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Die Chemie braucht eine echte Energiewende

Matthias Gutbrod, Redakteur der K-ZEITUNG Foto: K-ZEITUNG

Die Chemieindustrie will klimaneutral werden, doch dazu braucht es gigantisch viel grünen Strom und damit eine industrie-politische Energiewende.

„Handelt jetzt!“ rufen die Aktivisten von „Fridays for Future“, die eine klimaneutrale Gesellschaft fordern, dabei hat die Chemieindustrie den Weckruf gehört, sie handelt längst, doch es braucht eine echte Energiewende für die Industrie, die bislang leider ausbleibt.

Fridays for Future fordert von der Politik, das klimaschädliche Gebaren der Industrie zu stoppen. Dabei ist Kunststoffindustrie bereits auf dem Weg für eine klimaneutrale Gesellschaft. Sie produziert schon längst Produkte, die bei der Anwendung CO2-Emissionen senken (Wärmedämmung, Leichtbau,…), setzt auf energieeffiziente Prozesse und mehr Recycling.

Kompletter Umbau der Energie- und Rohstoffversorgung

Und nun geht die Chemieindustrie die ersten Schritte, um bis 2050 komplett klimaneutral zu wirtschaften. Mit anderen Worten: Gegenwärtig sieht sich die deutsche Chemie für 112,8 Mio. t CO2 pro Jahr verantwortlich – und sie will diese Menge bis 2050 auf Null reduzieren.

Auf der Agenda steht nicht weniger als der komplette Umbau der Energie- und Rohstoffversorgung: Der Kohlenstoff für die Produkte soll aus nicht-fossilen Quellen stammen (Kunststoffabfälle, Biomasse, CO2) und die Verfahren zur Herstellung von Basischemikalien sollen CO2-frei sein (elektrische Steamcracker, Wasserstoff).

Klimaneutrale Chemie nur mit grünem Strom

All diese Punkte haben eines gemeinsam: Sie kosten in der Entwicklung viel Geld und brauchen im Betrieb gigantisch viel Strom. Von heute 55 TWh würde allein der Branchenbedarf auf über 600 TWh steigen (Studie des VCI) – das ist mehr als der gesamte heutige Stromverbrauch in Deutschland. Und dieser Strom muss klimaneutral erzeugt werden sowie – mit Blick auf die globalen Wettbewerber – bezahlbar sein! Eine hierfür dringend notendige Energiewende für die Industrie müsste sofort angepackt werden.

Politik verschläft Energiewende

Die Branche kann diese Transformation aus eigener Kraft nicht bewältigen. Doch Politik verschläft es, den richtigen Rahmen zu setzen. Im Gegenteil: Die Branche zahlt derzeit mehr als 1,2 Mrd. EUR im Jahr nur für die EEG-Umlage – man rechne das, wenn sich nichts ändert, auf den zukünftigen Energiebedarf hoch.

Einige Unternehmen gehen jetzt mutig ihren eigenen Weg: Ein neuer 2 GW Offshore-Windpark von RWE soll eigens der BASF ab 2030 grünen Strom liefern. „Einen neuen Offshore-Windpark schon bei der Planung an einen industriellen Abnehmer zu koppeln, ist für Deutschland ein Novum. So gestalten wir die Energiewende“, heißt es in einer Pressemitteilung von BASF und RWE.

"Nicht Freitagsdemos retten unsere Zukunft, sondern klimaneutral produzierte Polymere für emissionsarme Produkte."

Matthias Gutbrod

Dies Beispiel zeigt: Die Branche steht in den Startlöchern für die fundamentale Transformation zu einer klimaneutralen Produktion. Doch sie kann das nicht komplett aus eigener Kraft bewältigen. Die fehlenden politischen Rahmenbedingungen hindert sie, bereits jetzt(!) entschlossen voranzugehen. Es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Denn nicht die Freitagsdemos retten unsere Zukunft, sondern klimaneutral produzierte Polymere für emissionsarme Produkte.

Matthias Gutbrod

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