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Veranstaltungen

EKTT bei Barlog: Chancen in der Krise

Zu den 26. Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tagen (EKTT) bei Barlog Plastics kamen 250 Besucher aus der Kunststoff-Branche. Ihr Motto: Krisen erkennen und Chancen daraus ableiten.

„Wir erleben eine Stapelkrise. Trotzdem sollten wir in Chancen denken!“ Mit diesen Worten eröffnete Peter Barlog die 26. Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tage (EKTT).
„Wir erleben eine Stapelkrise. Trotzdem sollten wir in Chancen denken!“ Mit diesen Worten eröffnete Peter Barlog die 26. Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tage (EKTT).

Inflation, Energiekrise, Lieferketten-Probleme – für die 250 Besucher, die zu den 26. Engelskirchener Kunststoff Technologie-Tagen (EKTT) zum Gastgeber Barlog Plastics anreisten, galt es dennoch „in Chancen zu denken“. 250 Experten aus der K-Branche füllten am 15. und 16. Juni den großen Saal der Lang Akademie in Lindlar. 250 Leute, die sich vor Ort austauschten, Exponate in den Händen drehten, Visitenkarten überreichten. Wie sehr haben Präsenzveranstaltungen wie diese EKTT 2023 zuletzt gefehlt, um gemeinsam an Ideen und aktuellen Herausforderungen zu arbeiten. 250 Besucher, das waren zwar immer noch etwas weniger als vor der Coronapandemie – doch die Reiseetats sind bekanntlich derzeit begrenzt.

Ein ganzer Stapel von Krisen

Denn tatsächlich steckt die K-Branche nicht nur in einer einzelnen Krise. 2023 sind es eine ganze Reihe gleichzeitig. „Wir haben eine Stapelkrise“, konstatierte denn auch Peter Barlog in seinem Eröffnungsvortrag. Peter Barlog ist einer der drei Geschäftsführer bei Barlog Plastics, Overath bei Köln, die die EKTT ausrichten. Traditionell bietet Peter Barlog an dieser Stelle auf den EKTT einen oft lehrreichen Blick über den Tellerrand. Und da hat er inzwischen einiges zu tun: Der Klimawandel natürlich, eine zuweilen etwas träge Automobilbranche („Nicht den Entwicklungen gestellt“), die Coronapandemie („Wurde schon lange vor gewarnt“), Lieferkettenprobleme, Energiekrise („Lange Zeit zu bequem gemacht“).

Aber, so Peter Barlog: all diesen Krisen sei etwas gemein. „Es handelt sich meist um langfristige Entwicklungen, die schließlich in Krisen gipfeln.“ Das bedeutet: Auch den aktuellen Problemen wohnt eine gemeinsame Dynamik inne. Und aus Gemeinsamkeiten kann man vielleicht etwas lernen: „Daraus lassen sich auch Chancen ableiten!“ Und, nebenbei bemerkt, das Motto der Tagung: „In Chancen denken.“

Krisen vorhersehen, Resilienz steigern

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Wer es schaffe, die Trends zu identifizieren, die zu Krisen führen können, der könne sich rechtzeitig vorbereiten. Wer sich zum Beispiel rechtzeitig langfristige Stromverträge gesichert hat, der kann über hohe Strompreise eine Zeit lang lächeln. Das Problem: „In die Zukunft blicken ist schwierig. Weil es schwer ist, sich vom Status Quo zu lösen“, so Barlog.

Zum Glück gebe es eine Reihe von Techniken, mit denen dies gelänge – zum Beispiel, indem man Szenarien für die Zukunft entwerfe und die Entwicklung dahin antizipiere (sog. „Future Back Planning“). Der Clou: Diese Szenarien konvergieren immer in Richtung Gegenwart, sie müssen es sogar, weil in der Regel auch gewaltige Umbrüche von heute aus gesehen erst einmal mit kleinen Schritten loslegen.

Wie ein Mittelständler seine Zukunft steuert

Hat man diese Zukunftsbilder entworfen, schaut man als Unternehmer, was man tun kann, um möglichst allen Szenarios zu entsprechen, man definiert Meilensteine – und schaut in ein paar Jahren nach, wohin die Reise tatsächlich gegangen ist. Und passt seine Strategie dann gegebenenfalls an.

Ein Beispiel aus dem Hause Barlog: Anfang 2005 setzte man sich an einen runden Tisch und überlegte, was die Globalisierung für das Unternehmen für Folgen haben könnte. Folgende Szenarien tauchten auf: Europa wird deindustrialisiert, China wird die Werkbank der Welt, alles bleibt, wie es ist.

Service und Rezyklate

Doch vor allem die Schreckens-Szenarien kamen auf den Tisch. Die Message: Vielleicht lässt sich im schlimmsten Fall noch mit Produktentwicklungen Geld verdienen. Also gründete Barlog 2008 die Firmentochter Bahsys. Hätte schiefgehen können, dann hätte man das Projekt wieder einkassiert. Tatsächlich aber trug die neue Tochter erheblich zum Gewinn bei. Schon nach zehn Jahren waren die Engineering Services für 50 % des Rohertrags der Barlog-Gruppe verantwortlich. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass die Deindustrialisierung doch nicht so ganz so drastisch ausfiel – und Bahsys wurde ein Teil von Barlog Plastics.

Nächstes Beispiel: Nachhaltigkeit. Versuchsballon diesmal: Werkstoffe aus Rezyklaten, die man „neu denken“ wollte. Drei Jahre dauerte es nur, bis hochwertige Rezyklat-Compounds aus dem Hause Barlog fast 40 % der neuen Vertriebsprojekte des Unternehmens ausmachten.

Doch was, wenn neue Geschäftsfelder nicht laufen? „So lange eine neues Projekt noch in den Kinderschuhen steckt, wirft einen eine Karambolage nicht um“, so Barlog. „Besser, man investiert fünfmal eine Million als einmal fünf“, zitierte er einen Geschäftspartner.

Viel Kapital im Lager gebunden

Doch welche Chancen ergeben sich aus den aktuellen Krisen? Ist es zum Gegensteuern nicht schon zu spät, rollt der Ball nicht längst abwärts? Nun ja: Allzu tief im Jammertal stecke die Branche noch nicht. Zumindest sieht Peter Barlog ungleich verteilte Rollen. „Je weiter vorne man in der Wertschöpfungskette ist, desto stärker sind die Auswirkungen der Krisen.“ Rohstoffproduzenten seien stärker betroffen, weil sich die Verarbeiter im Zeichen der Pandemie die Läger gut gefüllt hätten – man wusste halt nicht, wie lange man noch Material bekommt. Hier verwies Peter Barlog dann auf den Vortrag von SKZ-Experte Michael Bosse („Materialalternativen und Alternativmaterialien – was tun, wenn die Single Source ausfällt“).

Potenzielle Ersatzwerkstoffe einplanen

Bemerkenswert an diesem Referat war schon einmal, dass der Referent erst einmal wissen wollte, welche Fragen seine Zuhörer besonders beschäftigen, bevor er loslegte – von Polyamid-Alternativen über Fluorkunststoffe bis zur Nachhaltigkeit von Biokunststoffen kam da so einiges. Die Take-home Message am Ende des Referats: Möglichst schon bei der Entwicklung an potenzielle Ersatzwerkstoffe denken. Denn wenn ein Bauteil erstmal fertig entwickelt ist, fiele es sehr schwer, Alternativen zu finden, wenn etwas schiefgehe. Glücklich ist dann derjenige, der dann nicht von vorne anfangen müsse.

Womit wir bei den Vorträgen wären. Hier war für jeden etwas dabei. Christian Schumacher von Barlog Plastics, der die Besucher am Eröffnungstag mit einem Experten-Ratespiel darauf einstimmte, dass es auf den EKTT in Lindlar um Wissenschaft und Technik und nicht um „gefühlte“ Wahrheiten ging, betonte: „Kunststoff ist ein Garant für Nachhaltigkeit und Wohlstand, ein Baukasten für Innovationen!“ Beweis, unter anderem: Ein leichtes Kunststoffbauteil für Wärmepumpen (Viessmann; Metallvariante: 3,25 kg, Grivory HT1VA-4 FWA-Ausführung: 1,5 kg, mit kürzerer Zykluszeit zu machen und obendrein deutlich kostengünstiger).

CO2-Bilanzierung: So manche Überraschung

Eine Art „Gebrauchsanleitung“ für den Umgang mit dem derzeit allseits gehypten CO2-Footprint gab in Lindlar Johannes Tietze vom Kunststoffzentrum (KUZ) Leipzig in einem sehr hörenswerten Referat: Er setzte sich mit dem Thema LCA (Life Cycle Analysis – auf Deutsch Ökobilanz) von Kunststoffprodukten auseinander. Spannend: In der Gesamtbetrachtung seien Treibhausgase oft nur eine Facette von vielen, so Tietze. Landnutzung, Überdüngung etwa beim Blick auf nachwachsende Rohstoffe, seine weitere. „Es geht nicht nur um Klimawandel!“, meinte Tietze. Ziel müsse sein, Umweltwirkungen insgesamt zu minimieren.

Dabei könnten schon kleine Verschiebungen in den Grundannahmen im Ergebnis große Änderungen bewirken. So würden vier Radfahrer, die sich die Energie fürs Pedalieren aus dem Verzehr von Rindfleisch holten, unter Umständen einen größeren Umweltschaden verursachen als vier Veganer in einem Auto.

Tatsächlich können Ökobilanzen auf den ersten Blick paradoxe Ergebnisse zeigen. Für das Auditorium vielleicht am interessantesten: Bei einem Funktionsträger aus Kunststoff macht dessen Produktion und der gewählte Rohstoff nur einen Bruchteil der Umweltbelastung aus. Entscheidend für den CO2-Fußabdruck ist das Bauteilgewicht, denn das wirkt sich unmittelbar auf die Bilanz der langen Nutzungsphase aus. Je schwerer, desto größer der Anteil am Energieverbrauch des Fahrzeugs. Ein anderes Bespiel ist das Online-Shoppen: Hier ist nicht etwa der Transport die größte Ökobelastung, sondern die Verpackung.

Fachvorträge mit breitem Themenspektrum

Auch die additive Fertigung war auf den EKTT natürlich wieder vertreten. Und zwar durch Simone Lake von der TH Köln („3D-Druck von Formeinsätzen“) und Armin Wiedenegger und Johannes Bruckwilder, Voestalpine („Additive Fertigung im Werkzeugbau“).

Die Werkstofffraktion bekam Gehaltvolles von Tobias Haedecke von Barlog Plastics und Peter Barlog höchstpersönlich („Entwicklungsprojekte nachhaltiger gestalten mit Keballoy Eco und Barlog Eco-Consulting“), von Steffen Felzer, Polytives, der über polymere Additive sprach, von Sven Schröbel, Röhm („Plexiglas als nachhaltiger Werkstoff“) und Stefan Alves, EMS Grivory („Neue Möglichkeiten mittels Lang-Faser verstärkter Polyamide“).

Und wer eher aus Richtung Verfahrenstechnik und Simulation kam, fand womöglich Gefallen an den Referaten von Andre de Vries, Incoe („Schmelzerotation im Heißkanalverteiler“), Bastiaan Oud, Simcon („Schnelle Variantenanalyse“), Alexander Koschmieder, Motan („Gravimetrische Dosiersysteme“), Markus Murr, Promix („Mischtechnik in der Schmelze“), Martin Jacobi, Trexel („Physikalisches Schäumen mit Mucell“) und Rüdiger Dzuban von Oni, der mit seinen Ausführungen über „Heizen mit der Kühlung und kostenloser Abwärme“. „Die Energiekosten werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor“, so Dzuban. Zum Glück könne man mit smartem Wärmemanagement aber eine Menge Geld sparen, eine Amortisation ist laut dem Oni-Mann bereits in einem halben Jahr möglich, und man könne sogar noch Fördermittel einstreichen.

Unscheinbare Helden der Nachhaltigkeit

Den kreativsten Vortrag hielt Claudius Fröhlich von der Wolf IT Consulting – mit seinem Referat „Für die richtige Entscheidung – fragen Sie Ihren Arzt oder Algorithmus“ über smarte Datenauswertung. Eine der exotischsten halben Stunden der Tagung dürfte dagegen die von Michael Amos, Ejot gewesen sein: „Umgang mit den Anforderungen der E-Mobilität in Bezug auf die Verschraubung von Kunststoffen“. Tatsächlich darf man staunen, was eine optimierte Schraubengeometrie in Sachen Montagevereinfachung leisten kann. Dabei spielen die Kosten dieser Verbindungselemente kaum eine Rolle, bei Centbeträgen schauen selbst hartleibige Kostenrechner nicht so genau. Aber die Vermeidung peinlicher Verwechslungen, Reduzierung von Montagestationen, simplere Formteilauslegung – das überzeugt. Tatsächlich war auch anderswo auf der Tagung immer wieder von der „Rückkehr der Schraube“ die Rede gewesen. Die Schraube als Symbol für Nachhaltigkeit!

Sehr schön auch zu erfahren, wie Kamil D. Szepanski von F&G Hachtel seine digitalen Zwillinge, gewonnen per CT-Scan, auf Kundenreklamationen losließ – und so seinen Chef glücklich machen konnte. Auch Werkstücke digital aufrollen und schauen, ob und wie Gewinde passen: große Kunst.

Die Fahne bei der Produktentwicklung schließlich hielten Cristoph Hinse, Simpatec mit einem Vortrag über „Der richtige Dreh in der Produktentwicklung“ und das Konstruktionsbüro Hein („Nachhaltigkeit beginnt in der Produktentwicklung“) hoch: „Nur wer in der Produktentwicklung den kompletten nachhaltigen Kreislauf berücksichtigt, kann mit einer hohen Bauteilqualität und Prozesssicherheit Gewinn erzielen.“

Workshops bringen Leute zusammen

Neu auf den EKTT waren übrigens zwei Workshops zu den angesagten Themen Fachkräftemangel (Tobias Haedecke, Barlog Plastics; das Thema war auch in Form eines Referats über Wissenssicherung von Daniel Marzog, Meusburger, vertreten) und Nachhaltigkeit/Kreislaufwirtschaft (Bettina Knothe, Bergische Rohstoffschmiede): Endlich mal mitreden, statt nur zuzuhören!

Peter Barlog erklärte, wie es zu der Workshop-Idee kam: „Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass sich auch die Landschaft für Veranstaltungen ändert.“ Eigentlich war geplant, die EKTT nach ihrer virtuellen Corona-Ausgabe 2021 hybrid anzubieten. Aber, so das Ergebnis nach etwas Grübeln: Das hätte vielleicht ein paar Nutzer mehr, aber den Teilnehmern vor Ort und der Veranstaltung selbst nichts gebracht.

Also hat man sich bei Barlog überlegt, wie man den Nutzen für die Teilnehmer vor Ort erhöhen kann. „Ich kann mir gut vorstellen, dass bei einem Workshop Kooperationen entstehen, die sonst nicht zustande gekommen wären“, so Peter Barlog.

Was dagegen ein wenig fehlte, war das brandaktuelle Überthema „KI“. Aber als die Planungen für die Tagung anstanden, konnte ernsthaft noch niemand ahnen, wie schnell Chat GPT & Co. aus ihren Kinderschuhen herauswachsen würden. „Natürlich ist es wichtig, sich mit dem Trend auseinander zu setzen“, meinte Peter Barlog. Er habe sogar bereits Use-Cases identifiziert. Derzeit lege sein Team damit los, und schaue in drei Jahren, was draus geworden sei – Stichwort „Future Back Planning“. Womit wir wieder beim Eröffnungsvortrag wären. Vielleicht ist das Thema KI ja auf den nächsten EKTT präsent.

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