Beliebter Kunststoff – zum Teil mit Imageproblem

Auf vielen Anwendungsfeldern genießt Kunststoff in Deutschland ein hohes Ansehen und die Kunststoffindustrie ebenso. Foto: Lanxess

Kunststoffe sind im Aufwind: Die Erzeugung nimmt weiter schnell zu und die Zustimmung zu vielen Anwendungsfeldern und der Kunststoffindustrie insgesamt ist in Deutschland hoch, wie Plastics Europe gemessen hat. Doch gleichzeitig hat der Werkstoff ein Imageproblem, und die Verwertungsquote am Ende des Produktlebenszyklus ist in anderen Ländern teils viel zu gering.

Die jährliche Repräsentativumfrage in Deutschland zeigt: Kunststoff ist bei Verbrauchern und Entscheidern bekannt und beliebt. Geschätzt wird vor allem die Vielseitigkeit des Werkstoffs. Auch die Kunststoffindustrie genießt hohes Ansehen. Doch auf diesen Lorbeeren wollen sich die Kunststofferzeuger nicht ausruhen, zumal die Meeresverschmutzung und eine aus globaler Sicht nicht ausreichende Wiederverwertung das Image des Werkstoffs belasten. Speziell der Wissenstransfer in Sachen Kunststoffverwertung soll daher entschieden gefördert werden.

„Kunststoff ist nicht von ungefähr ein beliebter und angesehener Werkstoff“, schildert Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland e. V. Foto: K-ZEITUNG

Immerhin liegt die globale Zustimmung zum Werkstoff bei der breiten Bevölkerung in Deutschland bei 75 % und auch für die Kunststoffindustrie bei 74 %. "Kunststoff ist nicht von ungefähr ein beliebter und angesehener Werkstoff", kommentiert Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland e.V. als Verband der Kunststofferzeuger. Anhaltend hohe Wachstumsraten in der Kunststofferzeugung kann daher auch Claus-Jürgen Simon als Volkswirt des Branchenverbands vermelden. So ist die Produktionsmenge nach jüngsten Zahlen 2016 auf 335 Mio. t angestiegen, ein Zuwachs um 4,2 % gegenüber dem Vorjahr. "Kunststoff performt überdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtindustrie", konnte Simon somit verkünden.

Insbesondere in Sachen Umweltverträglichkeit und Verwertung habe die Kunststoffindustrie in Deutschland ihre Hausaufgaben gemacht. "Die Verwertungsquote für gebrauchte Kunststoffe liegt hierzulande heute bei vorbildlichen 99 Prozent, das ist kaum noch zu steigern. Auch im Recycling erreichen wir mittlerweile eine Quote von 45 Prozent – europaweit und auch weltweit ein Spitzenplatz", schildert Baunemann.

Anerkannt unverzichtbar

In sehr vielen Anwendungsbereichen können sich etwa Dreiviertel der im Auftrag von Plastics Europe Befragten kaum vorstellen, auf polymere Werkstoffe zu verzichten, so etwa in der Medizintechnik (78 %), im Fahrzeugbau (77 %), im IT- und Elektronikbereich (76 %) oder beim Bauen und Renovieren (74 %). Deutlich geringer ist allerdings die Zustimmung für Kunststoffe in Verpackungen, in diesem Anwendungsfeld erkennen nur wenig mehr als 50 % der Befragten Kunststoffe als unverzichtbar an, ebenso viele bezeichnen sie hier aber auch als "schädlich".

"Kunststoff ist Teil der Lösung und nicht etwa des Problems. Die Umfrageergebnisse in Deutschland beweisen, dass das für viele Anwendungsfelder auch bereits erkannt wird", erklärt Verbandschef Baunemann. Eine wichtige Kommunikationsaufgabe des Verbandes sei es nun, die steigenden Anforderungen an Verpackungen darzulegen, die letztlich zu dem bekannten Siegeszug der Kunststoffe auf diesem Feld geführt haben.

So werden heute 63 % aller Füllgüter mit definiertem Gewicht in Hauptpackmitteln aus Kunststoff zum privaten Endverbraucher transportiert; zugleich machen diese Kunststoffverpackungen nach Tonnage aber nur 24 % des Aufkommens von Hauptpackmitteln aus. "Aus Kunststoffen entstehen hocheffiziente Verpackungen", betont Baunemann. Nur so gelinge es, vielfältige Verbraucherbedürfnisse zu bedienen und zugleich einen sehr hohen Prozentsatz beispielsweise der Nahrungsmittel vor dem Verderben zu bewahren.

Die Erzeugungsmenge für Kunststoff ist 2016 auf 335 Mio. Tonnen gestiegen, berichtet Claus-Jürgen Simon als Volkswirt im Verband Plastics Europe. Foto: K-ZEITUNG

In Europa große Unterschiede in der Verwertungsquote

In puncto Wiederverwertung müsse es darum gehen, das in Deutschland entwickelte Know-how zu verbreiten. "Kunststoff ist zum Wegwerfen zu schade. Der Wissensaustausch zur Sammlung, Sortierung und Verwertung von Kunststoffabfällen in Europa und der Welt kann entscheidend dazu beitragen, der Vermüllung der Meere erfolgreich zu begegnen. Marine Litter ist ein globales Problem – um es erfolgreich anzugehen, müssen alle Stakeholder an einem Strang ziehen", ruft Baunemann zur weltweiten Zusammenarbeit auf. Es reiche ja nicht, dass Kunststoff und die Kunststoffindustrie in Deutschland "aus gutem Grund ein hervorragendes Image haben".

Beispielsweise gehe die Schere in der Verwertungsquote schon zwischen den europäischen Ländern weit auseinander, selbst hochentwickelte Länder wie Großbritannien liegen hier unter 60 %, Spanien unter 50 %, Kroatien unter 30 % und Griechenland als eines der Schlusslichter gar nur wenig über 20 %. Baunemann plädiert: "Wir müssen die Menschen weltweit zum richtigen Umgang mit unserem Werkstoff anleiten, damit wir die Vorteile, die Kunststoff in einer Vielzahl von Anwendungen offeriert, auch wirklich nutzen können."

Erste Schritte sind bereits getan, wie der Chef des Verbandes der Kunststofferzeuger erläutert. Zu nennen sei etwa die "Global Declaration for solutions on marine litter", die seit 2011 von 69 Kunststofforganisationen in 35 Ländern unterzeichnet wurde und seitdem rund 260 Projekte aufgelegt hat, das jüngst veröffentlichte Strategiepapier "Plastics Europe’s Views on a Strategy on Plastics", die "Identi Plast", eine europäische Konferenz speziell zur Sammlung und Verwertung von Kunststoffabfällen, sowie eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen. Die Minimierung von Kunststoffgranulatverlusten innerhalb der Kunststoff-Wertschöpfungskette zum Ziel haben Programme wie "Null Pelletverlust" in Deutschland sowie europäisch und global die "Operation Clean Sweep".

gr