26. Januar 2012 | Editorial

Ohne die Kunststoffindustrie geht nichts

"Die Realität ist weitaus besser als die allgemeine Stimmung." Wenn nicht alles trügt, könnte diese Diagnose – trotz Euro-, Finanz- und Schuldenkrise – auch 2012 die richtige sein, zumal, was die künftige Geschäftsentwicklung der deutschen Kunststoffindustrie betrifft. Natürlich haben sich die Voraussetzungen verändert. 

Sind Sie ein abergläubischer Mensch, betreiben Sie metaphysische Studien? Hoffentlich nicht. Ansonsten hätten Sie zu Silvester das Jahr 2012 gewiss gerne aus dem Kalender gestrichen, denn nichts Geringeres als der Weltuntergang droht. So jedenfalls, wenn man Michel de Nostredame (1503–1566), besser bekannt als Nostradamus, folgt. Denn der Apotheker, Arzt und Astrologe sagt exakt für den 21. Dezember 2012 die Apokalypse voraus. Hoffen wir, dass er, wie bislang bei sämtlich anderen Prophezeiungen auch, kräftig danebenrät und es bei einer totalen und trotzdem harmlosen Sonnenfinsternis am 13./14. November bleibt, die in Australien, Neuseeland und Südamerika zu beobachten ist.

Im Ernst: Auch wissenschaftlich fundierte und professionelle Kaffeesatzleser und Glaskugelakrobaten wie Volkswirte von Wirtschaftsforschungsinstituten tun sich schwer mit ihren Prognosen für das laufende Jahr. Wie das Handelsblatt kürzlich dokumentierte, lagen ihre Voraussagen für die Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts selten so weit auseinander wie für 2012 und reichen von 3% plus bis zu einer Rezession. Zwischen diesen beiden Polen liegt beinahe schon eine ganze Welt – wie zwischen der Nostradame‘schen Apokalypse und einer Sonnen­finsternis über Down Under. Was lehrt uns das? Nicht die Krümel im Kaffeesatz zu analysieren, sondern auf den Satz eines Unternehmers in der Kunststoffindustrie vom Oktober 2011 zu vertrauen: "Die Realität ist weitaus besser als die allgemeine Stimmung."

Wenn nicht alles trügt, könnte diese Diagnose – trotz Euro-, Finanz- und Schuldenkrise – auch 2012 die richtige sein, zumal, was die künftige Geschäftsentwicklung der deutschen Kunststoffindustrie betrifft. Natürlich haben sich die Voraussetzungen verändert: War 2011 regelrecht auf Aufschwung gepolt, gilt dies nach der beginnenden Abkühlung besonders im vierten Quartal keineswegs. Gleichwohl gibt es Grund zu einem vorsichtigen Optimismus, der vor allem (ohne die nach wie vor dominierende Rolle des Binnenmarkts und der EU zu vernachlässigen) von der Ausfuhrstärke des deutschen Kunststoff- und Gummimaschinenbaus als weltweite Nummer 1 mit Marktanteilen von beinahe 24% im Export gespeist wird.

Produkte der Kunststoffindustrie sind unentbehrlich geworden

Und nach wie vor, trotz eines gedämpfteren Wirtschaftsverlaufs, dürften die globalen Wachstumsmärkte in Asien und Südamerika weiterhin kräftige Steigerungsraten erwarten. Dies auch deshalb, weil Kunststoffe zur Lösung drängender und gerade auf diesen Märkten vorhandener Probleme einen innovativen Beitrag leisten: sei es im Bereich der Verpackung, bei medizinischen Instrumenten und Geräten, im Bausektor und Transportwesen oder beim Einsatz energieeffizienter Materialien in der Automobilindustrie. Produkte der Kunststoffindustrie sind unentbehrlich geworden und globale Herausforderungen wie Bevölkerungswachstum und Klimawandel spielen ihr in die Hände. Mit der Internationalität des Kunststoffjahrs 2012, das mit seinen Messen, wie selten zuvor, beinahe alle bedeutenden Märkte in Asien, Amerika und Europa komprimiert in den Fokus rückt, schließt sich der Kreis.

Dabei wäre es zur Verlagerung der globalen Gewichte nach Asien übrigens niemals – oder nicht so schnell – gekommen, wenn nicht vor ziemlich genau 20 Jahren, am 19. Januar 1992, ein gewisser Deng Xiaoping in die südostchinesische Provinzhauptstadt Guangzhou aufgebrochen wäre, wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich berichtete. Dorthin also, wo im zweijährlichen Turnus die ChinaPlas veranstaltet wird. Die als "Urlaubsreise" getarnte Tour durch den Süden Chinas, die den damals 87-jährigen Deng weiter von Guang­zhou nach Shenzhen in die "Sonderwirtschaftszone" führte, dient einem einzigen Zweck. Der Politrentner, der China einst für marktwirtschaftliche Ideen geöffnet und zwei Jahre zuvor alle Ämter abgegeben hatte, will die Genossen im Politbüro Pekings mit Unterstützung der Bevölkerung und der Medien dazu bringen, den nach der brutalen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Pekinger "Platz des Himmlischen Friedens" und dem Zerfall des Ostblocks abrupt gestoppten Reformkurs wieder aufzunehmen. Das Politbüro will zurück zur Planwirtschaft. Deng hingegen spricht mit Funktionären, Militärs und Journalisten auf seiner zweimonatigen Reise, die in China heute einen ähnlichen Mythos wie Maos langer Marsch genießt, und doziert über Marktwirtschaft, freien Handel, Wachstum und Wohlstand. Schließlich gewinnt er den Machtkampf mit dem Politbüro, das im März das sogenannte "Dokument Nummer 2" und damit die Beibehaltung der marktwirtschaftlichen Reformen beschließt. Hätte Deng Xiaoping auf Prognosen gehört, wäre er gewiss zu Hause geblieben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesundes, rundum erfreuliches und erfolgreiches Jahr 2012!

Dr. Roman Leuthner, Chefredakteur K-ZEITUNG


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Editorial: Vor dem nächsten Sprung

Vor 25 Jahren war China erstmals Partnerland der Hannover Messe. Was sich während dieses Vierteljahrhunderts im viertgrößten Flächenstaat der Erde entwickelt hat - darüber lässt sich mitunter nur staunen. im Maschinenbau richten sich die Chinesen neu aus, was auch die Orientierung im Bereich der Kunststoff- und Gummimaschinen beeinflusst.

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