Deutsche Zulieferer herausgefordert

Ein hoher Prozentsatz von Neuentwicklungen geht heute von deutschen Zulieferern aus. Aber das wirtschaftliche Umfeld international und die Abhängigkeit von marktstarken OEMs birgt Gefahren. Foto: Deutsche Messe

Zulieferer erwirtschaften 2016 in Deutschland knapp 223 Mrd. EUR. Das Konjunkturklima ist leicht positiv, aber globale Risiken steigen; zudem bleiben Energiewendekosten weiterhin ein signifikanter Standortnachteil – und marktstarke OEMs bezahlen Entwicklungsleistungen nicht.

Die deutsche Zulieferindustrie steht 2017 vor steigenden Herausforderungen, erklärte jetzt Christian Vietmeyer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (ArGeZ), anlässlich der Hannover Messe vor Journalisten. So gebe es von den Kundengruppen, dem Fahrzeug-und dem Maschinenbau heterogene Konjunktursignale. Beispielsweise stellen sich die deutschen OEMs auf eine leicht rückläufige innerdeutsche Pkw-Fertigung ein. Ursache dafür sei die Produktionsverlagerung eines Modells ins Ausland. Der Maschinenbau kalkuliere dagegen mit einem leichten Wachstum nach mehreren Jahren der Stagnation.

"Dennoch", so Vietmeyer in Hannover, "dürfen die deutschen Zulieferer angesichts der aktuellen Auftragseingänge konstatieren, dass der Jahresstart gelungen ist." Dies liege auch daran, dass sich deutsche Zulieferer stärker international aufstellen müssen – insbesondere für kleinere Unternehmen eine Gratwanderung zwischen Wachstumschancen und limitierten Investitionsspielräumen.

Weltpolitik trübt den Geschäftsklima-Index

"Das zurückliegende Jahr 2016 haben die Zulieferer mit einem leichten Umsatzwachstum um 0,2 Prozent auf knapp 223 Milliarden Euro abgeschlossen. Die direkten Exporte stiegen um 1,3 Prozent auf 85,5 Milliarden Euro. Berücksichtigt man, dass die Exportquoten der wichtigen Kundenbranchen bei 75 Prozent liegen, wird die extreme Abhängigkeit der deutschen Zulieferer von der Entwicklung der ausländischen Märkte deutlich", rechnet Vietmeyer vor.

Die Mitarbeiterzahl konnte 2016 nochmals um 0,8 % auf 1.073.377 gesteigert werden und lastete damit ihre Kapazitäten im Jahr 2016 nochmals stärker als im Vorjahr aus. Angesichts der niedrigen Fremdkapitalzinsen wären somit steigende Anlageinvestitionen für 2017 zu erwarten. Allerdings haben sich die Zukunftserwartungen – so war weiter in Hannover zu hören – als eine Komponente des ArGeZ-Geschäftsklimas in den vergangenen Monaten wieder eingetrübt. Und das, so Vietmeyer, dürfte nicht zuletzt mit den aktuellen weltpolitischen Entwicklungen zusammenhängen.

Globale Herausforderungen und freier Handel

Denn die Zulieferer sind auf einen freien und fairen Welthandel ohne Protektionismus und Handelsbarrieren angewiesen, bekräftigte der Vorsitzende der ArGeZ. Neben Europa als wichtigste Exportregion spielen die USA und China wichtige Rollen.

Anlass zur Sorge bereite den Zulieferern protektionistische Tendenzen in Großbritannien und in den USA. Auch die Handelssanktionen gegenüber Russland könnten langfristig die konjunkturelle Entwicklung der exportorientierten Zulieferer bremsen. Darüber hinaus untergraben staatlich organisierte Verzerrungen der Inlandsmärkte, wie sie zum Beispiel in China auftreten, die Wettbewerbsfähigkeit marktwirtschaftlicher Unternehmen. Deswegen benötige die deutsche Zulieferindustrie effektive Handelsschutzinstrumente gegenüber unfairen Anbietern, hob Vietmeyer hervor.

Weiter steigende Energiewende-Kosten benachteiligen überdies die Zulieferer am Standort Deutschland. Die energiewendebedingten Eingriffe in das Stromnetz treiben die Kosten in den am stärksten betroffenen Netzen. Ziel müsse es aber sein, den Unternehmen langfristig einen sicheren Investitionsrahmen zu bieten. Deutschland müsse weg vom investitionsfeindlichen System steigender Umlagen auf den Strompreis, denn diese gefährden letztlich die attraktiven Arbeitsplätze hierzulande. In der anschließenden Diskussion wurde allerdings deutlich, dass von der derzeitigen Regierung kaum Hilfe zu erwarten sei.

Besondere Herausforderungen im Zuliefer-Abnehmerverhältnis

Die Zulieferketten im Automobilbau und in anderen Industrien verzahnen sich immer enger, die Zusammenarbeit zwischen den Zulieferern der verschiedenen Wertschöpfungsstufen und den Herstellern der Endprodukte ist ein deutsches Erfolgsmodell. Die voranschreitende Digitalisierung werde diese Symbiosen noch weiter vertiefen. Damit diese Wertschöpfungsketten zum Wohle aller reibungslos funktionieren, sei ein fairer und partnerschaftlicher Umgang miteinander erforderlich. Für faire Zulieferbeziehungen müssten die Interessen beider Seiten angemessen berücksichtigt werden, einseitige Diktate von Marktmächtigen führen in der Regel zu unausgewogenen Vertragsbeziehungen und streuen letztlich Sand ins Getriebe.

Nachhaltige Zulieferbeziehungen basieren auf einer vertrauensvollen Zusammenarbeit, die durch gegenseitige Fairness und ein langfristiges Denken entstehe. Vietmeyer beklagte in diesem Zusammenhang, dass das geistige Eigentum der Zulieferer zunehmend nicht mehr respektiert werde, was in Summe die Innovationsfähigkeit des Zulieferers schwäche. Marktstarke OEMs fordern Entwicklungsleistungen ein, ohne diese zu kompensieren. Nicht selten müssen Zulieferer feststellen, dass Sie trotz erheblicher, nicht vergüteter Vorleistungen bei der Entwicklung letztlich den Zuschlag für die Serienproduktion doch nicht bekommen. Oftmals müssen Zulieferer tatenlos zusehen, wie ihre Entwicklungen dann woanders (meist beim Preisgünstigsten) zum Einsatz kommen.

roe