Aus Produktionsabfall wird hochwertiges PMMA-Pulver

In der Mühle werden PMMA-Produktionsabfälle aus Industriebetrieben zu hochwertigem PMMA-Pulver vermahlen. Foto: KFG

Aus industriellem Produktionsabfall produziert KFG ein fein vermahlenes PMMA-Pulver mit höchster Qualität, das unter anderem für Küchenspülen eingesetzt wird.

Das rund 40 Mitarbeiter zählende Familienunternehmen Kunststoff- und Farben-Gesellschaft KFG aus Biebesheim am Rhein hat sich auf die Herstellung von qualitativ sehr hochwertigem PMMA-Pulver aus Produktionsabfall von Industriebetrieben spezialisiert. Pro Jahr verlässt zwischen 5.000 und 6.000 t PMMA-Rezyklat das Werk, davon ungefähr die Hälfte als PMMA-Pulver.

Produktionsabfall wird zu Feinmahlgut für verschiedenste Anwendungen

Reiner Nittmann, Geschäftsführer der Kunststoff- und Farbengesellschaft KFG: „Für die Spülenfertigung muss das PMMA-Pulver extrem sauber sein und darf keinerlei Verunreinigungen enthalten.“ Foto: KFG

Reiner Nittmann, Geschäftsführer und kaufmännischer Leiter des Unternehmens: „Wir haben uns voll auf PMMA fokussiert, also auf Acrylglas/Plexiglas, und eine unserer großen Stärken dabei ist die Pulverproduktion. Dazu stellen wir aus industriellem PMMA-Abfall ein Feinmahlgut für die verschiedensten Anwendungen her. Für viele unserer Kunden ist es dabei äußerst wichtig, dass dieses farblose Pulver extrem sauber ist.“

Wie Nittmann erklärt, gilt dies ganz besonders für die wichtigste Anwendung der PMMA-Pulver aus Biebesheim: die Herstellung von Küchenspülen aus Acrylkeramik („Solid Surface“). Die Spülenhersteller lösen das von KFG produzierte Pulver in Monomer – also in MMA – auf. Das Ergebnis ist ein Harz, das dann mit Füllstoffen wie zum Beispiel Quarz versehen wird. Durch Polymerisieren dieser Mischung entsteht dann eine Acrylkeramikspüle.

Extrem sauberes PMMA-Pulver für die Spülenfertigung

Nittmann zum entscheidenden Unterschied von KFG im Vergleich zu anderen Kunststoffrecyclern, die Produkte für die Recompoundierung, die Extrusion oder den Spritzguss herstellen: „Für die Spülenfertigung muss das Pulver extrem sauber sein und darf keinerlei Verunreinigungen enthalten, denn schon die kleinste Verunreinigung kann dazu führen, dass die komplette Spüle zum Ausschuss wird, und dies akzeptieren unsere Kunden nicht. Unsere Kunden sind auf 100 Prozent Sortenreinheit angewiesen und die müssen wir liefern.“

Ausgangsmaterial für das PMMA-Pulver ist zum Beispiel Produktionsausschuss von Spritzgussbetrieben oder Schneidereste von PMMA-Platten – also reiner Post-Industrial-Abfall. Wie Nittmann erklärt, kommt die Verwendung von Post-Consumer-Abfall für KFG aus den genannten Qualitätsgründen nicht infrage.

Erschwerend bei der Materialbeschaffung kommt hinzu, dass sich auch nicht alle Arten von PMMA aus industriellem Abfall zur Herstellung der Pulver eignen. Denn PMMA an sich ist zwar relativ einfach recycelbar; so kann PMMA-Abfall problemlos depolymerisiert, aber auch extrudiert oder spritzgegossen werden und lässt sich danach für verschiedenste Aufgaben verwenden. Allerdings zeichnet sich PMMA durch ein riesengroßes Spektrum und zahlreiche Sondertypen aus.

Auf Post-Industrial-Abfall angewiesen

Die Herausforderung für KFG war es schon immer, genügend geeignetes Material für die Produktion zu bekommen. Foto: KFG

Auch die Besonderheit von KFG, dass nur mit Recyclingmaterial gearbeitet, macht die Sache nicht einfacher. Nittmann: „Wir können nicht einfach Material bestellen und damit die Produktion hochfahren, da wir auf das angewiesen sind, was an Post-Industrial-Abfall bei uns ankommt. Wir können nur das kaufen, was in der Industrie an Produktionsabfall anfällt.“

Wie Nittmann erklärt, wird diese an sich schon schwierige Situation durch die aktuelle Rohstoffverknappung noch verschärft: „Jeder Betrieb versucht jetzt natürlich angesichts der Materialknappheit den Ausschuss soweit irgendwie machbar zu reduzieren und zudem seine Produktionsabfälle möglichst wieder in der eigenen Fertigung einzusetzen.“

Eingekauft wird global

Doch über die Jahre hat KFG gelernt, mit dieser Situation umzugehen. „Unsere Herausforderung war es schon immer, genügend geeignetes Material für unsere Produktion zu bekommen. Wir hätten eigentlich immer mehr Material verkaufen können, als wir Rohstoffe für unseren Recyclingprozess erhalten haben, und kaufen deshalb schon seit vielen Jahren global ein“, so Nittmann.

Um ein geschätzter und gerne genutzter Abnehmer für PMMA-Abfälle zu sein, kauft KFG ganz bewusst auch Abfälle, die nicht für das hochwertige PMMA-Pulver verwendet werden können. Reiner Nittmann: „Wir können uns ja beim Einkauf nicht nur die Top-Ware aussuchen, sondern müssen auch bedrucktes, farbiges oder verschmutztes Material annehmen, das wir dann für andere Aufgaben aufbereiten. Denn farbiges oder verschmutztes Material eignet sich nicht zur Herstellung der Küchenspülen und wird deshalb für andere Anwendungen  genutzt, zum Beispiel zur Herstellung von Acrylbeton, als Strahlmittel, zur Porenbildung für Schleifscheiben oder zur Reinigung von Extruderschnecken oder Spritzgussmaschinen. Vieles davon geht auch in den Export und wird zum Teil depolymerisiert.“

Mehr als ein Dutzend Mühlen im Einsatz

In seiner Fertigung betreibt KFG neben mehr als einem Dutzend Mühlen übrigens auch eine eigene Harzfertigung, bei der flüssige Harze auf Methacrylatbasis hergestellt werden. Wie bei den Herstellern der Küchenspülen wird dabei das Polymer in Monomer aufgelöst. Dieses Harz wird zum Beispiel an verschiedene Hersteller von Orthopädieteilen – in erster Linie für Einlegesohlen – oder für Klebstoffanwendungen geliefert.

Zudem verfügt KFG über eine eigene Polymerisationsanlage zur Substanzpolymerisation. Die mittels Blockpolymerisation hergestellten Blöcke werden genauso wie die angelieferten PMMA-Abfälle vermahlen und als Pulver für verschiedenste Anwendungen geliefert.

Was die Zukunft betrifft, ist KFG nach Überzeugung von Reiner Nittmann bestens aufgestellt. Denn der anhaltende Trend zum Umweltschutz und zum Einsatz Recyclingmaterial sorgt nicht nur für rege Nachfrage in Biebesheim, sondern auch für neue Produkte. So arbeiten derzeit verschiedene Unternehmen an der Umsetzung der „green sink“ – also der umweltneutralen Küchenspüle. „Dabei wird unser Rezyklat mit einem Monomer gemischt, das ebenfalls über Recycling gewonnen wurden. Die komplette Küchenspüle besteht damit aus Recyclingmaterial, was in bestimmten Kundenkreisen sehr gut ankommt“, so Reiner Nittmann abschließend.

PMMA-Abfälle sind bares Geld wert

Die Kunststoff- und Farbengesellschaft KFG ist ständig auf der Suche nach PMMA-Abfällen aus der Industrie, da schon seit Jahren die Nachfrage nach PMMA-Rezyklat höher ist als das Angebot an geeigneten PMMA-Abfällen. Wie Geschäftsführer Reiner Nittmann erklärt, ist dies für die PMMA-Verarbeiter und KFG eine echte Win-win-Situation: „Die PMMA-Verarbeiter erhalten für ihre Produktionsabfälle Geld und wir die Rohstoffe für unsere Rezyklatherstellung. Wer PMMA-Abfall hat, sollte auf jeden Fall mit uns reden.“

Günter Kögel