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Durch die Covid-19-Politik der chinesischen Regierung und das langsamere Wirtschaftswachstums in China steigt die Unsicherheit europäischer Unternehmen, die im Reich der Mitte tätig sind.

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China: Unsicherheit bei europäischen Unternehmen wächst

Europäische Unternehmen in China stufen das Umfeld als zunehmend schwierig ein. Dennoch sollten sie dort weiter produzieren, rät Roland Berger.

Europäische Unternehmen in China stufen das Umfeld als zunehmend schwierig ein. Dennoch sollten sie dort weiter produzieren, rät Roland Berger.

Nach der Business Confidence Survey 2022, welche die Handelskammer der Europäischen Union in China in Zusammenarbeit mit Roland Berger erstellt hat, erzielten zwei Drittel der europäischen Unternehmen in China im Jahr 2021 einen Umsatzanstieg und waren profitabel. Aber die Stimmung wird zunehmend düster: für 60 % der Firmen wurde die Geschäftstätigkeit im Vergleich zum Vorjahr schwieriger. Dies ist im Vergleich zur Vorjahresstudie ein Anstieg um 13 %.

Covid-19 war das Hauptproblem, mit dem sich die Unternehmen 2021 konfrontiert sahen. Die Pandemie gehörte für 49 % zu den drei größten Herausforderung. An zweiter Stelle steht das langsamere Wachstum der chinesischen Wirtschaft. 50 % der Befragten gaben an, dass das Geschäftsumfeld im Jahr 2021 politischer wird. Und bei 42 % der Unternehmen verhindern regulatorische Hindernisse Geschäftschancen.

Auch die Geschäftsführungen von Arburg und Engel sehen die Entwicklung in China derzeit mit gemischten Gefühlen:

Arburg: Starke Steigerung des Umsatzes

Arburg hat den Umsatz im vergangenen Jahr um 27 % gesteigert: Mit 735 Mio. EUR liegt er nur knapp unter dem Rekordwert von 750 Mio.
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Engel: Umsatz explodiert im letzten Geschäftsjahr

Engel hat im vergangenen Geschäftsjahr den Umsatz um 36 % auf 1,5 Mrd. EUR gesteigert; dabei hat sich der deutsche Markt wieder als Lokomotive erwiesen.
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Europäische Unternehmen isolieren China-Geschäfte zunehmend

Als Reaktion auf die zunehmende Unsicherheit, die sich aus Chinas Covid-19-Strategie und Russlands Einmarsch in der Ukraine ergibt, und um ihre Anfälligkeit für potenzielle geopolitische Schocks zu minimieren, werden die China-Geschäfte europäischer Unternehmen zunehmend isoliert. Viele Befragten planen, ihre Lieferketten nach China zu verlagern (Onshoring) – achtmal so viele wie die, die eine Verlagerung ins Ausland planen.

Im vergangenen halben Jahrzehnt hat nach der Studie eine erhebliche Lokalisierung von Mitarbeitern stattgefunden, vom Nachwuchs bis hin zu den Vorstandsmitgliedern. Auch die IT- und Datenspeicher-Infrastruktur wurde von 74 % beziehungsweise 75 % der Befragten lokalisiert, wobei dies durch „sichere und kontrollierbare“ Technologierichtlinien und immer strengere Vorschriften zur Datenverwaltung vorangetrieben wurde.

China wird unberechenbar – Gift für das Geschäftsumfeld

„Das einzige, was an China heute vorhersehbar ist, ist seine Unberechenbarkeit, und das ist Gift für das Geschäftsumfeld“, sagt Bettina Schoen-Behanzin, Vizepräsidentin der EU-Handelskammer in China. „Immer mehr europäische Unternehmen legen ihre Investitionen in China auf Eis und bewerten ihre Position auf dem Markt neu, da sie abwarten, wie lange diese Unsicherheit anhält. Und viele suchen nach anderen Zielen für zukünftige Projekte.“

„Das einzige, was an China heute vorhersehbar ist, ist seine Unberechenbarkeit, und das ist Gift für das Geschäftsumfeld. Immer mehr europäische Unternehmen legen ihre Investitionen in China auf Eis und bewerten ihre Position auf dem Markt neu, da sie abwarten, wie lange diese Unsicherheit anhält.“

Bettina Schoen-Behanzin, Vizepräsidentin der EU-Handelskammer in China

„China ist für die meisten europäischen Unternehmen nach wie vor von entscheidender Bedeutung, sowohl als Absatzmarkt für Produkte mit starken Wettbewerbsvorteilen als auch als mächtige industrielle Produktionsbasis. Es ist zu groß und zu wichtig, um es zu verkleinern, aber wir brauchen einen ganzheitlichen und stabilen Rahmen“, betont aber Denis Depoux, Global Managing Director von Roland Berger. „Die Verschlechterung der internen und externen Geschäftsbedingungen steht im Gegensatz zu der entscheidenden Rolle, die China für sie spielt.“

Roland Berger rät zur Lokalisierung des Geschäftsmodells

„Wir sind der Meinung, dass die kurzfristigen Instabilitäten nicht die mittel- und langfristigen Wachstumschancen der chinesischen Wirtschaft verdecken sollten. Daher wird es für multinationale Unternehmen weiterhin wichtig und richtig sein, in China zu investieren“, so Depoux weiter in seiner Analyse "The new China Story". „Aber die multinationalen Unternehmen müssen die neue Geschichte Chinas verstehen: Eine zunehmende Politisierung der Wirtschaft und ein Binnenmarkt, der an Größe und Bedeutung zunimmt – und sich von anderen Märkten stark unterscheidet, was eine Lokalisierung der Geschäftsmodelle erfordert.“

Industriefirmen wollen Abhängigkeit von China verringern

Fast die Hälfte der deutschen Industriefirmen ist derzeit auf wichtige Vorleistungen aus China angewiesen - viele wollen diese Abhängigkeit nun verringern.
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Der Roland-Berger-Experte stellt klar, dass China nach wie vor das Kraftzentrum und der Motor der Weltwirtschaft ist. Dies gelte vor allem in der industriellen Fertigung, wie die rasche Erholung des chinesischen Bruttoinlandsprodukts 2021 nach der ersten Coronavirus-Welle und der starke Anstieg der Exporte um 30 % im gleichen Zeitraum zeigen. „Zweitens hat China einen riesigen Inlandsmarkt und eine entsprechende Nachfrage – und die Mittelschicht wächst schnell“, argumentiert Depoux. „Drittens ist die chinesische Wirtschaft eng in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden. Und viertens ist die chinesische Führung stets bereit, den Wirtschaftskreislauf in schwierigen Situationen mit Hilfe der Steuerpolitik, der Geldpolitik, der Industriepolitik und der Strukturreformen zu stimulieren.“

Wachstum von 4 bis 6 % für nächsten Jahre prognostiziert

Chinas Wirtschaft werde in Zukunft nicht mehr so schnell wachsen wie in der Vergangenheit, so Depoux. Aber selbst wenn Chinas Wirtschaft in Zukunft „nur“ um 4 bis 6 % wachsen sollte – im ersten Quartal 2022 waren es 4,8 % – wäre diese Steigerung noch weitaus höher als in Europa und den Vereinigten Staaten.

"In Zukunft werden neue Märkte, die sich um die Modernisierung und Dekarbonisierung der chinesischen Wirtschaft drehen, Chancen für multinationale Unternehmen bieten."

Denis Depoux, Global Managing Director, Roland Berger

Angesichts dieses Umfelds bestehe das vorrangige Ziel der chinesischen Führung darin, ein stabiles Wachstum aufrechtzuerhalten, indem sie die folgenden Herausforderungen und Transformationsaufgaben angeht: So stehe China vor der Herausforderung, seine Produktivität schnell genug steigern zu müssen, um nicht durch die absehbare Alterung der Bevölkerung einen Wachstumsrückgang zu erleiden. „In Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt China weit hinter den produktivsten Volkswirtschaften der Welt zurück. Kurz gesagt: China steht vor der Herausforderung, zu altern, bevor alle wohlhabend werden“, sagt Depoux. China habe also keine andere Wahl, als sich konsequent auf die Modernisierung seiner Industrie zu konzentrieren, um die Produktivität durch höhere Innovation und den Einsatz von Hightech und Robotern zu steigern.

Wirtschaftsplan „Made in China 2025“ zeigt Erfolge

Erste Erfolge sind laut Roland Berger bereits sichtbar: Die kaufkraftbereinigten Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen und nähern sich dem Niveau der USA an. Im verarbeitenden Gewerbe, vor allem bei Elektroautos und Mobiltelefonen, sind chinesische Unternehmen inzwischen technologisch weltweit führend – auch dank des Wirtschaftsplans „Made in China 2025“ der chinesischen Regierung. Er soll dafür sorgen, dass die chinesische Fertigung nicht mehr die Werkbank für ausländische Unternehmen ist, sondern chinesische Unternehmen alle Stufen der Wertschöpfungskette abdecken können.

Darüber hinaus setzt China auf die Dekarbonisierung seiner Wirtschaft als Wachstumsmotor – eine Strategie, die auf mittelfristigen Erfolg abzielt, da die Wirtschaft immer noch stark von Kohle als Energiequelle abhängig ist und eine schnelle Dekarbonisierung, insbesondere ein Kohleausstieg, mit erheblichen wirtschaftlichen Einbußen einhergehen würde.

China wird „überragender Industriestandort“ bleiben

Für multinationale Unternehmen, die auf der Suche nach Wachstum und Profit seien, führe also weiter kein Weg an China vorbei. Das Land wird laut Depoux „ein attraktiver Markt, ein überragender Industriestandort und ein zunehmend effizientes Innovationszentrum bleiben“. Allerdings müssten sich Unternehmen auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen, also politische Maßnahmen zum Abbau sozialer Ungleichheit, industriepolitische Maßnahmen sowie die stärkere Integration Chinas in regionale Wertschöpfungsketten.

Das bedeutet, dass Unternehmen in Zukunft mehr „in China für China“ arbeiten müssen, um auch die Bedürfnisse und die Nachfrage des heimischen Marktes zu befriedigen – nicht nur in der Produktion, sondern auch und vor allem in Forschung und Entwicklung. Depoux: "Wir erwarten zwar keine große Entkopplung der Lieferketten, aber multinationale Unternehmen werden Geschäftsmodelle entwickeln müssen, die an die Besonderheiten des chinesischen Markts angepasst sind, einschließlich Innovation, Technologie, Marketingansätze, Zahlungssysteme und Markenbildung.“

sk