21. November 2011 | Editorial

Editorial: Kunststoff und Design

Design, Design, Design — kaum jemand wusste besser, was richtiges Produktdesign ausmacht, als Steve Jobs. Für den erst kürzlich verstorbenen Apple-Gründer bedeutete Design, den geschaffenen Objekten eine "Seele" zu geben und diese in die Kommunikation ihrer Nutzer einzubinden. Kunststoff steht dabei im Mittelpunkt. Denn beim Design spielen polymere Werkstoffe eine zentrale Rolle.

"Der Mensch ist ein Augentier", soll die englische Krankenschwester Florence Nightingale, die im 19. Jahrhundert die moderne Krankenpflege mit ihren Hygienestandards begründete, einmal gesagt haben. Das ist richtig. Gut 80 Prozent unserer Sinneseindrücke, die uns die Orientierung in der Welt ermöglichen und uns Dinge "schön" oder "hässlich", "wohlgeformt" oder "misslungen" empfinden lassen, werden uns sehenden Auges geliefert.

Doch auch die Haptik, das Erfühlen und Ertasten von Formen und Oberflächen, spielt eine große Rolle bei der Bewertung von Dingen. Die Fragen "angenehm oder unangenehm?", "kalt oder warm?", "rau oder glatt?" lassen uns Gegenstände aus unserer Alltagswelt sympathisch oder unsympathisch empfinden.

Kunststoff spielt eine zentrale Rolle

Formen, Farben, Oberflächenstrukturen und Materialeigenschaften beeinflussen die Kaufentscheidung für oder gegen Produkte. Nicht nur deren Funktion. Dass dies besonders für gesättigte Märkte gilt, beweist ein stabiler Trend, der der Designqualität von Erzeugnissen immer mehr Gewicht beimisst. Dabei spielen Kunststoffe eine zentrale Rolle, denn polymeren Werkstoffen wächst in der industriellen Produktion mehr und mehr die Aufgabe zu, Alltagsgegenständen vom Staubsauger über den Waschvollautomaten bis zum Computermonitor Stil und Ästhetik zu verleihen und deren Formen und Oberflächen nachhaltig zu verschönern.

Dies ist Anlass genug für die K-ZEITUNG, mit einer neuen Serie zu beginnen, die wir "Kunststoff und Design" nennen und die Sie in unregelmäßigen Abständen in Ihrem Fachmedium finden werden. In der aktuellen Ausgabe (Nr. 22 vom 18.11.2011) lesen Sie einen einführenden Überblick über die wesentlichen Trends im Kunststoffdesign sowie über den Zusammenhang von Form und Funktion bei Staubsaugern, der Haushaltshilfe Nummer eins.

"Form und Funktion": Die Frage nach ihrem Wirkungszusammenhang dürfte eine der zentralsten Ausgangsfragen bei der Entwicklung oder Verbesserung von Produkten sein. Für die Forderung nach völliger Gleichberechtigung von Form und Funktion findet Richard Sennett, einer der bedeutendsten Soziologen und Kulturphilosophen der Gegenwart, ein schlagkräftiges Argument. Sennett, der Soziologie und Geschichte an der London School of Economics und an der New York University lehrt, schildert in seinem 2008 erschienenen und viel beachteten Buch "Handwerk" die "Trennung von Hand und Kopf" am Beispiel der digitalisierten Konstruktion mithilfe von CAD-Systemen (computer-assisted design). Er beklagt das von der "unmittelbaren Erfahrung losgelöste Design", das durch die Markierung von Bildpunkten auf dem Monitor und deren Weiterverarbeitung durch Algorithmen entstehe. Diese Konstruktionsweise führe zu einer "statischen Folge von Mittel und Zweck", die den Menschen vom Material und seiner "kunsthandwerklichen" Gestaltung entfremde. Mit diesem Bild verweist Sennett auf den Grundgedanken des Weimarer Bauhauses, das die Kunst von der Industrialisierung emanzipieren und das Kunsthandwerk wiederbeleben wollte.

Es geht um die "Seele" von Objekten

Gerade das Bauhaus und vieles, was aus seiner Philosophie entstanden ist und industrielles Design ganz wesentlich beflügelt hat, zieht jedoch keine Grenze zwischen "Massenproduktion" und dem Qualitätsanspruch des handwerklich erzeugten Einzelstücks.

Im Gegenteil: Die Serie kann "Kunst" erzeugen, Industriedesign kann von höchster Designqualität sein. Es geht vielmehr um die "Seele" der Objekte und um die Kommunikation mit ihren Nutzern. Kaum jemand hat dies wohl so deutlich gespürt und so konsequent umgesetzt wie Steve Jobs, der kürzlich verstorbene Apple-Chef. Als Visionär hauchte der kreative Geist industriellen Massenprodukten "Leben" ein, das durch die Kombination aus Funktion und Design entstanden ist. Den Produkten aus Cupertino gelingt es, sowohl die (kunst)handwerklichen Bedürfnisse der Menschen durch ihre intuitiv zu bedienenden Funktionsoberflächen zufriedenzustellen als auch ihre Ansprüche an die Ästhetik alltäglich benutzter Werkzeuge.

Auch damit sowie mit vielen weiteren interessanten Produktentwicklungen, denen Kunststoffe zu höherer Qualität verhelfen, wird sich die Serie "Kunststoff und Design" beschäftigen. Freuen Sie sich auf eine spannende Lektüre!

Roman Leuthner, Chefredakteur K-ZEITUNG


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