China: Industrielle Digitalisierung schreitet voran

In Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas, hat Bosch Rexroth 2017 sein erstes Innovationscenter für Industrie 4.0 in China eröffnet. Auf einer Fläche von 3.500 m2 können bis zu 200 Interessenten gleichzeitig ihr Wissen in der Digitalisierung vertiefen. Foto: Bosch

China forciert die Automatisierung und Digitalisierung der Industrieunternehmen mit einem Top-Down-Ansatz; dies bietet Chancen für deutsche Hersteller.

Industrie-, aber auch Unternehmenscluster haben für die Umsetzung von Digitalisierung und Intelligenter Fertigung in China eine große Bedeutung, wie die Studie „Chinas Regionen – Auf dem Sprung zu Industrie 4.0“ zeigt. Erstellt wurde diese von der Deutschen Gesellschaft fürInternationale Zusammenarbeit (GIZ) in Zusammenarbeit mit Germany Trade & Invest (GTAI). Demnach ist Industriepolitik zur Förderung von Digitalisierung und Intelligenter Fertigung in China umso erfolgreicher, je regionaler sie ausgerichtet ist, an den Stärken ansetzt und die Schwächen ausgleicht.

„Obwohl die Regierung in China die Marschroute hin zu Digitalisierung, Intelligenter Fertigung und Industriellem Internet vorgibt, sieht der Weg in den Regionen aufgrund der verschiedenen Ausgangslagen unterschiedlich aus. Entscheidend ist dabei nichtnur der Wille der jeweiligen Regionalregierung, sondern tatsächlich auch die Branchen- sowie Unternehmensstruktur vor Ort“, betonen die Autoren der Studie, Corinne Abele (GTAI) und Ronald Erhard Metschies (GIZ). Entsprechend sei auch das 2015 gestartete Industriemodernisierungsprogramm „Made in China 2025“ zu verstehen – als ein Werkzeugkasten, aus dem jede Provinz und Region das passende Werkzeug auswählt.

Ein wesentliches Ziel des Programms „Made in China 2025“ war neben der Erhöhung der Innovationskraft die Verknüpfung von Industrialisierung und „Informatisierung“. Dies werde von der Regierung mit verschiedenen Mitteln gefördert. Unter anderem unterstützt sie Pilotprojekte im Bereich der Intelligenten Fertigungstechnik. Der Begriff „Made in China 2025“ findet bei politischen Veranstaltungen keine offizielle Benennung mehr, bleibt aber nach Darstellung der Studie die leitende Strategie für Chinas Industriepolitik. Aktuell wird die Initiative unter dem Namen „National Manufacturing Strategy“ fortgeführt.

Chinas Bedarf an Lösungen für die industrielle Digitalisierung ist groß

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass einige Regionen smarter sind als andere. „Ein genauer Blick in die Regionen ist daher nicht nur lohnend, sondern zwingend, um entsprechende Cluster zu erkennen“, so die Empfehlung der Autoren. Chinas Bedarf an Lösungen für die industrielle Digitalisierung sei groß, „die staatliche Unterstützung auf nationaler wie regionaler Ebene für Kunden und (inländische) Hersteller – in Form von Zuschüssen, der Einrichtung von Test Beds sowie steuerlichen Vergünstigungen – ebenfalls“.

Die Studie identifiziert insgesamt zehn Provinzen beziehungsweise Städte in China, in denen die intelligente Fertigung der Unternehmen am stärksten fortgeschritten ist: Peking, Shanghai, Guangdong, Zhejiang, Tianjin, Chongqing, Shandong, Fujian, Jiangsu und Anhui. Bis auf Anhui und Chongqing liegen alle an der Ostküste; lediglich Chongqing befindet sich in Westchina.

Alibaba bietet Cloud-Plattform für Fertigungsunternehmen an

Die Provinz Zhejiang gilt nach der Studie als das Herz der chinesischen Privatwirtschaft. Meist werden günstig und flexibel Massenprodukte aus den Bereichen Elektrotechnik, Textil-und Chemie produziert. Der E-Commerce- und Internetriese Alibaba mit Hauptsitz in der Provinzhauptstadt Hangzhou hat diese zum Zentrum für E-Commerce in China gemacht. Im September 2020 eröffnete das Unternehmen dort zum Beispiel seine digitale Fabrik Xunxi für die kundenspezifische und nachfragegesteuerte Fertigung von Kleinserien in der Bekleidungsindustrie. Mit Supet bietet Alibaba zudem eine Cloud-Plattform an, die digitale, vernetzte und intelligente digitale Dienstleistungen für Fertigungsunternehmen aus einer Hand anbietet. Darüber hinaus habe sich in Hangzhou um Alibaba herum eine dynamische Start-up-Szene gebildet, so die Studie.

Hangzhou ist 5G-Pilotstadt sowie der Sitz von chinesischen Robotikherstellern wie Siasun, Guozi oder Kaierda. Zudem haben sich hier einige Unternehmen im Bereich 3D-Druck sowie industrielle Steuerung etabliert. „Die Provinzregierung unterstützt gerade kleinere Firmen bei Automatisierung und Digitalisierung kräftig“, so die Studie. Mit insgesamt acht der Top 50 Städte für Intelligente Fertigung liegt Zhejiang in China auf Platz zwei, dabei hat es Ningbo – Sitz von Haitian, des weltweit größten Spritzgießmaschinenbauers – unter die Top 10 geschafft.

Robotikpark von Kuka-Muttergesellschaft Midea in Foshan

Als „industrielles Powerhouse mit Robotik im Fokus“ bezeichnet die Studie von GIZ und GTAI die Südostprovinz Guangdong. Allein in der Stadt Dongguan stellen Firmen wie Oppo, Vivo oder Huawei rund ein Viertel der weltweiten Mobiltelefone her. Im Foshaner Bezirk Shunde hat Midea, das 2017 den deutschen Robotikhersteller Kuka übernahm, einen großen Robotikpark aufgebaut. Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen zählt zu den führenden Innovationszentren in China und ist mit seiner IKT-Industrie eine Klasse für sich. Shenzhen hat das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt aller Städte Chinas. Hier sitzen Spitzenunternehmen im Bereich IKT-Hardware und Software wie Tencent, Huawei, ZTE oder DJI. Die Stadt verfügt über ein eigenes Industriecluster für IIoT und Intelligente Fertigung sowohl für Hardware als auch Software.

Die wirtschaftlich zweitstärkste Provinz in China ist Jiangsu. Ihr wirtschaftliches Rückgrat stellen neben einigen staatlich kontrollierten Konzernen die inzwischen über 2,2 Mio. Privatunternehmen. Einige deutsche Firmen halten die Region laut der Studie aufgrund ihres relativ hohen Fertigungsniveaus für sehr interessant in Bezug auf Industrie-4.0-Anwendungen; Fördergelder können beantragt werden.

Die Nachfrage nach Know-how-Ausbau sowie konkreten Digitalisierungslösungen ist in Jiangsu – auch seitens der Unternehmen – groß und auf relativ hohem Qualitätsniveau. Bei den deutsch-chinesischen Pilotprojekten liegt die Provinz mit Shanghai und Peking an der Spitze. Zum Know-how-Aufbau tragen das chinesisch-deutsche Demonstrations- und Innovationszentrum für I4.0 und die KI-Innovationsfabrik (I4.0 IC & AIIF) der Zweigstelle des Karlsruher Instituts für Technologie in Suzhou, das deutsch-chinesische I4.0-Integrationslabor in der deutschen Start-up Factory in Kunshan sowie der deutsch-chinesische Innovationspark für Intelligente Fertigungskooperation in Taicang bei. Dort gibt es mit über 340 Firmen, vor allem in den Bereichen Maschinenbau und Kfz-Zulieferung, die größte Ansammlung deutscher Mittelständler in China – einige mit Forschungs- und Entwicklungszentren.

Chinesischer Top-Down-Ansatz stößt an seine Grenzen

Die Autoren der Studie sehen somit in China große Fortschritte im Hinblick auf Industrie 4.0, aber auch die Grenzen des Top-Down-Ansatzes: „Chinas nationale Marschroute hin zu Digitalisierung und Intelligenter Fertigung wird stets regional, wenn nicht sogar lokal umgesetzt. Tatsächlich stößt die nationale Industriepolitik daher schnell an ihre Grenzen“, so Abele und Metschies. „Dies zeigen nicht zuletzt die aus dem Boden sprießenden industriellen Internet-Plattformen. Folgen sie einem Top- Down-Ansatz, sind sie selten erfolgreich, da sie den regionalen Anforderungen nicht gerecht werden.“ So werde bei Top-Down-Ansätzen häufig die Hardware zur Verfügung gestellt, „doch die eigentliche Geschäftsidee fehlt – das Projekt bleibt ohne große Wirkung“. Werde die industrielle Internet-Plattform hingegen auf Initiative der Unternehmen vor Ort, also Bottom-up aufgebaut, sei dies von Erfolg gekrönt.

Know-how für komplexe Industrieprozesse – Chancen für deutsche Firmen

Die Studie „Chinas Regionen – Auf dem Sprung zu Industrie 4.0“ sieht für deutsche Unternehmen großes Potenzial im Industrie-4.0-Umfeld: „Um Industrie 4.0-Konzepte und Lösungen anbieten zu können, bedarf es nicht nur Hardware wie Sensorik und intelligenter Maschinen. Grundlage ist ein ausgeprägtes Verständnis der komplexen Industrieprozesse sowie die Fertigkeit, dynamische und hoch-individualisierte Kundenwünsche in einer interdisziplinarischen Herangehensweise in praktikable Lösungen umzusetzen“, betonen die Autoren. „Entsprechendes Know-how ist in China kaum vorhanden. Und wenn, konzentriert es sich in wenigen Firmen. Für eine komplette industrielle Modernisierung bleibt das Land auf Input aus dem Ausland angewiesen.“

Sabine Koll