Europäische Recyclingmärkte leiden unter Coronavirus

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Die Besorgnis über die langfristigen Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs auf wichtige europäische Recyclingmärkte hat sich drastisch verschärft.

Die Märkte für recycelte Kunststoffe in Europa geraten unter Druck: Die Rohstoffquellen, die in die Sammelsysteme gelangen, versiegen. Hinzu kommen logistische Störungen, potenzielle Nachfragerückgänge in den Nicht-Verpackungssektoren, der Verzicht der Käufer auf Nachhaltigkeitsmaßnahmen und die Reduzierung der notwendigen langfristigen Investitionen.

Noch Ende letzter Woche beschränkten sich die Bedenken in der Recyclingindustrie nur auf den Verfall der Neuwarenpreise, mit denen das Recyclingmaterial konkurriert, sowie auf einzelne Kundenbeziehungen in Ländern wie Italien.

Das Coronavirus hat einen großen Einfluss auf die Petrochemie gehabt, indem es globale Lieferketten behindert, das Nachfrageverhalten der Verbraucher verändert und zu großen Schwankungen auf den Märkten geführt hat. Gleichzeitig ist sinkt im Zuge des anhaltenden Preiskriegs zwischen Saudi-Arabien und Russland der Preis für Rohöl, was unmittelbar auch auf den Märkten für neue Kunststoffe in ganz Europa zu spüren ist.

Stoffstrom beim Recycling ist gestört

Der Markt für recyceltes Polyethylenterephthalat (R-PET) – dem am weitesten verbreiteten recycelten Kunststoff in Europa – sieht bereits eine Veränderung des Verbraucherverhaltens, insbesondere in Bezug auf die Kaufgewohnheiten und, was noch wichtiger ist, die Recyclinggewohnheiten. "Die Menschen kaufen in Flaschen abgefülltes Wasser und bringen die Flaschen nicht zurück, sondern lagern sie", sagte ein deutscher Recycler. Die Nachfrage nach neuem PET hat in diesem Zuge bereits im März deutlich zugenommen, als die Europäer begannen, Lebensmittel und andere Notwendigkeiten in Panik zu kaufen.

"Einerseits ist es ein regelmäßiger saisonaler Effekt im Februar und März, denn die Leute trinken in der kalten Jahreszeit weniger. Aber auf der anderen Seite hat der Kauf stark zugenommen, so dass die Verbraucher zu Hause Flaschen lagern, und einige sind hierbei auf Glas umgestiegen", fügte der Recycler hinzu.

Verfügbarkeit von Post-Consumer-Flaschen nimmt ab

Quellen in Deutschland, das über eines der etabliertesten Pfandrücknahmesysteme (DRS) in Europa verfügt, wo Verbraucher ihre gebrauchten PET-Flaschen über Rücknahmeautomaten an Orten wie Supermärkten zurückgeben, versiegen langsam. Die Verfügbarkeit von Post-Consumer-Flaschen nimmt deutlich ab.

Dies dürfte sich auch auf die saisonalen Trends im Zusammenhang mit dem Konsum von Flaschengetränken auswirken. Wenn die soziale Distanzierung während des Sommers noch immer in Kraft ist, gehen die Menschen möglicherweise nicht so viel aus, was zu einer geringeren Verfügbarkeit von R-PET führt. Einige sagten, das Coronavirus könne dazu führen, dass sich mehr Menschen dem Wasserhahn zuwenden oder Glasflaschen statt Kunststoffflaschen verwenden.

Reduzierte Sammelraten

Ein ähnlicher Trend mit reduzierten Sammelraten wird in anderen wichtigen Sektoren für recycelte Polymere erwartet, wie z.B. recyceltes Polyethylen (R-PE) und recyceltes Polypropylen (R-PP). "Wir planen, dass in den nächsten Wochen weniger Material in unsere Anlagen gelangt", sagte ein großer französischer Abfallsammler und Wiederaufbereiter.

Reduzierte Sammelraten brauchen normalerweise mehrere Wochen, bis sie auf dem Markt spürbar werden, da es einige Wochen dauert, bis das Material nach dem Verbrauch die Logistikkette durchläuft. Dies bedeutet, dass etwaige Engpässe höchstwahrscheinlich zu Beginn der Sommerhochsaison für R-PET und recycelte Polyolefine (R-PO) zu spüren sein werden.

Die Auswirkungen auf die Nachfrage nach R-PO werden sich wahrscheinlich nach dem Verbrauchermärkten aufteilen. Zu den wichtigsten Endverwendungsmärkten für R-PO gehören die Automobilindustrie, das Baugewerbe, Müllbeutel, Außenmöbel und Verpackungen. Die Automobilnachfrage ist aufgrund des Ausbruchs bereits stark zurückgegangen und wird nach vorübergehenden Schließungen bei Automobilherstellern in ganz Europa wahrscheinlich weiter zurückgehen.

Das Baugewerbe ist besser vor den direkten Auswirkungen des Coronavirus auf die Produktion geschützt, wird aber wahrscheinlich stark von einem wirtschaftlichen Abschwung betroffen sein. Auch die Nachfrage nach Außenmöbeln dürfte unterdessen unter Kontaktverbot leiden.

Nachfrage nach Verpackungen wird stark ansteigen

Im Gegensatz dazu wird die Nachfrage nach Verpackungen voraussichtlich stark ansteigen. Es wird erwartet, dass die Käufer aufgrund von Hygienebedenken kunststoffumhüllte Lebensmittel bevorzugen werden. Dennoch bleibt unklar, inwieweit dies der Recyclingindustrie zugutekommen wird. Mehrere Quellen deuten darauf hin, dass die Pandemie kurzfristig den Fokus von den Nachhaltigkeitszielen abwenden wird. Sie erwarten auch, dass die Markeninhaber wieder auf Neuware umsteigen, die möglicherweise leichter erhältlich ist.

Recycelte Kunststoffe nicht mehr konkurrenzfähig

Da der Preis für recycelte lebensmitteltaugliche Kunststoffe wie R-PET, R-HDPE und R-PP jetzt alle höher sind als Neuware, wird die Substitution recycelter Kunststoffe Möglichkeit durch Neuware verstärkt. "Wenn in der gegenwärtigen Situation kein recyceltes Polyethylen niedriger Dichte (R-LDPE) zu bekommen ist, wird neues LDPE verwendet", sagte ein großer Verpackungshersteller.

Preisentwicklung bei PET-Flaschen und recycelten PET-Flocken (R-PET). Grafik: ISIS

Hinzu kommen Bedenken hinsichtlich des Personalmangels im Zuge der Pandemie und der Fähigkeit kleinerer Recycler, den Cashflow zu steuern, wenn sie für einen längeren Zeitraum nicht in der Lage sind, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Vergleich zur petrochemischen Industrie werden die Geldreserven der Recycler in der Regel niedrig sein.

Geschlossene Grenzen behindern die Logistik

Von größerer Bedeutung sind die Auswirkungen auf die Logistik. Nachdem mehrere Länder in ganz Europa ihre Grenzen geschlossen und den Waren- und Personenverkehr eingeschränkt haben, stellt die An- und Abfuhr von Material zu und von den Recyclingeinheiten für einige bereits eine Herausforderung dar.

"Wir sehen Probleme auf der logistischen Seite, also die Lieferung von Flaschen und auch die Auslieferung unserer fertigen Waren“, sagte ein R-PET-Hersteller. In der gesamten Recycling-Industrie sind europaweite Handelsströme üblich, wobei sowohl Post-Consumer- als auch bei Post-Industrial-Abfällen häufig aus Übersee stammen und fertige recycelte Flocken und Pellets ebenfalls häufig grenzüberschreitend exportiert werden.

„Die Logistik ist im Moment in Europa sehr schmerzhaft, für alle Produkte und alle Materialien, ich weiß nicht, was das am Ende bedeutet, da es die Nutzung der Produkte beeinflusst", sagte ein Flockenhersteller in Mitteleuropa. Logistische Probleme veranlassen einige Unternehmen bereits jetzt dazu, Lagerbestände aufzubauen, um mögliche Störungen zu bewältigen.

"Wir kaufen große Mengen aus Frankreich, den Niederlanden und Italien, und wenn die Grenzen vollständig geschlossen werden, gibt es ein großes Problem: Woher bekommen wir unser Material? Außerdem gehen 50% unseres Endprodukts außerhalb Deutschlands nach Europa, und unsere Kunden fragen uns, ob wir in der Lage sind, das benötigte Material zu liefern, wenn wir die Produktion reduzieren müssen", sagte ein großer europäischer Recycler.

Unterschiedliche Reaktion zeigen anhaltende Ungewissheit

Die anhaltende Ungewissheit über die vielfältigen Reaktionen der europäischen Regierungen auf das Coronavirus hat das Bild der Nachfrage weiter verschleiert – während einige die Vorräte aufstocken, gehen andere den umgekehrten Weg und vermeiden neue Aufträge. "Wir haben noch bestehende Aufträge, aber keine neuen Aufträge für die nächsten Wochen. Es gibt eine große Verwirrung in den nächsten Wochen", sagte der große französische Abfallsammler und Wiederaufbereiter.

Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen

Auch die längerfristigen Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen bleiben ungewiss. Investitionen sowohl im Bereich des mechanischen als auch des chemischen Recyclings sind von entscheidender Bedeutung, wenn die Branche ehrgeizige gesetzliche und markenbezogene Ziele für das Verpackungsrecycling erreichen will. Derzeit besteht ein gravierender Mangel an lebensmitteltauglichem Material bei allen recycelten Polymeren – sowohl auf der Sammel- als auch auf der Wiederaufbereitungsseite.

Nehmen wir R-PET als Beispiel. Die Wiederaufbereitungskapazität für zugelassene Pellets in Lebensmittelqualität liegt bei 300.000 jato, während sie für recyceltes R-HDPE bei etwa 100.000 jato liegt. Für andere R-PO-Qualitäten ist lebensmitteltaugliches Material nur in sehr geringen Mengen verfügbar, da die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit und Sortierung stellt. Neue Technologien, neue Sammelmethoden, die Zunahme des chemischen Recyclings und eine erhöhte Wiederaufbereitungskapazität sind erforderlich, um die Ziele für 2025 zu erreichen.

Start-ups dominieren den Recyclingmarkt

Insbesondere in Bereichen wie dem Recycling werden Investitionen aufgrund niedrigerer Eintrittsbarrieren als bei der Petrochemie vor allem von kleinen Start-ups getätigt. Zudem sind die Sammelsysteme weitgehend in der Kontrolle der lokalen Behörden. Beides ist in der gegenwärtigen Situation verwundbar. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der globalen Rezession von 2008 beispielsweise führten dazu, dass die lokalen Behörden aufgrund von Sparmaßnahmen in ganz Europa mehr als ein Jahrzehnt lang zu wenig in die Sammelsysteme investierten.

Vorläufig arbeitet die Mehrheit der europäischen Recyclingindustrie weiterhin auf der Basis des "business as usual" – aber die Folgen könnten noch viele Jahre lang zu spüren sein. Angesichts des Ausmaßes der zur Eindämmung der Pandemie notwendigen Maßnahmen zur sozialen Distanzierung wird eine globale Rezession immer wahrscheinlicher.

Mark Victory und Matt Tudball, ICIS Independent Commodity Information Service

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