foto: AdobeStock

Der Kunststoffmarkt ist derzeit völlig überhitzt. Extreme Engpässe gibt es bei PBT und Polyamiden. Wie geht die Branche damit um? Die K-ZEITUNG fragte nach.

Wie gehen Compoundeure und Distributeure mit den aktuellen Engpässen bei der Rohstoffversorgung – insbesondere bei Polyamiden und PBT –  um? Welche ihrer Kunden bekommen die heiß begehrte Ware ‚Kunstsoff` noch?

Die K-ZEITUNG befragte acht Akteure. Drei Personen gaben Antwort: Peter Barlog, Geschäftsführer bei Barlog Plastics (Distribution und Compounding), Daniel Brock, Director Marketing & Sales bei K.D. Feddersen (Distribution) und Alexander Datzinger, Geschäftsführer bei Pexopol (Distribution und Compounding).

Markt bei PBT und Polyamiden völlig überhitzt

Alle anderen Befragten gaben spannende Rückmeldungen, wollten aber nicht namentlich genannt werden. Nur so viel sei gesagt: Bei Masterbatches und Compounds liegen die Lieferzeiten derzeit bei bis zu drei Monaten statt der üblichen zwei Wochen. „Das gab es in dieser Form noch nie“, „der Markt ist völlig überhitzt, über Preise wird gar nicht mehr verhandelt“ und „das habe ich in meinen 30 Berufsjahren noch nicht erlebt“, so die Reaktionen.

Engpässe führen zu Überbestellungen

Die Befürchtung vor weiteren Materialengpässen führe bei den Verarbeitern dazu, die Läger voll zu machen. „Viele ordern oft mehr als sie tatsächlich brauchen, und das zu aberwitzigen Preisen“, hieß es. Auf Nachfrage, ob der Meistbietende die Ware bekommt, betonen alle, an guten langfristigen Beziehungen interessiert zu sein, nicht an einer schnellen Gewinnmaximierung.

Eine grundsätzliche Priorisierung gebe es nicht. Man versuche, bei allen Bestandskunden im gleichen Maße Abschläge bei der geforderten Liefermenge zu machen. Gute, langjährige Kunden würden aber in Einzelfällen bevorzugt.

Doch nun antworten Peter Barlog, Daniel Brock und Alexander Datzinger auf die Fragen, die die Branche derzeit am meisten umtreiben.

Daniel Brock, Director Marketing & Sales, K.D. Feddersen. Foto: K.D. Feddersen

Die Verarbeiter klagen seit Monaten über einen Mangel an Kunststoffen verbunden mit drastischen Preissprüngen. Hat auch Ihr Unternehmen Schwierigkeiten, den Bedarf der Kunden zu decken?

Daniel Brock: Ja, auch wir kämpfen mit der eingeschränkten Versorgung von Kunststoffen und können den teilweise deutlich gestiegenen Bedarf unserer Kunden, nicht immer zu 100 Prozent decken.

Alexander Datzinger: Die aktuelle Nachfrage übersteigt das Angebot um ein Vielfaches. Zudem stellen wir fest, dass für unsere Ausgangsprodukte die Schere zwischen Preis und Qualität weiter aufgeht. Wir versuchen deshalb laufend, neue Rohstoffquellen zu erschließen und zu qualifizieren.

Peter Barlog: Der Rohstoffmangel bei den technischen Kunststoffen dominiert aktuell auch unser Tagesgeschäft. Nach Aussage unserer Kunden stehen wir aber im Vergleich recht gut da. Uns ist es bisher gelungen, größere Produktionsstillstände zu vermeiden. Das ging allerdings nur mit ganz erheblichem Aufwand in Einkauf und Vertrieb und bei manchen Materialklassen bleibt uns auch nichts anderes übrig, als uns die Lieferfähigkeit durch überhöhte Preise zu erkaufen.

Auch uns bleibt nichts anderes übrig, als unsere Lieferfähigkeit durch überhöhte Preise zu erkaufen.

Peter Barlog
Peter Barlog, Geschäftsführer Barlog Plastics. Foto: Barlog

Gibt es in Ihrem Kundenumfeld Akteure, die wegen ausbleibender Material-Lieferungen mit Produktionsausfällen zu kämpfen haben?

Daniel Brock: Bisher konnten wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden und Lieferanten nennenswerte Produktionsausfälle verhindern.

Peter Barlog: Im Bereich der technischen Kunststoffe gibt es kaum noch einen unserer Kunden, der nicht auf die eine oder andere Art mit Lieferausfällen und damit auch Produktionsausfällen zu kämpfen hat.

Alexander Datzinger: Zumeist sind es die Lohnfertiger, die nicht die Materialhoheit über die zu produzierenden Teile besitzen, die die größten Probleme haben.

Welche Kunststofftypen aus Ihrem Portfolio sind derzeit besonders vom Engpass betroffen?

Daniel Brock: Inzwischen ist unser gesamtes Portfolio mehr oder weniger von der Knappheit betroffen.

Peter Barlog: Ganz extrem sind derzeit die Engpässe in der Lieferkette bei PBT und Polyamiden. Aber auch bei POM, PC, ABS, TPEs und Additiven und Füllstoffen, hier besonders Glasfasern, wirkt sich die Knappheit in Form von verlängerten Lieferzeiten, stark steigenden Preisen und Mengenallokationen aus.

Welche Branchen kaufen derzeit den Markt leer nach dem Motto: Koste was es wolle?

Alexander Datzinger, Geschäftsführer Pexopol. Foto: Pexopol

Alexander Datzinger: Aus unsrem Kundenkreis sind es die Hersteller von Weißwaren und anderen Consumer Goods.

Daniel Brock: Einen hohen Bedarf erkennen wir in allen Branchen, die Automobilbranche sticht hier aber besonders heraus.

Peter Barlog: Wir haben den Eindruck, dass besonders die Großkunden der Kunststofferzeuger, die aktuell Force Majeure angemeldet haben, vor der Entscheidung stehen: Umsatzausfall durch Produktionsstillstand oder Spot-Geschäfte zu völlig überhöhten Preisen? Da wählt man dann notgedrungen das kleinere Übel.

Bei welchen Kunststoffen können Sie ggf. Alternativen anbieten? Bspw. ein Ausweichen auf besser verfügbare Kunststoffe oder Recycling-Materialien?

Peter Barlog: Da die Versorgungslage auch bei den Alternativmaterialien angespannt ist, ist der Umstieg auf andere Kunststofftypen kaum möglich. Ein Beispiel: War bei der letzten Knappheit beim Polyamid 6.6. noch der Umstieg PA6 oder PBT eine Option, sind heute auch diese Alternativen regelrecht ausverkauft. Und auch der Recyclingmarkt ist nach unserem Empfinden deutlich knapper als noch vor einem halben Jahr, vor allem bei hochwertigen, sortenreinen Produkten.

Daniel Brock: Mit Polyketon (PK) haben wir ein neues Produkt im Portfolio, welches gut lieferbar ist. Es ist eine gute Alternative für POM, PA oder PBT. Wir bieten auch Recycling-Compounds an, aber die Verknappungen und Verteuerungen sind hier ebenfalls spürbar.

Mit Polyketon haben wir eine gute Alternative für POM, PA oder PBT

Daniel Borck

Alexander Datzinger: Die meisten Anfragen in den letzten Monaten erhielten wir von OEM´s, die sich um Materialalternativen bemühen. Wir versuchen, verfügbare Sekundärrohstoffe so zu modifizieren, dass diese den Anforderungen der Verarbeiter so gut wie möglich entsprechen. Probleme mit dem Einsatz von Alternativprodukten gibt es dort, wo eine gewisse Materialtype vorgeschrieben ist – in diesem Fall ist nicht einmal eine Substitution mit einem vergleichbaren Produkt möglich.

Einige Verbände klagen, dass der Preisanstieg der Rohstoffe teils deutlich geringer sei als bei den daraus erzeugten Kunststoffen? Nutzen Erzeuger und Compoundeure die Situation zum Nachteil der Verarbeiter aus?

Daniel Brock: Diese Klage teilen wir als Distributeur nicht. Die Preiserhöhungen unserer Lieferanten sind massiv und lassen keinen Spielraum für uns zu. Das Verhältnis aus Angebot und Nachfrage ist in dieser Situation ein Treiber, der auch uns trifft.

Peter Barlog: Für uns als Distributeur und Spezialitäten-Compoundeur kann ich sagen, dass wir die teilweise extreme Kostensteigerung auf von uns bezogene Rohwaren, Additive und Füllstoffe in unsere Kalkulationen einfließen lassen und dann an unsere Kunden weitergeben. Mehr nicht. Für uns hat die langfristige Kundenbeziehung einen höheren Stellenwert, als die kurzfristige Gewinnmaximierung. Es mag natürlich Unternehmen und Märkte geben, die das anders sehen.

Alexander Datzinger: Ich halte den Eindruck der Verbände für nicht ganz unbegründet. Am härtesten trifft es momentan vermutlich diejenigen Unternehmen, die sich in der Vergangenheit zumeist am Spot-Markt beim jeweils günstigsten Anbieter eingedeckt haben. Auch wir versuchen mit unseren Kunden, soweit es möglich ist, langfristige Vereinbarungen zu schließen. Speziell in der momentanen Situation ist eine gute Kunden-Lieferantenbeziehung für beide Partner von Vorteil.

Gerade jetzt ist eine gute Kunden-Lieferantenbeziehung für beide Partner von Vorteil

Alexander Datzinger

Peter Barlog: Was aus meiner persönlichen Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt, ist die Tatsache, dass das globale Geschäft mit chemischen Rohstoffen ganz anders tickt, als das der Kunststoffverarbeiter mit ihren Endkunden. Das geht in solchen extremen Marktsituationen dann häufig zu Lasten der mittelständischen Verarbeiter.

Als Grund für die derzeitigen Turbulenzen werden u.a. die vielen Force-Majeure-Meldungen genannt.

Peter Barlog: Natürlich befeuern die Force-Majeure-Meldungen die ohnehin schon angespannte Lage. Ich persönlich halte das aber nicht für die Ursache, sondern für eine Auswirkung der aktuellen Situation. Denn was wir gerade erleben, zeigt auf, wie stark wir von einem Zusammenspiel sehr vieler Zahnräder im großen Getriebe der Weltwirtschaft abhängen. Die Covid-19 Pandemie hatte zunächst für einen regelrechten Stau in den Lieferketten gesorgt, der sich dann unerwartet aufgelöst und damit das ganze System aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
Da spielen viele Faktoren eine Rolle: der in der Pandemie reduzierte Verbrauch an Treibstoffen aus den Raffinerien macht die Basischemikalien für unsere Kunststoffe rar, Containerknappheit sorgt für Stau auf den Transportwegen, Lagerbestände und Produktionskapazitäten waren heruntergefahren. Und dann steigt der Bedarf auf der Abnehmerseite sehr plötzlich, teilweise auf 150 bis 200 Prozent des Vor-Pandemie-Niveaus. Einer unserer Kunden hat das augenzwinkernd so formuliert: „Ich befürchte, Polyamid ist das neue Klopapier“.

Daniel Brock: Wir haben es aktuell mit einer ungewöhnlichen Situation zu tun. Durch die Corona-Pandemie haben alle Akteure ihre Bestände im Jahr 2020 deutlich zurückgefahren, teilweise wurden Anlagenwartungen vorgezogen. Auch bei der Planung für das Jahr 2021 war man eher vorsichtig. Der plötzlich anziehende Bedarf traf folglich auf leere Läger und geringere Produktionsmengen. Die Force-Majeure-Meldungen verschärfen die Situation und machen es schwerer die Lücken zu schließen.

Alexander Datzinger: Die Force-Majeure-Meldungen betreffen mittlerweile nicht nur die Basispolymere, sondern auch Additive und Füllstoffe. Folglich geraten die Hersteller von Compounds und Masterbatches noch mehr unter Druck als die Verarbeiter von Commodities.

Vor allem mittelständische Kunststoffverarbeiter geraten derzeit unter Druck. Wann rechnen Sie mit einem Ende der angespannten Situation in den Lieferketten?

Daniel Brock: Wann eine Entspannung der Situation eintreten könnte, ist für uns aktuell nicht vorhersehbar.

Peter Barlog: Aus den Gesprächen in unserer Lieferkette leiten wir ab, dass die angespannte Situation wohl noch mindestens bis Ende des Jahres anhalten wird. Die Produktionspläne sind je nach Material teilweise bis ins vierte Quartal prall gefüllt. Wenn kein Ereignis eintritt, dass für einen starken Auftragsrückgang sorgt, dürfte sich also im laufenden Jahr nicht mehr viel ändern.

Alexander Datzinger: Bei einigen Additiven entspannt sich die Lage vermutlich sogar erst 2022. Auch werden die Preise bei steigendem Angebot nicht in dem Ausmaß sinken, wie es die Nachfrage zulassen würde.

Die Fragen stellte Matthias Gutbrod